Bezirksgericht Muri
Staatsanwältin: «Wir müssen den Strafrahmen ausnutzen – wenn nicht hier, wann dann?» – Verteidiger fordert Freispruch

Einem 36-Jährigen werden mehrere Vergewaltigungen und viele weitere Delikte vorgeworfen. Heute ist der zweite von drei Prozesstagen vor dem Bezirksgericht Muri.

Dominic Kobelt
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Der Beschuldigte wird am Mittwoch erneut vor Gericht gebracht.

Der Beschuldigte wird am Mittwoch erneut vor Gericht gebracht.

Dominic Kobelt

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein 36-Jähriger steht vor dem Bezirksgericht Muri, weil er mehrere Frauen vergewaltigt haben soll.
  • Es werden ihm rund 20 weitere Vergehen vorgeworfen, wie Drohung, Nötigung und Drogendelikte.
  • Am Dienstag sagten eine Gutachterin, die Ex-Freundin, ein Opfer, und ein Polizist aus. Auch der Beschuldigte wurde befragt, er bestreitet die Vorwürfe.
  • Heute Mittwoch verlesen Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers. Ein Urteil wird am Donnerstag erwartet.
  • Die Staatsanwaltschaft beantragt zehn Jahre Freiheitsstrafe, eine unbedingte Geldstrafe von 4800 Franken und eine Busse von 3000 Franken. Zudem ist eine stationäre Massnahme beantragt. Der Verteidiger verlangt in den Hauptanklagepunkten einen Freispruch.
  • Das Urteil wird am Donnerstag um 11 Uhr eröffnet.

Am ersten Prozesstag hatte die damalige Freundin des Angeklagten geschildert, wie sie eines Tages nach Hause gekommen sei, und den Beschuldigten mit einer Prostituierten vorgefunden habe. Diese habe ihr von einer Vergewaltigung berichtet, der Beschuldigte flüchtete aus der Wohnung. Laut dem Beschuldigten ging es der Prostituierten «nur ums Geld».

Sie war vor Gericht nicht anwesend, dafür ein weiteres mutmassliches Opfer. Die Frau war in einer psychiatrischen Klinik, weil sie an einem posttraumatischen Belastungssyndrom in Folge einer Vergewaltigung litt und ein Drogenproblem hatte. Ihr soll er Drogen angeboten haben und dann die Abhängigkeit ausgenutzt haben, um Sex zu verlangen. Später soll es dann auch zu einer Vergewaltigung unter Drogeneinfluss gekommen sein.

Ein Gutachten geht von einer «kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und narzisstischen Zügen» aus, der Beschuldigte habe einen hohen Psychopathie-Wert, führte die Gutachterin aus.

«Kein Schuldbewusstsein und keine Empathie»

Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe und geht davon aus, dass die Frauen aus Rache Anschuldigungen gegen ihn erheben. Die Staatsanwältin führte heute Mittwoch in ihrem Plädoyer aus, der Beschuldigte habe «kein Schuldbewusstsein und keine Empathie gegenüber den Opfern».

Als Beispiel zitierte sie aus einem Brief, den der Beschuldigte aus dem Gefängnis seiner Ex-Freundin geschrieben hat. «Der Beschuldigte hat sich in diesem Brief beschwert, dass seine Ex-Freundin ihn nicht im Gefängnis besucht. Aus seiner Sicht sind immer die anderen Schuld - das zieht sich durch sein ganzes Leben.»

Weiter sagte die Staatsanwältin: «Jede Frau, die mit dem Beschuldigten in den letzten fünf Jahren sexuellen Kontakt hatte, erhebt Vorwürfe gegen ihn. Er sagt, das wäre alles aus Rache – das wäre ja unglaubliches Pech.»

Vor Gericht sagte am Dienstag auch ein Polizist aus, der von der Verhaftung berichtet hatte. Der Beschuldigte sei zuerst sehr nett und kooperativ gewesen, plötzlich habe die Situation umgeschlagen. «Ich habe noch nie erlebt, dass jemand so kooperativ und dann plötzlich dermassen unkooperativ war.»

