Kantonsspital Baden
Chefarzt: «Es war nie so wie jetzt. Die Station ist voll trotz vier zusätzlichen Betten» – grosse Reportage

Die zehn Betten auf der Intensivstation des Kantonsspital Baden reichten immer. Bis die Coronapandemie kam. Für die Mitarbeitenden ist die Ungewissheit belastend. Sie fragen sich, wie das alles zu stemmen ist. Ein Blick hinter die Kulissen des zweitgrössten Spitals im Kanton.

Noemi Lea Landolt
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Die Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation des Kantonsspital Baden liegen in abgeschlossenen Kojen mit Glasfenstern.
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Die Mitarbeitenden, die sich um Covid-Patientinnen und Covid-Patienten kümmern, arbeiten in Schutzmontur.
Mitarbeitende in der sauberen Zone, dienen jenen in der Covid-Zone zu, damit diese die Schutzkleidung nicht ständig an- und ausziehen müssen.
Die Betreuung von Covid-Patientinnen auf der Intensivstation ist sehr ressourcenintensiv. Pro Bett braucht es im 24-Stunden-Betrieb fünf bis sechs Vollzeitstellen.
Die Coronapandemie überstrahlt auch im Notfall alles. Die Patientenströme müssen strikt getrennt werden, um zu verhindern, dass es im Spital zu Ansteckungen kommt.
Im Bereich D des Notfalls werden nur Covid-Notfälle betreut.
Die Mitarbeitenden tragen hier Schutzkleidung und wechseln während der Schicht nicht zwischen den Zonen.
Um die Patientenströme strikt zu trennen, wurden provisorische Wände hochgezogen. Dieser Gang wäre normalerweise doppelt so breit.

Die Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation des Kantonsspital Baden liegen in abgeschlossenen Kojen mit Glasfenstern.

Alex Spichale

Auf der Intensivstation des Kantonsspitals Baden (KSB) ist es ruhig, obwohl an diesem Vormittag sicher 20 Personen dort arbeiten. Der Raum ist offen. Rot-weisse Absperrbänder und gelb- schwarze Klebebänder am Boden markieren die Grenze zwischen der normalen Intensivstation und der Covid-19- Zone. Wer sich in der Covid-Zone bewegt, trägt einen Schutzanzug, eine Schutzbrille, einen Haarschutz und eine FFP2-Maske – bei Kontakt zu Patientinnen und Patienten auch Handschuhe. Die Schutzkleidung ziehen die Mitarbeitenden bei Schichtbeginn an und tragen sie bis zum Feierabend. Brauchen sie etwas aus der sauberen Zone, wird ihnen dies über das Absperrband gereicht. Die Zeit, sich dauernd an- und auszuziehen, haben sie nicht.

Die Patientinnen und Patienten liegen in abgeschlossenen Kojen mit Glasfenstern. Sie hängen an Schläuchen und Kabeln. Einige sind an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Durch ein Kunststoffrohr wird ihnen Sauerstoff in die Lungen gepumpt. Andere haben eine Maske über Mund und Nase und werden so mit Sauerstoff versorgt.

Die Intensivstation des Kantonsspitals Baden verfügt normalerweise über zehn Plätze. Diese Kapazität hat bisher immer gereicht. Bis die Coronapandemie kam. Schon in der ersten Welle im Frühling wurden die vier zusätzlichen Kojen – in denen vorher Büros waren – zu Intensivplätzen umgerüstet. Es wurden Leitungen gezogen und Geräte angeschafft. «Es war eine Herausforderung, die Geräte zu bekommen», erinnert sich Markus Schwendinger, Chefarzt des interdisziplinären Notfallzentrums und der Intensivstation (IPS). Jetzt, in der zweiten Coronawelle, ist das Material da und die zusätzlichen Betten sind betriebsbereit oder sogar schon in Betrieb. Am Tag unseres Besuchs lagen zwölf Patienten auf der Intensivstation – die Hälfte wegen Covid-19.

