Laufenburg

Vom Sattler zum Dekorateur: Nach 110-jähriger Geschichte geht Aargauer Familienunternehmen Ende Jahr zu

Schliessen ihr Raumgestaltungsgeschäft am 31. Dezember: Anita und Felix Klingele.

Schliessen ihr Raumgestaltungsgeschäft am 31. Dezember: Anita und Felix Klingele.

Am 31.Dezember geht in Laufenburg eine Ära zu Ende. Dann schliessen Felix und Anita Klingele ihr Raumgestaltungsgeschäft am Marktplatz – das Familienunternehmen gab es seit genau 110 Jahren. «Wir führten das Geschäft in dritter Generation, seit fast 40 Jahren», sagt Felix Klingele. Den Entscheid haben Klingeles aus Altersgründen gefällt, beide sind inzwischen im Pensionsalter. Es sei ein spezielles Gefühl, dass die lange Geschichte nun zu Ende gehe, sagen Klingeles. «Auf der einen Seite spüren wir klar eine gewisse Wehmut und grosse Dankbarkeit gegenüber unseren treuen Kunden. Auf der anderen Seite ist da auch eine Erleich­terung, dass wir künftig weniger Verantwortung tragen.»

Ein Beruf, der an Bedeutung verlor

1909 übernahm Theodor Klingele, Grossvater von Felix, die Sattlerei Josef Schmid. «Der Sattlerberuf war damals noch ein wichtiges Handwerk, vor allem in ländlichen Gebieten», sagt Klingele. Die Arbeit auf dem Feld, im Wald und im Fuhrwesen bescherte dem Sattler viel Arbeit. Schon die zweite Generation, Max Klingele, fügte dem Geschäft allerdings ein weiteres Tätigkeitsfeld hinzu: Er erlernte 1925 ebenfalls den Sattlerberuf, hinzu kamen aber vermehrt Polsterarbeiten und später die Sparte Bodenbeläge ­sowie Vorhänge. «Der Beruf des Sattlers verlor im Laufe der ­Mechanisierung in der Landwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Es galt, sich dem anzupassen», sagt Felix Klingele.

Das gelang dem Unternehmen in seiner Geschichte immer und immer wieder. Auch Felix Klingele ging mit der Zeit. Er erlernte nicht mehr den Sattler­beruf, sondern schloss 1979 die Lehre als Tapezierer-Dekorateur ab. «Die Wohnkultur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant gewandelt», sagt Felix Klingele. Als Beispiel nennt er die Entwicklung bei den Bettwaren. In den 1920er-­Jahren waren im Fricktal Laubsäcke als Matratzen noch gang und gäbe. Später gab es etwa Woll- oder Rosshaarmatratzen, wieder später synthetische Schaumstoffe und heute beheizte Wasserbetten. Die Entwicklung in der Wohnkultur mit den heute günstigen Möbeln hat ­Folgen für eine ganze Berufssparte. «Die Tätigkeit verlagerte sich weg vom Handwerk hin zur Beratung und zum Verkauf», sagt Klingele. Mit direkten Folgen für das Traditionsgeschäft Klingele. Sohn David hat den Innendekorateur-Beruf gelernt, ist aber heute in einem anderen Bereich tätig. Im Raum stand zwar die Möglichkeit, dass er das ­Familienunternehmen dereinst übernimmt. «Aufgrund der stark veränderten Bedingungen haben wir uns aber gemeinsam dagegen entschieden», sagt Klingele.

Klingeles haben es ­«ausklingen lassen»

In den vergangenen Monaten haben Klingeles ihre Tätigkeit nun «ausklingen lassen», wie sie es nennen. Einige Aufträge wird Anita Klingele als Vorhang­näherin im neuen Jahr noch ­fertigstellen und auch Felix wird wohl noch ab und zu in der Werkstatt anzutreffen sein. Dann aber als Hobby.

Daneben freuen sich die beiden auf mehr Flexibilität und mehr Zeit, etwa für die Enkelkinder. Ein Teil davon lebt in Australien. «Sie fragen uns immer wieder, wann wir sie einmal besuchen kommen», sagt Anita Klingele mit einem Lachen. Jetzt lautet die Antwort: bald.

Autor

Nadine Böni

Nadine Böni

Meistgesehen

Artboard 1