Die Reformierte Kirchgemeinde Frick will eine Gemeinschaft sein, in der ich mich selber sein darf, in der ich ernst genommen werde, in der ich verstanden werde. Eine Gemeinschaft, in der ich Menschen finde, die zuhören und nicht sagen, wos langgeht, in der ich nicht in ein Schema gepresst werde und in der ich akzeptiert bin.

Wer diese Leitgedanken liest und sie mit der Ist-Situation der reformierten Kirchgemeinde abgleicht, wähnt sich in einer anderen Welt, oder vielleicht besser: in einer anderen Realität. Denn das Zuhören klappt schon lange nicht mehr; einige sagen, es habe noch nie geklappt, seit Johannes Siebenmann Pfarrer in Frick sei, denn dieser könne nicht zuhören.

Liest man die Leserbriefe, die in den letzten Wochen erschienen sind, so spricht aus ihnen heraus eine tiefe Besorgnis um die Zukunft der Kirchgemeinde, um das Morgen, um das Fundament. Die Kritiker von Siebenmann betonen denn auch, dass sie nur deshalb Klartext sprechen, weil sie in grosser Sorge sind. Einige nehmen es Siebenmann übel, dass sie zu dem Schritt in die Öffentlichkeit gezwungen werden, dass sie das Innenleben nach aussen kehren müssen.

Summiert man die geäusserten Vorwürfe und Unzulänglichkeiten von Siebenmann, so muss man fast unweigerlich zum Schluss kommen: Siebenmann hat in den knapp vier Jahren, in denen er in Frick ist, so gut wie alles falsch gemacht. Er kann nicht zuhören, ist nicht teamfähig, hält Schlaf-Predigten, ist wenig empathisch, stösst Menschen vor den Kopf und interessiert sich nicht für die Mitmenschen. Kurz: Er allein ist schuld am momentanen Desaster; er hat den Abgang von Pfarrerin Verena Salvisberg zu verantworten; er ist eine Persona non grata in Frick.

Menschen jedoch, die sich öffentlich für Siebenmann stark machen, die für ihn Position beziehen, gibt es nur wenige. Weshalb? Die AZ ging auf Spurensuche, denn nach Siebenmann selber und nach den Siebenmann-Kritikern in der letzten Woche sollen auch jene Gehör bekommen, die eine andere Sicht, eine Pro-Siebenmann-Sicht vertreten.

Auf die Frage, weshalb man kaum Befürworter hört, bekommt man zwei Antworten. Weil es nicht viele von ihnen gibt, sagen die einen. Weil jeder, der Siebenmann unterstützt, unter Beschuss kommt, sagen andere. «Die Angriffe, die passieren, sind massiv und zielen direkt auf die Person», sagt Claudia Daniel. «Dass man die Unterstützer nicht sieht, liegt genau daran.»

Pfarrer Johannes Siebenmann.

Pfarrer Johannes Siebenmann.

Im April geheiratet

Claudia Daniel war von 2015 bis zur Einsetzung des Kurators im Frühling 2017 Mitglied der zuletzt zerstrittenen Kirchenpflege. Ab 2016 amtete sie als Vizepräsidentin und hatte das Ressort Personelles unter sich. Im Sommer 2017 bemerkten sie und Siebenmann, dass zwischen ihnen mehr ist als eine Freundschaft. Im April dieses Jahres heirateten die beiden.
Wie Claudia Daniel am Küchentisch sitzt und von den letzten Wochen und Monaten erzählt, spürt man die tiefen Verletzungen, die entstanden sind. Es sind nicht nur die Vorwürfe gegen Siebenmann, die auch sie belasten – es ist vor allem die Art und Weise, wie diese vorgebracht werden. «Die Radikalität schockiert mich», sagt sie. Es seien hier Gräben aufgegangen, die schmerzen. «Einige nehmen einen nicht mehr als Mitmenschen, sondern als Feind wahr.»

