Erbschaftssteuer
Aargauer Unternehmer: Sich verschulden oder die Erbschaft ausschlagen?

Eine breite Allianz setzt sich im Aargau gegen die Initiative für eine eidgenössische Erbschaftssteuer ein. Sie würde insbesondere Nachfolgeregelungen in Familienunternehmen massiv erschweren. Drei Unternehmer schildern ihre Situation.

Bastian Heiniger und Urs Moser
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Plakate der Erbschaftssteuer-Gegner an deren Medienkonferenz.

Plakate der Erbschaftssteuer-Gegner an deren Medienkonferenz.

Drei Unternehmer erzählen, was für Auswirkungen die Annahme der Erbschaftssteuer für sie hätte. Bürgerlichen Parteispitzen und die Wirtschaftsverbände setzen sich im Aargau gegen die Initiative für eine eidgenössische Erbschaftssteuer ein.

Thomas Huber, Huber & Co. AG

Thomas Huber führt die Huber & Co. AG in der vierten Generation. Er hofft, dass sie in der Familie bleiben kann.

Thomas Huber führt die Huber & Co. AG in der vierten Generation. Er hofft, dass sie in der Familie bleiben kann.

Sandra Ardizzone

Die Initiative: Die Steuereinnahmen sollen die AHV sichern

Fast alle Kantone erheben eine Erbschaftssteuer, in praktisch allen Kantonen sind die direkten Nachkommen aber davon ausgenommen. Das würde sich mit der Initiative für eine eidgenössische Erbschaftssteuer ändern. Sie will alle Erbschaften über zwei Millionen Franken auf Bundesebene mit einem Satz von 20 Prozent besteuern. Für Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe sollen – im Initiativtext nicht definierte – Erleichterungen gelten.

Allerdings nur, wenn sie von den Erben mindestens zehn Jahre weitergeführt werden. Der Ertrag der Erbschaftssteuer soll zu einem Drittel an die Kantone und zu zwei Dritteln an die AHV gehen.

Es muss für ihn wie ein Sonntagsspaziergang sein, wenn sich Thomas Huber zwischen den lärmenden Webstühlen mit ihren wild tanzenden Schäften bewegt. Fast schon sein halbes Leben führt er das Oberkulmer Unternehmen. Die 60 Webstühle der Huber & Co. AG produzieren mit Hochdruck Storenbänder. Wo immer es irgendwo Lamellenstoren gibt – sie werden wahrscheinlich von Hubers Bändern zusammengehalten, weltweit.

Das in der vierten Familien-Generation geführte Unternehmen verdankt seinen Erfolg einer Innovation: In den 60er-Jahren begann man Stoffbänder zu entwickeln, denen Umwelteinflüsse nichts anhaben können. Früher verwendeten die Storenbauer Chromstahlbänder. Blies der Wind, dann lärmte es ständig. Dank den mit einer speziellen Lackschicht überzogenen Stoffbändern bleibt es auch bei rauem Wetter ruhig. Bisher gelang es noch keinem Konkurrenten, Stoffbänder mit einer solchen Beschichtung herzustellen. Hubers Betrieb entwickelt nicht nur die Bänder selbst, sondern auch die Maschinen zu deren Herstellung. «Wir können unsere Webstühle abändern und umbauen – je nach Bedürfnis», sagt Huber. Ein grosser Marktvorteil.

Er hat keine Kinder

In der Bandfabrik steckt viel Know-how. Dieses wurde seit über 150 Jahren jeweils an ein nachkommendes Familienmitglied weitergegeben.
Seinen Anfang nahm das Unternehmen 1864 in einem Wohnhaus in Oberkulm. 1918 wurde der Grundstein zur Fabrik am heutigen Standort gelegt und 2003 liess Thomas Huber das moderne Gebäude mit der Produktionshalle errichten.

Das kleine Geschäft zur Herstellung von Zigarren- und Hutbändeln entwickelte sich über die Jahre zu einem Hightech-Betrieb mit 54 Angestellten. Für den 60-jährigen Unternehmer wird nun allmählich die Nachfolgeregelung ein Thema. Er selber hat zwar keine Kinder, seine Schwester aber drei im Gymnasiastenalter. «Es wäre schön, wenn die Familientradition weitergeht», sagt er. Nur könnte ein Problem auf die Familie zukommen: Wenn nämlich die Erbschaftssteuer-Initiative angenommen würde, könne er das Unternehmen kaum mehr an ein nachkommendes Familienmitglied übergeben.

Warum? Die Rechnung sei einfach: Huber besitzt zwei Firmen, die Huber & Co. AG sowie deren einstige Tochtergesellschaft, die Romay AG. Um eine künftige Übergabe zu erleichtern, gründete er 2012 die Neumattholding. Neumatt, das ist der Flurname, auf dem die beiden Firmen stehen. Zusammen erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von über 50 Millionen Franken.

