Der Aargau geht bei der Arbeitsmarktintegration neue Wege. Seit dieser Woche arbeiten die Invalidenversicherung (IV), das Amt für Wirtschaft und Arbeit und interessierte Gemeinden im ganzen Kanton zusammen. «Kooperation Arbeitsmarkt», heisst das neue Zusammenarbeitskonzept, das auf das Pilotprojekt «Pforte Arbeitsmarkt» zurückgeht. Die «Pforte» startete 2012. Mitarbeitende der IV und der Arbeitslosenversicherung (ALV) sowie der zehn beteiligten Gemeinden arbeiteten in Menziken unter einem Dach zusammen und verfolgten das gemeinsame Ziel, stellensuchende Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Durch die räumliche Nähe konnten Synergien genutzt werden und der Koordinationsaufwand zwischen den beiden Versicherungen entfiel. Stellensuchende wurden nicht mehr von einem System ins andere abgeschoben. Sie hatten – genauso wie die Arbeitgeber – in den zehn Pilotgemeinden nur noch eine Anlaufstelle.

IV-Mitarbeitende auf den RAV

Die Rückmeldungen einer ersten Umfrage waren denn auch positiv: «Die befragten Arbeitgeber, Versicherten, Mitarbeitenden und Gemeinden waren extrem zufrieden», sagt Peter Eberhard, Leiter IV bei der SVA Aargau. Der Pilotbetrieb wurde 2015 um weitere vier Jahre verlängert und per 1. April 2019 mit einem leicht abgeänderten Konzept auf den ganzen Kanton ausgeweitet.

Zwar sei mit der kantonsweiten «Kooperation Arbeitsmarkt» eine Zusammenführung unter einem gemeinsamen Dach nicht mehr vorgesehen, sagt Eberhard. Für den Erfolg des Projekts brauche es dies aber nicht. «Entscheidend ist, dass mit der Neuorganisation der Aufgaben der Koordinationsaufwand wegfällt und IV-Mitarbeitende neu an allen sieben Standorten der RAV präsent sind», sagt Eberhard. Dadurch sei gewährleistet, dass Stellensuchende und Arbeitgeber in Zukunft nur noch eine Ansprechperson haben.

Zwar gebe es die Grenze zwischen den beiden Institutionen rechtlich noch, sagt Thomas Buchmann, der Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit. «Aber wir lösen diese Grenze etwas auf, indem wir systematisch zusammenarbeiten.» Es gehe dabei um eine «echte Kooperation und nicht nur eine Koordination in einzelnen Fällen». Es soll keine Abgrenzung zwischen ALV und IV geben, sondern eine Vermittlung aus einer Hand mit nur einer Kontaktstelle. Die Stellensuchenden und Arbeitgeber sollen von den Grenzen nichts merken. «Sie stehen heute stärker im Fokus. Sie haben eine Ansprechperson und um den Rest kümmern wir uns», sagt Buchmann.

Ob Stellensuchende durch die Zusammenarbeit wirklich schneller vermittelt werden können, konnte bisher nicht belegt werden. «Wir haben in der Evaluation gesehen, dass alle Zeichen positiv sind», sagt Eberhard. «Aber wir konnten nicht beziffern, wie viel Rente oder Taggeld wir einzig aufgrund des Projektes gespart haben.» Es sei aber so, dass jede Person, die auch nur ein bisschen früher wieder arbeiten könne oder anstatt einer ganzen IV-Rente nur eine halbe brauche, bereits vom System profitiere.

Schneller, besser und billiger?

Die Schlussevaluation könne wohl auch nicht abschliessend beweisen, dass die Arbeitsmarktintegration durch die Zusammenarbeit «besser, schneller und billiger» sei, sagt Buchmann. «Man weiss bei solchen Projekten nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht so gemacht hätte.» Er ist aber überzeugt, dass sich langfristig zeigen werde, «dass es auch finanziell besser ist, wenn es für die Klienten besser ist». Dies schon nur deshalb, weil künftig nur noch ein Mitarbeiter bei den Arbeitgebern vorbeigehe, anstatt dass sich die beiden die Türklinke in die Hand gäben.

Eine Sparübung sei das Ganze aber nicht, betont Eberhard. «Es geht darum, mit den vorhandenen Ressourcen mehr Wirkung zu erzielen.» Bei der IV habe es in der Vergangenheit jedes Jahr vier bis fünf Prozent mehr Anmeldungen gegeben. «Es gibt also mehr Arbeit und deshalb ist diese Effizienz auch gefordert», sagt Eberhard.

Datenschutz – eine Knacknuss

Wenn zwei Institutionen zusammenarbeiten, stellt sich auch die Frage, wie der Datenaustausch geregelt wird. In diesem Fall ganz besonders, weil die IV mit hochsensiblen Daten arbeitet. Sie weiss im Detail über die gesundheitlichen Einschränkungen ihrer Versicherten Bescheid. Dieses Problem sei gelöst, sagt Buchmann. «Die Stellensuchenden müssen dem Datenaustausch zwischen IV-Stelle und RAV zustimmen.» Dies erlaube unter anderem auch den Zugang für Mitarbeitende der IV auf das System der RAV. «Der Datenaustausch ermöglicht eine gemeinsame Fallprüfung und Fallführung und verhindert Leerläufe», sagt Buchmann. Den RAV stünden mit Ausnahme von medizinischen Informationen alle für die Arbeitsvermittlung relevanten Daten zur Verfügung.

Die beiden Chefs sind also schon mal zuversichtlich, dass auch der Nachfolger der «Pforte» ein Erfolg wird. Gleich sieht es Landammann Urs Hofmann. «Ich bin überzeugt, dass sich der grosse Aufwand gelohnt hat», sagte er gestern Abend an der Feier zum Start der «Kooperation Arbeitsmarkt» im Saalbau in Reinach.

Von der Idee bis zum heutigen Tag seien fast zwölf Jahre vergangen. «Ein vermeintlich langer Weg», so Hofmann. «Doch für ein Verwaltungsprojekt in dieser Komplexität relativiert sich die Zeitspanne.» Die grosse Herausforderung sei gewesen, dass alle Staatsebenen, also Bund, Kanton und Gemeinden, involviert waren. Als Landammann freue es ihn besonders, dass das Projekt im Aargau entstand, «wo die grossen Flüsse sich vereinen». Und Wasser habe ja bekanntlich eine unwiderstehliche Kraft, so Hofmann. Diese Kraft habe es, nach dem Motto «steter Tropfen höhlt den Stein», geschafft, auch Bundesbern von der Aargauer Idee zu überzeugen.

Es hätte nichts werden können

Tatsächlich hätte das Projekt noch auf den letzten Metern scheitern können. Für die Einführung der «Kooperation Arbeitsmarkt» müssen das Arbeitslosenversicherungsgesetz und das Invalidenversicherungsgesetz auf Bundesebene angepasst werden. Für den Kanton Aargau sind die Anpassungen im Bereich der Zugriffsrechte besonders relevant. Das alte Recht erlaubt es nämlich nicht, dass Mitarbeitende von IV-Stellen Zugriff auf die Daten der RAV haben. Dass Bundesbern letztlich einrenkte und die Gesetzesänderungen im Sinne des Kantons Aargaus aufnahm, sei nicht zuletzt der Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer zu verdanken. «Sie konnte den damaligen Bundesrat Johann Schneider-Ammann vom Projekt überzeugen», sagte Hofmann. Der Landammann hofft, dass das Modell auch über den Aargau hinaus Schule macht.