Fricktal

Viele Gemeinden suchen für das neue Jahr Asylunterkünfte

«Die Asylsuchenden haben sich gut integriert»: In Mettauertal leben seit einem Jahr zwei syrische Familien. Archiv/twe

«Die Asylsuchenden haben sich gut integriert»: In Mettauertal leben seit einem Jahr zwei syrische Familien. Archiv/twe

Wer die Aufnahmepflicht für Asylsuchende nicht erfüllt, muss ab 2016 tief in die Tasche greifen. Viele Gemeinden spannen darum im Fricktal zusammen und teilen sich die Asylaufnahme oder suchen Unterkünfte.

Dringend gesucht: Wohnraum. In 9 der 32 Fricktaler Gemeinden suchen die Behörden derzeit intensiv nach geeigneten Wohnungen für die Unterbringung von Asylbewerbern. Dies zeigt eine Umfrage der az unter sämtlichen Gemeinden.

Das Engagement hat zwei Gründe: Zum einen bewegen die anhaltenden Flüchtlingsströme auch viele Fricktaler; sie wollen helfen. Zum anderen kommen auf die neun Gemeinden, welche die Aufnahmepflicht derzeit nicht oder nicht ganz erfüllen, ab 2016 happige Kosten zu.

Bislang zahlt eine Gemeinde für jeden Asylsuchenden, den sie nicht aufnimmt oder aufnehmen kann, eine eher symbolische Ersatzabgabe von zehn Franken pro Tag und Person. Ab 2016 werden die Vollkosten verrechnet – das sind 113 Franken. Das heisst: Gut 40 000 Franken pro Person und Jahr.

«Das ist für eine kleine Gemeinde wie Oberhof viel Geld», sagt Gemeindeammann Roger Fricker. Seine Gemeinde müsste aktuell einen Asylsuchenden aufnehmen, «was wir nicht können, da wir über keine geeignete Wohnung verfügen».

Das will der SVP-Mann ändern – und geht aktiv auf die Einwohner zu. Fricker ist «guten Mutes», bis Ende Jahr Wohnraum zu finden, in dem eine oder zwei Familien, also vier bis acht Personen, untergebracht werden können.

Bei anderen Gemeinden einmieten

Damit wird Oberhof die Aufnahmepflicht klar übertreffen – selbst wenn diese, wie es sich abzeichnet, 2016 angehoben wird. Einen Teil der überzähligen Plätze will Fricker an andere Gemeinden «vermieten». «So kann für beide Seiten eine Win-win-Situation geschaffen werden», ist er überzeugt.

Denn Oberhof wird für den Betreuungsaufwand von der Gemeinde X finanziell entschädigt; die Gemeinde X ihrerseits erfüllt ihre Aufnahmepflicht – und dies zu deutlich besseren Konditionen, als wenn sie die Ersatzabgabe bezahlen müsste.

Bereits umgesetzt hat dieses «Platz-Miet-Modell» unter anderem Gansingen. Seit Juni wohnt eine vierköpfige Asylbewerberfamilie im Dorf. Gansingen, das aktuell eine Aufnahmepflicht von zwei Asylsuchenden hat (ab 2016 rechnet Gemeindeammann Mario Hüsler mit drei), «vermietet» einen Platz an Mönthal. Wie viel Mönthal für den Platz zahlt, will Hüsler nicht sagen – «es ist aber nur ein Bruchteil der neuen Ersatzabgabe von 113 Franken pro Tag».

Die Ersatzgabe los ist auch Münchwilen. «Nach langer Suche», wie es in einer Mitteilung heisst, fand die Gemeinde eine geeignete Unterkunft. «Wir konnten die Wohnung über dem Restaurant Post mieten», sagt Gemeindeammann Willy Schürch.

Hier zieht am 30. September eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie aus Aserbaidschan ein. Überwältigt ist er von der Hilfsbereitschaft seiner Münchwiler. «Auf den Aufruf, dass wir Möbel für die Einrichtung suchen, gingen auf der Kanzlei viele Telefonanrufe ein», freut er sich. Die Gemeinde nimmt damit drei Personen mehr auf, als sie aktuell müsste. Anders als Gansingen will Münchwilen die überzähligen Plätze aber nicht «vermieten». «Die Aufnahmequote kann schnell steigen», warnt Schürch.