Als «grob und unchristlich» empfindet auch Markus Pfister das, was in der Kirche derzeit abläuft. «Die Systematik, mit der Siebenmann demontiert wird, passt gar nicht zur Wertegemeinschaft, welche die Kirche sein will.» Er sei an den letzten Versammlungen «aus allen Wolken gefallen», wie man auf Siebenmann eingedroschen habe. «So kann man mit einer Personalie nirgends umgehen – in einer Kirchgemeinde schon gar nicht», sagt er, verstummt kurz. Viele der Vorwürfe könne er nicht beurteilen und zumindest ein Teil werde sicher wahr sein. «Meine Erwartungshaltung an akademisch gebildete Theologen ist aber, dass man einen solchen Konflikt auf eine würdige und christliche Art und Weise löst.» Dies sei hier definitiv nicht der Fall.

Nicht alle Vorwürfe stimmen

Ihn stört auch, dass nun Vorwürfe und Zuspitzungen die Runde machen, die so nicht stimmen. Beurteilen kann Pfister den Konfirmationsunterricht. Seine drei Kinder besuch(t)en ihn bei Siebenmann. «Sie gingen alle gerne in den Unterricht und machten zum Teil mehr, als sie mussten. Dies erachte ich in der heutigen Zeit als alles andere als selbstverständlich.» Dass Siebenmann mehr als die Hälfte der Lektionen habe ausfallen lassen, wie ihm nun vorgehalten wird, «stimmt mitnichten».

Peter Boss, Schulleiter in Frick, bezeichnete die Jugendarbeit von Siebenmann in einem AZ-Artikel als «nicht nachhaltig». «Sie geht rein über die Show und nicht über die Beziehung. Nachhaltige Jugendarbeit aber ist Beziehungsarbeit.» Claudia Daniel hat die Passage im Artikel gelb angestrichen. «Wenn das alles nur ‹Show› ist, wie Herr Boss sagt, dann muss das wohl eine grossartige Show sein. Oder eben doch gelungene Beziehungsarbeit.»

Auch Simon Andry, 21, findet das, was derzeit abläuft, «für die Kirche unwürdig». Es habe sich viel angestaut und Siebenmann habe sicher Fehler gemacht. «Aber es liegt nie nur an einer Seite.» Er wird Siebenmann seine Stimme geben, weil er die Zusammenarbeit mit ihm als bereichernd erlebt. Andry wirkt bei den «11 vor 11»-Gottesdiensten mit und schätzt auch, dass sich Siebenmann für die Jugend einsetzt. «Zu den Jungen hat er den Draht gefunden und sie sind doch die Zukunft der Kirche.» Andry ist, wie die meisten Jungen, kein grosser Gottesdienstgänger. «Die Kirche von Morgen braucht andere Angebote für Junge», ist er überzeugt. Und das sei eine Stärke von Siebenmann. «Er hat das Talent, Junge zu begeistern.»

Schwierig findet es Andry auch, wenn nun ehemalige Amtsträger am schärfsten gegen Siebenmann schiessen. «Sie waren Teil des Systems und die Probleme bestanden schon, bevor Siebenmann kam», sagt Andry.

Zurück am Küchentisch bei Claudia Daniel. Wie man die Dauerkritik aushalte, will ich wissen. Daniel blickt lange vor sich hin, sagt dann: «Das ist fast nicht auszuhalten.» Sie habe gehofft, dass es irgendeinmal abflacht, dass Ruhe einkehrt, dass man durchatmen kann. «Es war bislang ein Trugschluss.»

Pfarrer Johan Siebenmann will die Wiederwahl

Pfarrer Johan Siebenmann will die Wiederwahl (5. September 2018)

Im Dorf ist er bekannt für seine langweiligen Predigen und die Nichterfüllung seines Amtes. Dennoch möchte Pfarrer Siebenmann im September wiedergewählt werden.