Für vier zusätzliche Betten braucht es 20 bis 24 Mitarbeitende

Die Betreuung dieser Patienten ist ressourcenintensiv. Pro Koje benötige es im Minimum eine Person pro Schicht, sagt Markus Schwendinger. Täglich wird in drei Schichten gearbeitet. Von Montag bis Sonntag. «In der aktuellen Situation braucht es Hilfspersonal. Wenn man einen Patienten in die Bauchlage drehen muss, kann man das nicht alleine machen.» Weiter brauche es Personen auf der sauberen Seite, die jenen in der Covid-Zone zudienten. «Wenn man einem Covid-Patienten Blut abnimmt, muss auf der anderen Seite jemand das Reagenzglas entgegennehmen, desinfizieren und analysieren oder ins Labor schicken.» Alles in allem, so Schwendinger, brauche es pro Bett im 24-Stunden-Betrieb fünf bis sechs Vollzeitstellen. «Wenn wir jetzt vier Betten mehr betreiben, brauchen wir also 20 bis 24 Personen mehr.» Personal, das er nicht einfach auf Reserve hat. Wer auf einer anderen Abteilung im KSB arbeitet und eine intensivmedizinische Ausbildung hat, wurde bereits gebeten, auf der IPS auszuhelfen. Zusätzlich kommt Pflegepersonal aus der Anästhesie zum Einsatz. «Im Moment reichen die 14 betriebenen IPS-Plätze aus», sagt Markus Schwendinger.

Die Betreuung der Covid-Patienten ist personalintensiv.

Die Betreuung der Covid-Patienten ist personalintensiv.

Alex Spichale

Ungewissheit belastet: «Niemand weiss, wann es vorbei sein wird»

François Fontana ist der ärztliche Leiter der Intensivmedizin am KSB. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, die Dienstpläne für die Ärztinnen und Ärzte zu erstellen. Normalerweise plant er zwei bis drei Monate im Voraus. Wegen Covid-19 kann er maximal für die nächsten zwei Wochen planen. Das verlangt eine hohe Flexibilität aller Mitarbeitenden. «Es ist sehr einschneidend und anstrengend, weil man keine Planungssicherheit hat.» Dazu kommt die Ungewissheit. «Niemand weiss, wie lang es noch dauert und wann es vorbei sein wird.»

Fontana und die anderen Kaderärzte schieben bereits 12-Stunden- Schichten. «Ich hätte gestern und vorgestern den Wochenenddienst kompensieren sollen.» Wegen Sitzungen und Organisation der Intensivstation während der Pandemie fielen diese freien Tage aus. «Jetzt arbeite ich bald zehn Tage am Stück», sagt er. Es klingt nicht klagend, sondern wie eine Feststellung.

Für Besuche von Angehörigen reichen die Ressourcen nicht

Beim Pflegepersonal hingegen wurden die Schichten nicht verlängert. Aber die Ressourcen mussten anders verteilt werden, um mehr Zeit für die Patienten zu haben. Besuche von Angehörigen auf der Intensivstation sind nicht mehr möglich – egal, ob jemand wegen Covid oder einem anderen Leiden auf der IPS liegt. Angehörige werden über Videotelefonie auf dem Laufenden gehalten. Vorbeikommen – in Schutzkleidung – dürften sie nur, wenn jemand im Sterben liegt. François Fontana ist sich bewusst, dass diese Situation für die Angehörigen belastend ist. «Auch für die Patienten wird es belastend, sobald sie nicht mehr intubiert sind und realisieren, was passiert», sagt er. «Die Angehörigen als wichtige Medizin im Genesungsprozess fehlen. Das merken wir.» Und trotzdem verlangt die aktuelle Situation diese Massnahme.

„Wir haben natürlich alle genug von Covid und wollen – wie alle anderen auch – zurück ins normale Leben." Markus Schwendinger, Chefarzt des interdisziplinären Notfallzentrums und der Intensivstation im Kantonsspital Baden.

„Wir haben natürlich alle genug von Covid und wollen – wie alle anderen auch – zurück ins normale Leben." Markus Schwendinger, Chefarzt des interdisziplinären Notfallzentrums und der Intensivstation im Kantonsspital Baden.

