In der Gruppenküche der Kreativ- und Werkateliers der Stiftung für Menschen mit Behinderung im Fricktal, MBF, dampfen die Töpfe. Es gibt Pouletgeschnetzeltes, Kartoffelstock und Gemüse. Salat wird geschnippelt und Kartoffeln werden gestampft. Der Tisch ist schon gedeckt, die Getränkekaraffen gefüllt. Das Mittagessen ist fast fertig. Melanie Jappert hilft mit. Ihre Betreuerin, Stefanie Geiser, schiebt den Rollstuhl der 23-Jährigen an den Ausguss und taucht ihre Hände ins Wasser mit dem Nüsslisalat.

Melanie kann ihre Arme nicht selbstständig bewegen. Aber sie liebt es, Dinge zu berühren und sie mit ihren Fingern zu spüren. Aufmerksam verfolgt sie, wie der Nüsslisalat sich in der Salatschleuder dreht und dann in die grosse Glasschüssel fällt. Melanie ist gerne mittendrin im Geschehen, so wie die anderen Mitbewohner der Stiftung MBF, die heute in der Kochgruppe mitmachen. Ihre Augen sind gross, wach und strahlen.

Pop oder Ländler

Mit zehn Monaten hatte Melanie eine schwere Hirnentzündung. Danach stellten die Ärzte die Diagnose Cerebralparese, eine Bewegungsstörung aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung.

Melanie kann heute den Kopf selbstständig bewegen. Sie kann die Beine am Boden abstützen, aber nicht stehen oder gehen. Sie versteht sehr gut, was gesprochen wird. Auf Fragen kann sie mit Ja und Nein antworten. Das tut sie mit ihren Augen, indem sie die entsprechenden Symbole ansieht, die auf ihre Armstützen am Rollstuhl geklebt sind.

Melanie mag viele Dinge, die auch andere junge Frauen in ihrem Alter gut finden», sagt ihre Mutter, Regula Jappert. Eines dieser Dinge ist Musik. Rock, Pop, Ländler – eigentlich egal was, einfach Rhythmus müsse es haben. Sie trägt gerne schöne Kleider, Schmuck, lackierte Nägel und geht gerne einkaufen.

Sie kann sich für den Besuch eines Fussballmatches ebenso begeistern wie für den Zirkusbesuch, ein Musikkonzert oder das Skifahren. Sie liebt es, wenn Leute sie ansprechen, ihr Komplimente machen, sie einbeziehen in das Geschehen.

Denn selbst kann sie das nicht. Nur zeigen, dass sie es mag – mit ihren Augen, ihrer Mimik, ihrem Lachen. Ihre Mutter kennt jede Regung und jede Befindlichkeit, die in diesen nonverbalen Botschaften der Tochter liegen.

Sie und alle anderen, die sich mit Melanie beschäftigen, beobachten sie aber noch aus einem anderen Grund sehr genau. Alles, was die junge Frau erschrickt, kann einen epileptischen Anfall auslösen.

Manchmal genügt ein lautes Geräusch, eine Lampe, die plötzlich gelöscht wird, eine abrupte Bewegung. Mehrmals am Tag muss Melanie mit einem speziellen Gerät, das den Vagusnerv stimuliert, aus der Verkrampfung geholt werden.

Das Stimulationsgerät aktiviert die zum Gehirn ziehenden Nervenstränge mit regelmässigen, schwachen elektrischen Impulsen. Diese Aktivierung hat einen positiven Einfluss auf verschiedene Hirnregionen, die an der Entstehung epileptischer Anfälle beteiligt sind.

Melanie erträgt es mit stoischer Ruhe. Genauso, wie die vielen Therapiestunden, die jede Woche auf dem Programm stehen. «In all den Jahren ist Melanie nie therapiemüde geworden», sagt ihre Mutter.

Im Gegenteil, für Melanie ist es eine Wohltat, den Rollstuhl für einige Minuten zu verlassen und sich zu bewegen oder bewegen zu lassen, um sich so zu entspannen oder sich anders zu spüren und wahrzunehmen. Selbst anstrengende Prozeduren wie die mit dem Lokomaten macht Melanie ohne Klage mit.

Anstrengende Therapien

«Die meisten dieser Therapien sind dazu da, Melanies Beweglichkeit zu erhalten», sagt Corinne Messerli, Physiotherapeutin. Der Lokomat ist ein roboterunterstütztes Gerät, das die Gehbewegung imitiert.

Mit ihm werden bei Melanie die unteren Extremitäten trainiert, damit sie bei Transfers in und aus dem Rollstuhl gut mithelfen kann. Wie anstrengend das ist, lässt sie sich nicht anmerken. Aber ihr Blick wandert trotzdem sehnsüchtig hinüber zu den Fenstern des Hallenbades. Das geliebte Schwimmen steht jedoch erst in zwei Tagen auf dem Programm.

Von Montag bis Freitag verbringt Melanie ihren Tag in der Stiftung MBF in Stein. Sie kommt morgens um halb neun mit dem Bus des Rotkreuz-Fahrdienstes und fährt abends um vier wieder heim.

Ihr Tag ist genau strukturiert. Je nach Wochentag arbeitet sie im Atelier, hat Malstunden, Filzen, Nähen oder Weben. Sie übt mit dem augengesteuerten Computer das Auswählen von Bildern, die ihr bei der Verständigung behilflich sind. Nach dem Mittagessen macht sie ein Schläfchen. Und mit dem Zvieri in gemütlicher Runde klingt ihr Tag aus.

Der geregelte, vorhersehbare Tagesablauf gibt Melanie Sicherheit. Wenn sie weiss, was auf sie zukommt, wenn man sie mit Gespür und Worten darauf vorbereitet, fühlt sie sich wohl.

Dann darf es auch laut und lebhaft sein. Wie eben jetzt in der Gruppenküche der Stiftung MBF, wo Stühle über den Boden schaben, Messer und Gabeln gegen Teller klappern und alle durcheinanderreden. Melanie gefällts. Das ist unschwer am Leuchten ihrer Augen zu erkennen.