Oeschgen startet Aufruf

Ähnlich tönt es aus Herznach und Frick. In Herznach will man im Einfamilienhaus, in dem die Asylsuchenden leben, 2016 kleinere Renovationen vornehmen, «um gegebenenfalls auf eine zusätzliche Quote reagieren zu können», sagt Gemeindeschreiber Harry Wilhelm.

In Frick leben aktuell 14 Asylbewerber; aufnehmen müsste Frick 11. «Wir werden von Gemeinden in der Region immer wieder angefragt, ob eine Einmietung möglich wäre», sagt Franz Wülser, Gemeindeschreiber II. «Aufgrund der knappen Erfüllung der Aufnahmepflicht ist diese jedoch derzeit kein Thema.»

Für Willy Schürch steht beim Engagement von Münchwilen das Helfen im Vordergrund; das Pekuniäre, also die Entlastung des Budgets, «ist eine nette Nebenerscheinung». Auf eine solche hofft man auch in Oeschgen. Bislang vergebens. «Die Gemeinde besitzt keine freien Unterkünfte», sagt Gemeindeschreiber Roger Wernli. Deshalb habe man einen Wohnungs-Such-Aufruf in der Zeitung platziert.

Zwar stehen auch in Oeschgen Wohnungen leer, doch die Besitzer davon zu überzeugen, hier Asylsuchende einzuquartieren, «ist nicht einfach». Wie in Oberhof wollen die Behörden auch in Oeschgen aktiv auf Liegenschaftsbesitzer zugehen.

Eine Liegenschaft, die sich eignen würde, dagegen besitzt Wölflinswil. Doch die Wohnung im alten Gemeindehaus, die schon länger als «Sozialwohnung» genutzt wird, befindet sich in einem «traurigen Zustand», erklärt Gemeindeammann Köbi Brem. Eine sinnvolle Heizung fehlt ganz. Deshalb beantragt der Gemeinderat an der Herbst-Gemeindeversammlung einen Sanierungskredit von 160 000 Franken.

Ob die Wohnung danach für die Unterbringung von Asylsuchenden genutzt wird, ist laut Brem noch nicht entschieden. Allerdings: Die Ersatzabgabe beträgt nach dem neuen Verteilschlüssel – ab 2016 muss Wölflinswil drei statt wie bisher zwei Asylsuchende aufnehmen – um die 120 000 Franken. «Das können wir uns finanziell eigentlich nicht leisten», sagt Brem.

Auf gutem Weg, die ganze Quote zu erfüllen, ist man in Gipf-Oberfrick. Aktuell sind sieben Personen in einem gemieteten Einfamilienhaus untergebracht. Um die Aufnahmepflicht von neun Personen zu erfüllen, ist die Gemeinde auf der Suche nach weiterem Wohnraum. «Ein neuer Mietvertrag steht bevor», sagt Gemeindeschreiber Urs Treier.

Mettauertal: «Gut integriert»

Wohnraum ist in Zeihen, das zwei Asylsuchende aufnehmen müsste und für beide die Ersatzabgabe zahlt, nicht in Sicht. Die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft verlief laut Gemeindeschreiber Gianni Profico erfolglos. «Der Gemeinderat hat sich deshalb für eine regionale Zusammenarbeit ausgesprochen.»

Mögliche Partner sind Bözen, Elfingen und Hornussen, die laut Verwaltungsleiter Markus Schlatter derzeit ebenfalls abklären, «in welcher Form allenfalls Asylsuchende aufgenommen und in welchem Rahmen mit weiteren Partnergemeinden Lösungen gefunden werden können».

Diese Wie-wann-wo-Fragen stellt sich in Mettauertal nicht mehr; die Gemeinde hat ihre Aufnahmepflicht mehr als erfüllt. Seit einem Jahr leben zwei syrische Familien im Dorf. «Es läuft problemlos», sagt Gemeindeammann Peter Weber. «Die Asylsuchenden haben sich gut integriert.»

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