Alex Spichale

Für die Mitarbeitenden im Spital ist die Coronapandemie sehr ermüdend. «Wir haben natürlich alle genug von Covid und wollen – wie alle anderen auch – zurück ins normale Leben. Wir wollen in die Ferien, ins Restaurant und Freunde treffen», sagt Markus Schwendinger. Stattdessen plagt sie die Frage, wie das alles zu stemmen ist. «Jeder kann über eine gewisse Zeit mehr arbeiten, aber nicht dauerhaft.»

«Letzten Winter hatten wir einen einzigen Grippepatienten»

Praktisch ständig ist eine Pflegeperson in einer Koje, manchmal stehen sie zu zweit am Bett. «Herr Fontana, spüren Sie die Grippewelle auf der Intensivstation?» – «Wir behandeln jedes Jahr etwa einen bis fünf Grippepatienten auf der IPS. Letzten Winter hatten wir einen Einzigen.» Schwendinger ergänzt: «Bei der Schweine- und der Vogelgrippe hatten wir mehr Patienten. Manchmal zwei gleichzeitig.» Aber die bestehenden Ressourcen hätten immer gereicht. «Es war nie so wie jetzt. Jetzt ist die Station voll – trotz vier zusätzlichen Betten.»

Während der ersten Welle im Frühling wurden im Kantonsspital Baden 35 Covid-Patientinnen und -Patienten auf der IPS behandelt. Vier sind gestorben. «Die verstorbenen Patienten hatten alle relevante Vorerkrankungen. Die meisten unserer Covid-Patienten sind vergleichsweise jung», sagt Fontana. Über 80-Jährige würden eher selten auf der Intensivstation landen. «Viele von ihnen haben in einer Patientenverfügung geregelt, welche Behandlungen sie noch wünschen und welche nicht.»

Der Kontakt zu ehemaligen Patientinnen und Patienten sei wichtig für das Team auf der Intensivstation. «Wenn wir sehen, dass es ihnen gut geht, zeigt uns das, dass unsere Arbeit etwas bringt und sich der Einsatz lohnt», sagt Schwendinger. Für Ärzte und Pflegende sei es schlimm, wenn 70 bis 80 Prozent der Patienten sterben würden; wenn man machtlos sei. «Dann fragt man sich früher oder später schon, was man hier eigentlich macht. Bei Covid ist das zum Glück anders. Der Kontakt zu ehemaligen Patienten ist für uns enorm wichtig und unglaublich motivierend.»

„Über Folgeschäden wird wenig gesprochen. Aber es gibt ehemalige Covid-Patienten, die nicht mehr in ihren angestammten Beruf zurückkehren können“ François Fontana, Ärztlicher Leiter der Intensivmedizin am KSB

„Über Folgeschäden wird wenig gesprochen. Aber es gibt ehemalige Covid-Patienten, die nicht mehr in ihren angestammten Beruf zurückkehren können“ François Fontana, Ärztlicher Leiter der Intensivmedizin am KSB

Alex Spichale

Obwohl viele ehemalige Covid-Patienten, die als gesund gelten, mit Folgeschäden zu kämpfen hätten, ergänzt Fontana. «Darüber wird wenig gesprochen. Es gibt aber Patienten, die montagelang unter Geschmacksverlust leiden. Das kann traumatisierend sein.» Es gebe auch solche, die vorher fit gewesen seien und jetzt nicht mehr joggen könnten. «Und es gibt solche, die nicht mehr in ihren angestammten Beruf zurückkehren können», sagt Fontana.

Auch auf der Notfallstation braucht es wegen Covid-19 alles doppelt

Wenn Bund und Kantone die neusten Zahlen zur Coronapandemie publizieren, interessiert vor allem: Wie viele Personen haben sich angesteckt? Wie viele Patientinnen sind im Spital? Wie viele liegen auf der Intensivstation? Wie sich diese Zahlen entwickeln, ist auch für die Spitäler wichtig. Dort beginnt Covid-19 allerdings schon viel früher: Auf der Notfallstation, wo im KSB jeden Tag rund 180 Patientinnen und Patienten ein- und ausgehen. «Covid-19 überstrahlt auch hier alles», sagt Schwendinger.