Geht man für die Erbschaftssteuer von zwei Dritteln des Jahresumsatzes aus, sind das bereits gut 35 Millionen – ohne Maschinen und Liegenschaften. Allein davon käme man bei 20 Prozent Steuern auf 7 Millionen Franken. Huber sagt: «Woher würde mein Nachfolger dieses Geld nehmen? Welche Bank würde es vorschiessen?» Als er mit 35 Jahren das Geschäft von seinem Vater übernahm, hätte er einen solchen Betrag nicht bezahlen können. Auch sei dieser in den Unternehmen ja nicht einfach als Bargeld vorhanden.

Die Nachfolger hätten laut Huber zwei Möglichkeiten: Sich verschulden oder die Erbschaft ausschlagen. Sie könnten sich aber auch verpflichten, die Firma für zehn Jahre zu führen. Dann entfielen die Steuern. Huber sagt: In der heutigen Zeit sei es schwierig, auf zehn Jahre hinaus zu planen. Die Bandfabrik würde wohl nach vier Generationen erstmals in fremde Hände übergehen.

Erwin Baumgartner, Heinz Baumgartner AG

Erwin Baumgartner, Geschäftsführer der Heinz Baumgartner AG in Tegerfelden.

Erwin Baumgartner, Geschäftsführer der Heinz Baumgartner AG in Tegerfelden.

Sandra Ardizzone

Im Jahr 1962 begann der heute 75-jährige Heinz Baumgartner auf eigene Rechnung zu arbeiten, baute im Elternhaus in Tegerfelden den ehemaligen Kuhstall zu einer kleinen Werkstatt um und reparierte Landmaschinen. Heute beschäftigt die Heinz Baumgartner AG rund 50 Mitarbeiter, gearbeitet wird auf modernsten CNC-Maschinen (Computerized Numerical Control), das wichtigste Produkt ist ein Roboterarm für ein Strahlentherapie-Gerät eines amerikanischen Konzerns.

Hightech, rund 1200 Stück davon werden jährlich ausgeliefert, 2010 wurde die Heinz Baumgartner AG mit dem Unternehmenspreis der Aargauischen Kantonalbank ausgezeichnet.

Was sich nicht geändert hat: Die Firma ist ein klassisches Familienunternehmen geblieben. Heinz Baumgartners Sohn Erwin ist der Geschäftsführer, Bruder Stefan Betriebsleiter, der zweite Bruder Markus arbeitet im Bereich Logistik und Material mit, Schwester Agnes kümmert sich im Teilpensum um die Buchhaltung, Firmengründer Heinz Baumgartner bringt weiterhin seine Erfahrung als Mitglied der Geschäftsleitung mit beratender Funktion ein.

Das Unternehmen befindet sich zu 100 Prozent in Besitz der Familienmitglieder. Die Firma ist an der Trägerschaft des Aargauer Technoparks innovAARE AG beteiligt, und diese Investition bringe dem Kanton und seiner ganzen Bevölkerung mehr Nutzen als eine Erbschaftssteuer, findet Erwin Baumgartner, seit November 2014 auch Mitglied des Grossen Rats (FDP).

Selbst erarbeitet

Sollte sich das Stimmvolk am 14. Juni tatsächlich für die Einführung einer eidgenössischen Erbschaftssteuer aussprechen, dann wäre das Unternehmen seiner Familie kaum unmittelbar in der Existenz bedroht, räumt Erwin Baumgartner ein. Was ihn aber besonders ärgert, ist die Neidkultur. Die Initianten gingen vom Gedanken aus, dass die Erben von Familienvermögen ohne eigenes Zutun zu Reichtum kämen und deshalb der Gesellschaft etwas schuldig seien.

Nur verhält es sich im konkreten Fall so, dass sich die Grösse der Firma Heinz Baumgartner AG seit dem Standortwechsel zum Neubau an der alten Zurzacherstrasse mit der Zentralisierung des gesamten Personals und Maschinenparks an einem Ort und der Übernahme der Geschäftsleitung durch die zweite Generation Anfang der 2000er-Jahre verdoppelt hat.

Erwin Baumgartner will keinesfalls die Verdienste seines Vaters und dessen Pioniergeist schmälern, nur fragt er sich: «Ist es gerecht, die Nachfolgegeneration für den Mehrwert zur Kasse zu bitten, den sie durch eigene Arbeit selber geschaffen hat?»

