Wenn sie unterwegs sind, zählt oft jede Sekunde: 15 bis 18 Mal rückt der Rettungsdienst des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF) pro Tag aus, in rund der Hälfte der Fälle zu einem akuten Fall.

Sekunden brauchen die Autofahrer derzeit viele, wenn sie durch Laufenburg oder durch eine andere Grossbaustelle im Fricktal fahren wollen – oder vielleicht treffender: fahren müssen. Bis zu 1800 Sekunden steht man in den Stosszeiten vor den Rotlichtern in Laufenburg, wie eine Auswertung der Stauinformationen der Routenplaner-Website Mydrive von TomTom zeigt.

1800 Sekunden sind in einem Notfall eine Ewigkeit. Der Verkehr habe in den 18 Jahren, in denen er im Fricktal im Rettungsdienst arbeite, stark zugenommen, bestätigt Sascha Schwieder. Der 45-Jährige begann 2001 als Rettungssanitäter am Spital in Laufenburg und leitet seit der Zusammenlegung der GZF-Rettungsdienste von Laufenburg und Rheinfelden das inzwischen 32-köpfige Team. Das war 2008. Zwei Jahre später zentralisierte das GZF den Rettungsdienst dann in Eiken. «Ein perfekter Standort für uns», sagt Schwieder. Denn Eiken liege zentral, von hier aus erreiche man jeden Ort im Fricktal innert nützlicher Frist. Das ist teilweise überlebenswichtig und der zentrale Standort vereinfacht auch die Disposition.

Natürlich seien die vielen Baustellen ein Handicap, räumt Schwieder ein. Zum einen, weil der Platz im Baustellenbereich beschränkt ist «und wir hier besonders vorsichtig und mit reduziertem Tempo fahren müssen». Zum anderen, weil die Baustellen eine Stauquelle sind. Schwieder gibt aber gleichzeitig Entwarnung. «Alle grossen Baustellen haben tagsüber einen Verkehrsdienst», sagt er. Das sei für die Einsätze enorm hilfreich. «In Laufenburg hört uns der Verkehrsdienst schon von weitem und sorgt mit einer verlängerten Grünphase dafür, dass wir passieren können.» Der Zeitverlust halte sich so in Grenzen und im Notfall gebe es Umfahrungsmöglichkeiten.

Ein unnötiger Zeitverlust resultiert hingegen, wenn Autofahrer falsch reagieren und beispielsweise auf der Autobahn nicht schon frühzeitig eine Rettungsgasse bilden, sondern erst, wenn die Ambulanz auf den Stau auffährt. «Es fehlt zum Teil das Verständnis dafür, dass wir Platz brauchen, um retten zu können», hat Schwieder beobachtet. Er ist denn auch froh um die Aufklärungskampagnen, mit denen Bund und Kanton auf die Rettungsgassen hinweisen.

Angesprochen auf das richtige Verhalten als Automobilist, wenn eine Ambulanz von hinten mit Blaulicht naht, sagt Schwieder: «Die Geschwindigkeit etwas reduzieren und ganz rechts fahren, damit wir eine Chance haben, zu überholen.» Falsch ist hingegen, Gas zu geben – oder abrupt zu bremsen. «Das bringt den Autolenker und uns in Gefahr», so Schwieder.

Was ihn viel mehr stört als die Baustellen, sind die Gaffer, die an Unfallstellen abbremsen, zum Teil noch ihr Handy zücken und so nicht nur die Retter und die Verunfallten gefährden, sondern selber zum Unfallrisiko werden.

Ruhe bewahren

Ein deutscher Retter brachte es einmal zynisch auf den Punkt: Wenn ein Alarm eingehe, müsse er nur auf Youtube schauen – dann könne er sich schon einmal einen Überblick über die Unfallstelle verschaffen. «Das hat leider etwas», sagt Schwieder. Hier die Ruhe zu bewahren, sei manchmal schon eine Herausforderung. Aus der Ruhe bringen lässt er sich am Unfallplatz aber weder durch die Gaffer noch durch die zum Teil gravierenden Fälle. «Es wäre kontraproduktiv, wenn wir Retter nervös würden», sagt Schwieder. «Mit der Erfahrung wächst zudem die Ruhe.»

Die Ruhe – oder treffender: die Contenance verlieren dagegen bisweilen die Leute um die Retter herum. Schlagzeilen wie «Enthemmte Party-Besucher bedrängen Ambulanz» oder «Rettungssanitäter müssen sich vor Angriffen schützen», liest man immer wieder. Von pöbelnden Passanten oder den Einsatz störenden Gesellen bleiben die Fricktaler Retter «zum Glück verschont», sagt Schwieder. Aggressionen erleben er und sein Team fast nie. «Die Fälle, in denen ich selber verbal oder körperlich angegangen wurde, kann ich an einer Hand abzählen.» Oft ist in diesen wenigen Fällen Alkohol im Spiel. «Alkohol enthemmt.»

Schwieder ortet zwei Gründe dafür, dass die Retterwelt im Fricktal noch nahezu heil ist. Zum einen liege es an dem ländlichen Gebiet. «In Städten ist das Konfliktpotenzial deutlich höher», weiss er von Kollegen. Zum anderen sei der Schweizer von seiner Mentalität her recht ausgeglichen. Schwieder ist froh darum. «Das vereinfacht uns die Arbeit merklich.»

Mehr als 5000 Einsätze

Arbeit haben Schwieder und sein Team viel. Im letzten Jahr fuhren die Retter erstmals mehr als 5000 Einsätze – das sind rund doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Im Einsatz hat das GZF vier Ambulanzen sowie ein Einsatzfahrzeug. In diesem ist der Anästhesiepfleger unterwegs, der als Notarzt figuriert. «Im Aargau kennen wir keine Notärzte», sagt Schwieder. Stattdessen absolvieren die Anästhesiepfleger eine Zusatzausbildung, damit sie an Unfallstellen für alle Fälle gerüstet sind. «Das System bewährt sich», ist Schwieder überzeugt. Es bewähre sich auch, dass der Anästhesiepfleger nicht auf der Ambulanz, sondern mit einem separaten Fahrzeug zum Einsatz fahre. «So ist er oft schneller vor Ort und wir haben eine zusätzliche Rückfallebene.»

In Eiken sind rund um die Uhr zwei Equipen im Einsatz. Sie bestehen aus einem Rettungs- und einem Transportsanitäter, die jeweils für 12 Stunden im Dienst sind. Tagsüber arbeiten zusätzlich zwei weitere Equipen. «Wir sind ein eingeschworenes Team», sagt Schwieder. Das hänge auch damit zusammen, dass man in der Rettung eng zusammenarbeite. «Unser Ziel ist es, das Fricktal rettungsdienstlich gut zu versorgen», sagt Schwieder. «Ich denke, das gelingt uns ganz gut.» Tut es.