Effingen
Von «christlicher Zucht» zu moderner Sozialpädagogik: Das Schulheim arbeitet seine Geschichte auf

Die Darstellung der Gesamtgeschichte des Schulheims Effingen hätte eigentlich eine Festschrift zum 150-Jahr-Jubiläum der 1867 gegründeten Einrichtung in Effingen werden sollen. Bei der Präsentation des Buches am Donnerstag in den Räumen der Einrichtung war man sich aber einig: Dass es nicht 2017, sondern erst 2021 erschienen ist, schmälert seine Qualität nicht, im Gegenteil.

Hans Christof Wagner
Drucken
Ernst Kistler, Stiftungsratspräsident des Schulheims Effingen (links), nahm die ersten Exemplare der Festschrift aus den Händen der Autoren Thomas Brodbeck und Katharina Moser entgegen.

Ernst Kistler, Stiftungsratspräsident des Schulheims Effingen (links), nahm die ersten Exemplare der Festschrift aus den Händen der Autoren Thomas Brodbeck und Katharina Moser entgegen.

Hans Christof Wagner (17. März 2022)

Das Schulheim Effingen ist 2017 150 Jahre alt geworden. Dazu hätte das Buch eigentlich erscheinen sollen, als Festschrift. Jetzt ist es 2021 geworden. An der Verzögerung waren der Umbau des Heims, der Wechsel in der Heimleitung, Änderungen in der Ausrichtung des Buches bis hin zu Corona schuld.

Aber jetzt, würdigte Hauptautor Thomas Brodbeck bei der Vernissage am Donnerstag vor Ort, sei es ein «sehr schönes Buch geworden mit einem ansprechenden Layout». Brodbeck und seine Co-Autorinnen Katharina Moser und Andrea Schüpbach haben die 150-jährige Historie auf mehr als 100 Seiten aufgeschrieben. Stiftungsratspräsident Ernst Kistler sagte:

«Das Buch hätte locker noch viel dicker werden können.»

Dass das Schulheim Effingen über ein Hausarchiv verfügt, begünstigte die Forschungen. Festschriften zu früheren Jubiläen und Quellen aus dem Aargauer Staatsarchiv konnten die Autoren ebenso nutzen.

Sechs Porträts früherer Heimbewohner verändern den Blick

Doch dieses Material allein hätte die Perspektive des Buches stark verengt. Hätte die im Heim lebenden Jungen vor allem als Objekte wahrgenommen. So kommen stattdessen ehemalige Heimbewohner selbst darin zu Wort. Die ältesten darunter waren in der 1960er-Jahren dort.

Ihre Beschreibungen machen den Wandel des Hauses anschaulich: Sind in den Berichten der Älteren Strafen, Gewalt, Härte und Unterordnung die Themen, fallen die der Jüngeren unterm Strich positiver aus. Doch die Erfahrung von Solidarität, Wertschätzung und Halt ist Bestandteil aller der im Buch abgedruckten sechs Porträts.

Titus Meier hielt die Festrede.

Titus Meier hielt die Festrede.

zvg/Susanne Seiler

Titus J. Meier, Brugger Grossrat und selbst Historiker, sagte in seiner Festrede:

«Historiker einen Blick in die eigenen Archive werfen zu lassen, ist immer auch ein Wagnis und erfordert Mut.»

Kontrastiere doch oft der Wunsch, sich in einem möglichst positiven Licht zu präsentieren, mit den Regeln guter geschichtswissenschaftlicher Praxis, auch Licht in mögliche «dunkle Kapitel» zu bringen.

Heimkinder mussten in der Landwirtschaft arbeiten

Meier sprach von einem «enormen Wandel» in den mehr als 150 Jahren Schulheim. Er führte aus, wie 1867 die Schenkung von 100'000 Franken durch Anna Elisabeth Meyer-Siegrist aus Brugg die Gründung möglich machte, wie schwierig aber die Jahrzehnte danach waren. Das Heim habe sich auch über die angeschlossene Landwirtschaft finanzieren müssen und die aufgenommenen Jungen als Arbeitskräfte eingesetzt.

Armut, Härte, Religiosität und das Verständnis des Heims als «Rettungsanstalt für sittlich Verwahrloste» hätten die ersten Jahrzehnte dominiert. Erst mit den 1970er-Jahren seien insgesamt moderne sozialpädagogische Konzepte eingezogen, die Finanz- und Personalsituation besser und die anfangs so präsente Arbeitserziehung beendet worden.

Meier würdigte das Buch als gut verständlich und lesbar. Den Leser in die jeweilige Zeit zurückzuversetzen, gelinge ihm sehr gut – auch wenn diese aus heutiger Betrachtung mitunter dunkel wirke.

Schüler der Musikschule Brugg begleiteten die Vernissage mit ihren Auftritten.

Schüler der Musikschule Brugg begleiteten die Vernissage mit ihren Auftritten.

Hans Christof Wagner

Aktuelle Nachrichten