Gertrud Häseli ist Grossrätin der Grünen, Landwirtin im Fricktal, Mitglied des Bauernverbands Aargau (BVA) und Nationalratskandidatin. Doch auf der Liste der Kandidierenden, die vom Verband unterstützt werden, fehlt ihr Name. «Gertrud Häseli wird in ihrer Kandidatur für den Nationalrat vom Bauernverband nicht unterstützt», bestätigt Vorstandsmitglied Hans-Ueli Lüscher auf Anfrage. Dies, weil Häseli nicht mit Bestimmtheit Nein sagt zur Trinkwasserinitiative und zur Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» (Pestizid-Initiativen).

Ihre politische Arbeit nach dem Leitbild des Bauernverbandes Aargau zu richten und diese beiden Vorlagen abzulehnen, seien Bedingungen, um bei den Wahlen unterstützt zu werden. Dieser Support beinhaltet einen Zustupf für den Wahlkampf in der Höhe von 300 Franken sowie die Erwähnung in den Medien.

«Ich habe diese Erklärung nicht unterschrieben», sagt Gertrud Häseli. Als Politikerin der Grünen unterstütze sie Massnahmen gegen Pestizideinsatz und auch gegen die prophylaktische Verwendung von Antibiotika. Dazu Nein zu sagen, sei für sie keine Option gewesen, hält Häseli fest.

Viel zu radikal für den Bauernverband

Bundesrat und Nationalrat haben sich gegen die Initiativen ausgesprochen. Der Ständerat behandelt sie in der Herbstsession kommenden Monat. Werden sie nicht zurückgezogen, kommen sie voraussichtlich im Mai 2020 an die Urne.

Nicht nur der kantonale, auch der Schweizerische Bauernverband spricht sich gegen die aus seiner Sicht zu radikalen Initiativen aus. Die Landwirtschaft nehme die angesprochenen Themenbereiche ernst und anerkenne Handlungsbedarf. Das richtige Mittel sieht der Verband nicht in den Volksbegehren, sondern in seinen eigenen Aktionsplänen.

«Das sind Empfehlungen, die zwar Sinn machen, jedoch unverbindlich sind», sagt Gertrud Häseli. Es brauche griffigere, verbindliche Massnahmen. Das könne auch in der Form eines Gegenvorschlags zu den Initiativen geschehen, sodass diese zurückgezogen werden könnten. «Das würde ich sehr unterstützen.» Manche Punkte, etwa die Fütterung der Tiere ausschliesslich mit hofeigenem Futter, seien tatsächlich zu radikal und für die Bauern schwierig umzusetzen.

Kandidierende, die einen Gegenvorschlag unterstützen, würden nicht von der Unterstützung ausgeschlossen, sagt Hans-Ueli Lüscher. Genau hier liege das Problem in der Praxis des Aargauer Bauernverbandes, findet Martin Bossard, Leiter Politik bei Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Bio-Produzenten mit dem Knospe-Label. «Der politische Prozess ist noch am Laufen. Es ist noch nicht einmal klar, ob die Initiativen wirklich an die Urne kommen werden, sie werden aber bereits so behandelt.»

Pestizide in der Landwirtschaft - wie hier ein Mittel gegen Pilzbefall der Reben - stossen in Teilen der Bevölkerung auf Kritik. Der Schweizer Bauernverband hat daher eine Broschüre herausgegeben, um das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten zu gewinnen. (Archivbild)

Pestizide in der Landwirtschaft - wie hier ein Mittel gegen Pilzbefall der Reben - stossen in Teilen der Bevölkerung auf Kritik. Der Schweizer Bauernverband hat daher eine Broschüre herausgegeben, um das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten zu gewinnen. (Archivbild)

Der Bauernverband Aargau und die biologische Landwirtschaft seien durchaus kompatibel, sagt Bossard. Das zeige sich schon darin, dass mit SVP-Grossrat Alois Huber ein Biobauer das Verbandspräsidium innehabe. Heute arbeite gut jeder siebte Landwirtschaftsbetrieb in der Schweiz nach Bio-Richtlinien, sagt Martin Bossard, das Bewusstsein für die Anliegen der Initiativen sei da. Bossard ist selber Nationalratskandidat der Aargauer Grünen, aber nicht Mitglied des Bauernverbands. Er arbeitet beruflich eng mit dem Schweizerischen Bauernverband zusammen. «Bio Suisse und der Bauernverband sind sich nicht immer einig. Aber wir haben es zu einem grossen Teil mit den gleichen Problemen zu tun», sagt er.

Und auch Bio Suisse sei mit dem Inhalt der beiden Initiativen nicht vorbehaltlos zufrieden. «Aus unserer Sicht wäre es das Beste, auf einen indirekten Gegenvorschlag hinzuarbeiten», erklärt Bossard. Eine gehässige Diskussion über Pestizide erachtet er als kontraproduktiv. «Die Bauern geben sich schon heute sehr grosse Mühe, umweltverträglicher zu arbeiten. Das bestreitet niemand. Wenn sie den Pestizideinsatz im Abstimmungskampf verteidigen müssten, wäre das nicht zielführend.» Deutlich schär- fere Regelungen im Einsatz von Pestiziden seien jedoch nötig, dazu auch die stärkere Förderung des Biolandbaus.

Bauernverband bleibt bei seiner Entscheidung

Wahlempfehlungen liegen in der Hoheit der Kantonalsektionen des Bauernverbands. Ihm sei nicht bekannt, dass in anderen Kantonen grünen Landwirten wegen ihrer Befürwortung der zwei Pestizid-Initiativen die Unterstützung versagt würde, sagt Martin Bossard. «Der Schweizerische Bauernverband arbeitet gezielter als die Aargauer Sektion daran, dass mit grünen Kräften gute Lösungen für eine umweltverträgliche Landwirtschaft gefunden werden», resümiert er.

Ganz leicht sei dem Bauernverband Aargau der Entscheid für diese Praxis wohl nicht gefallen, glaubt Gertrud Häseli. Sie habe längere Diskussionen mit Verbandsvertretern geführt, sei letztlich aber bei ihrer Haltung zu den Initiativen geblieben. Dasselbe gilt auch für den Bauernverband: «Ohne das klare Bekenntnis gegen die Initiativen können wir niemanden unterstützen», stellt Vorstandsmitglied Hans-Ueli Lüscher klar.