Personen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden oder Covid-19-Symptome aufweisen, müssen strikt von den anderen getrennt werden. «Wir wollen vermeiden, dass sich jemand im Spital ansteckt.» Wer die Notfallstation betritt, muss Mundschutz tragen und die Hände desinfizieren. Ein Mitarbeiter einer Security-Firma fängt Patientinnen und Patienten ab und fragt sie, worum es geht. Trägt jemand keine Maske, gibt er ihnen eine ab. Im Eingangsbereich gibt es zwei Wartezonen: eine für Personen mit Covid-19 oder Covid-19-Symptomen und eine für alle anderen. Weil überall der Mindestabstand gewährleistet sein muss, stehen auch im Gang Stühle. Zwei Personen sind dort für die Triage zuständig. Sie teilen die Wartenden nach Dringlichkeit ein, führen das Erstgespräch und entscheiden dann, ob jemand auf die Bettenstation des Notfalls muss oder eine Untersuchung in der Notfallpraxis genügt.

Wer im Covid-Bereich des Notfalls arbeitet, muss Schutzkleidung tragen.

Wer im Covid-Bereich des Notfalls arbeitet, muss Schutzkleidung tragen.

Alex Spichale

Die Notfallpraxis ist in einen Covid- und Non-Covid-Bereich aufgeteilt. Die Bettenstation ebenfalls. Es wurden provisorische Holzwände hochgezogen und Plexiglasscheiben eingebaut. Die Mitarbeitenden in der Covid-Zone tragen Schutzkleidung, jene in der Non-Covid-Zone nur Mundschutz. Sie wechseln während der Schicht nicht zwischen den Zonen. «Deshalb benötigen wir auf dem Notfall deutlich mehr Personal als sonst», sagt Schwendinger.

«Es ist unglaublich anstrengend, in dieser Schutzmontur zu arbeiten»

Mitarbeitende, auf deren Abteilungen derzeit nicht so viel Betrieb herrscht, unterstützen das Notfallpersonal. Überdies sind Medizinstudierende im Einsatz. Mitarbeitende, die zur Risikogruppe gehören, werden nicht in den Covid-Zonen eingesetzt. Alle anderen wechseln sich ab. «Es ist unglaublich anstrengend, einen Tag in der Schutzmontur zu arbeiten», sagt Schwendinger. «Deshalb versuchen wir, die Leute so einzuteilen, dass sie nicht jeden Tag in der Covid-Zone arbeiten müssen.»

An diesem Morgen ist auf dem Notfall nicht viel los. Im Covid-Bereich liegen mehrere Personen, darunter eine aus einem Pflegeheim. Sie wurde positiv getestet, ist aber nicht wegen ihrer Covid-Infektion auf dem Notfall, sondern wegen eines anderen medizinischen Problems. «Sie geht zurück ins Pflegeheim, wenn das Problem gelöst ist», sagt Schwendinger. Auch das gibt es: Positiv Getestete, die wegen anderer Leiden ins Spital kommen.

Personen mit Herzinfarkten und Schlaganfällen blieben zu Hause

Während der ersten Welle im Frühling sind die Nicht-Covid-Fälle auf dem Notfall stark zurückgegangen. Dass weniger Patienten wegen medizinischer Bagatellen auf den Notfall kamen, sei zwar positiv, sagt Schwendinger. Aber es war nicht die einzige Patientengruppe, die zu Hause blieb: «Bedenklich war, dass wir rund 40 Prozent weniger Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen behandelt haben.»

Während der zweiten Welle war das zunächst anders: Zu den durchschnittlich 180 Patientinnen und Patienten pro Tag auf dem Notfall kamen 40 bis 50 Covid-Notfälle dazu. Das Personal war entsprechend gefordert. Seit ca. einer Woche beobachtet Schwendinger wieder einen Rückgang bei den Nicht-Covid-Fällen. «Es betrifft wieder Patientinnen und Patienten mit Schlaganfällen und Herzinfarkten.» Das mache ihm Sorgen: «Ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt ist etwas Ernstes. Je früher die Behandlung eingeleitet wird, desto grösser die Heilungschancen», sagt der Chefarzt. «Man sollte nicht zögern, deswegen auf den Notfall zu kommen.»