Mit konkreten Zahlen, wie stark sich die Erbschaftssteuer auswirken würde, geht man im diskreten Familienbetrieb vorsichtig um. Nur so viel: Erwin Baumgartner glaubt kaum, dass es tatsächlich einen 50-Millionen-Freibetrag geben wird. Allein die Liegenschaft dürfte mit fünf oder sechs Millionen, der Maschinenpark mit rund 12 Millionen zu bewerten sein, jährlich wird rund eine Million in die Erneuerung investiert.

«Das verdiente Geld wird wieder in die Firma investiert, anders wäre das Wachstum nicht zu stemmen», sagt Baumgartner. Er hat zwei Söhne, die interessiert wären, den Betrieb in dritter Generation weiterzuführen. Nur: «Wenn sie den Ertrag ihrer Arbeit für die Erbschaftssteuer zurückstellen müssten, wäre es nicht mehr interessant, selbstständiger Unternehmer zu sein.»

Adrian und Martin Martin Schoop, Schoop Gruppe

Adrian (l.) und Martin Martin Schoop in den Produktionsräumen der Schoop Gruppe.

Adrian (l.) und Martin Martin Schoop in den Produktionsräumen der Schoop Gruppe.

Mario Heller

Die 1955 gegründete Bauspenglerei Schoop hat sich zu einem bedeutenden Arbeitgeber in der Region entwickelt. Als der heutige Präsident und Delegierte des Verwaltungsrats Martin Schoop 1983 in die Firma seines Vaters in Baden-Dättwil eintrat, zählte sie 60, heute sind rund 200 Mitarbeiter für die Schoop Gruppe tätig.

Martin Schoop kam nicht von der Metallbearbeitung, sondern vom Gartenbau her. Mit seinem Fach wollte er verbunden bleiben, das war eine Bedingung, um das Werk des Vaters weiterzuführen. Und so kam es, dass zur Unternehmensgruppe auch eine Gartenbauabteilung gehört und neben Gebäudehüllen begrünte Flachdächer eine Schoop-Spezialität sind.

Martin Schoop ist 57, allzu eilig hat er es mit der Nachfolgeplanung also noch nicht. Aber sie ist bereits aufgegleist. Eigentlich hätte es eine Interimslösung sein sollen, als er vor gut zwei Jahren in elterliche Unternehmen eintrat und die Geschäftsführung der Soba Inter, der Handelsgesellschaft der Firmengruppe, übernahm, erzählt Adrian Schoop. Wie sich zeigte, harmonieren Vater und Sohn auch geschäftlich bestens, inzwischen gilt es als ausgemacht, dass Adrian Schoop in einigen Jahren das Unternehmen in dritter Generation leiten wird.

Nachfolge gefährdet

Oder galt. Die Abstimmung über die Erbschaftssteuer-Initiative am 14. Juni könnte die Pläne durchkreuzen. «Bei einer Annahme der Initiative müsste ich noch einmal über die Bücher und mir ernsthaft die Grundsatzfrage stellen, ob es Sinn macht, das Unternehmen so weiterzuführen», sagt Adrian Schoop. Und so leid es ihm tut, Vater Martin kann seinem Sohn da nicht widersprechen.

In der Zeit, in der sie gemeinsam die Zukunft planen wollen, würde eine Phase der Lähmung entstehen, warnen Vater und Sohn Schoop: Weil überhaupt nicht klar sei, wie die Initiative tatsächlich umgesetzt würde. An einen Freibetrag von 50 Millionen bei einer Firmen-Übergabe glauben sie jedenfalls nicht – woher sollten dann die versprochenen Milliarden für die AHV überhaupt kommen? Das seien leere Versprechungen der Initianten, «weil sie gemerkt haben, wie schädlich ihre Initiative ist», meint Adrian Schoop.

Und besonders fatal sei die Bestimmung, dass Ermässigungen für Unternehmen nur gelten würden, wenn sie zehn Jahre von den Erben weitergeführt werden. Niemand könne mit Sicherheit sagen, was in zehn Jahren ist. Darum müssten auf lange Sicht erhebliche Mittel gebunden werden, um gegebenenfalls fällig werdende Steuern zu bezahlen. Mittel, die dringend in die Entwicklung der Firma gesteckt werden sollten.

Die Schoops nennen keine konkreten Zahlen zum Wert ihrer Unternehmensgruppe. Aber dass die Erbschaftssteuer sie ganz erheblich belasten würde, liegt schon aus einem Grund auf der Hand: Gemäss Initiativtext setzt sich der steuerpflichtige Nachlass aus dem «Verkehrswert der Aktiven und Passiven» zusammen» Das Firmenareal in Baden-Dättwil liegt im Hochhaus-Perimeter. Das steigert zwar den Verkehrswert erheblich, nur würde es ja erst bei einem Verkauf etwas einbringen. Und die Schoops möchten keineswegs verkaufen, sondern im Gegenteil in den kommenden Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag in eine Erweiterung investieren.