Staatsanwaltschaft glaubte, Beschuldigter sei auf gutem Weg

Diese Aussage passe ins Gesamtbild, führt die Anklage aus: «Er ist zuerst sehr freundlich, und kann dann plötzlich sehr aggressiv werden. Das haben wir von seiner Ex-Freundin, von der Gutachterin, aber auch vom Polizeibeamten gehört.»

Die Staatsanwältin äussert sich auch dazu, dass der Beschuldigte nach dem ersten Vorfall aus der Untersuchungshaft entlassen wurde: «Wir hatten damals keine Kollusionsgefahr mehr. Er hatte keine Vorstrafen wegen Sexualdelikten.» Der Beschuldigte habe versichert, sich im Gefängnis verändert zu haben. «Wir waren sicher, dass er sich auf gutem Weg befindet. Leider kam es anders.»

Danach solle es zu den Vorfällen in der psychiatrischen Klinik und zur Vergewaltigung der Patientin gekommen sein. Ein weiteres mutmassliches Opfer ist verstorben, was allerdings nicht im Zusammenhang mit dem Beschuldigten steht.

Die Staatsanwältin spricht in ihrem Plädoyer davon, dass bei Vergewaltigungsdelikten immer wieder angeführt werde, die Strafen seien zu milde.

«Der Strafrahmen ist da, wir müssen ihn nur ausnutzen. Wann, wenn nicht in so einem Fall?»

Sie schliesst ihre Ausführungen ab mit einer Aussage, die die damalige Freundin nach dem Vorfall gemacht habe: «Er hat meine Persönlichkeit und meine Würde mit Füssen getreten.»

Ist alles nur ein Komplott gegen den Beschuldigten?

Der Verteidiger weist in seinem Plädoyer darauf hin, dass in den meisten zu beurteilenden Delikten Aussage gegen Aussage stehe. Diese stünden sich diametral entgegen. Zum Vorfall mit der Prostituierten führt er an: «Sie hätte fliehen können, als der Beschuldigte eine halbe Stunde weg war, um Zigaretten zu holen. Mehrere Aussagen deuten darauf hin, dass es ihr ausschliesslich um das Geld ging, das sie nicht bekommen hat.»

Die Vermutung der Verteidigung: Die Situation sei aus dem Ruder gelaufen, als sie gemerkt habe, dass sie kein Geld mehr sehen würde, und die Freundin des Beschuldigten nach Hause kam.

Die Schilderungen des Tatablaufs in den verschieden Einvernahmen würden sich widersprechen, führt der Verteidiger weiter aus. «Es ist nicht auszuschliessen, dass sich die beiden Frauen solidarisiert haben, um dem Beschuldigten eins auszuwischen.»

Beschuldiger ging von einer Liebesbeziehung aus

Zu der zweiten Frau, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten vorgebracht hat, sagt der Verteidiger: «Es ging ihr nur um Drogen, doch woher sollte er das wissen? Er ging davon aus, dass sie ein normales Liebespaar waren.» Der Beschuldigte habe sie nie gezwungen oder sie bedroht. Es sei für den Beschuldigten nicht erkennbar gewesen, dass sie die sexuellen Handlungen nicht wollte.

Bezüglich der mutmasslichen Vergewaltigung weist der Verteidiger auf Widersprüche in den Aussagen der Klägerin hin. Dass die Frau nur wegen der Drogen immer wieder zum Beschuldigten zurück kam, lässt der Verteidiger nicht gelten. «Als ob man sich in Zürich nicht auch anderswo Drogen beschaffen könnte.»

Auch weist der Verteidiger darauf hin, das mutmassliche Opfer leide an einer Borderline-Störung. «Sie wollte, dass endlich jemand für all das gerade steht», sagt der Verteidiger und spricht damit die Vergewaltigung an, die das Opfer als 15-Jährige erfahren hatte.

Er beantragt, seinen Mandanten von den Hauptanklagepunkten freizusprechen.

Das letzte Wort gehört dem Beschuldigten:

«Ich weiss, dass Sie ein negatives Bild von mir haben durch all die Akten. Ich bitte Sie, mir trotzdem eine faire Chance zu geben.»

Ob die Richter dies in seinem Sinne tun werden, wird morgen Donnerstag um 11 Uhr bekannt, dann wird das Urteil eröffnet.