Ein Stück Heimat

Die Kritiker sagen, Siebenmann verursache mit seinem Beharren auf der Wahl einen Kollateralschaden ungeheuren Ausmasses. «Und sie?», fragt Daniel. «Auch für uns, die hinter Johannes stehen, ist die Kirche ein Stück Heimat, ist die Gemeinschaft das Fundament, das uns trägt.» Oder besser: tragen sollte. Denn dieses Fundament drohe, einzustürzen. «Die Kritiker sagen, es werde viele Kirchenaustritte geben, wenn Johannes wiedergewählt wird. Das mag sein. Es wird aber auch umgekehrt Leute geben, die ihre Heimat verlieren und gehen werden.»

Entweder oder. Entweder Siebenmann oder Kurator Markus Fricker. Dieses Gegeneinander könne es in einer christlichen Gemeinschaft doch nicht sein, finden alle drei Befragten. Es brauche, gerade jetzt, ein Miteinander, ein Aufeinander-Zugehen. «Es darf in einer Kirchgemeinde durchaus verschiedene Sichtweisen geben», so Pfister. Was es brauche, sei gegenseitige Toleranz. «Wir haben alle Fehler gemacht», konstatiert Daniel. «Ich glaube, dass es schon längst Zeit ist, wieder aufeinander zuzugehen und einander zu verzeihen, denn wir alle können deutlich mehr als nur eine Wahl verlieren.» Die Heimat.

Aber auch Daniel weiss: Ein Aufeinander-Zugehen ist derzeit kaum möglich. Zu verfahren ist die Situation, zu viel Geschirr wurde in den letzten Monaten zerschlagen. Es sei verpasst worden, in der Pluralität eine Chance zu sehen; man habe sie nur als Gefahr gesehen, sagt Daniel. Man spiele nun die beiden Pfarrpersonen gegeneinander aus. «Das ist der falsche Weg», ist Daniel überzeugt.

Ähnlich beurteilt es Pfister. «Ich würde von der Kirche nicht nur erwarten, dass sie derartige personelle Herausforderungen in einer weniger brachialen Art angeht, sondern auch, dass sie die Bereitschaft zeigt, in Betracht zu ziehen, dass es – gerade mit Pfarrpersonen mit unterschiedlichen Stärken- und Schwächenprofilen – vielleicht konstruktivere Lösungsansätze gibt.» Kirchgemeindemitglieder hätten oftmals unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen und stellten unterschiedliche Anforderungen an die Kirche. «Gerade da könnte doch bestehende Diversität in einem Pfarrteam nicht nur als Problem, sondern viel mehr als Chance wahrgenommen und die Organisation darauf ausgerichtet werden.»

Statt die Pluralität zu leben, werde versucht, die Kirchgemeinde zu vereinheitlichen. «Wenn man nicht im Gleichschritt mitmarschieren will, wird man ausgeschlossen, an den Rand gedrängt», sagt Daniel, verstummt, fügt dann an: «So lange, bis man selber geht. Und das tut unheimlich weh.» Sie schüttelt den Kopf, so, als wolle sie die trüben Gedanken abschütteln. «Was ich mir wünsche, ist eine Kirchgemeinde, die die Vielfalt, wie wir sie in der Gesellschaft haben, lebt.»

Wahlchancen sind eher klein

Zukunftsgedanken. Vorerst steht am 23. September die Wahl an. Wie sie ausgeht, ist offen; die meisten, mit denen die AZ gesprochen hat, rechnen nicht mit einer Wiederwahl von Siebenmann. Doch egal, wie die Wahl ausgeht – es muss weitergehen. Die Kirchgemeinde muss ihren Weg finden. «Die Zukunft bleibt eine grosse Herausforderung», sagt Andry. Nach der Wahl beginne der Weg erst richtig.

Die Vorstellung, dass es mit einem kompletten Neustart – also mit zwei neuen Pfarrpersonen – einfacher wird, als wenn Siebenmann bleibt, hält Daniel für illusorisch. «Die Probleme und die Zerrissenheit werden bleiben.» Es brauche in jedem Fall ein Aufeinander-Zugehen. «Wir müssen die Vergangenheit miteinander aufarbeiten. Sonst bleibt eine Schuld zurück», ist Daniel überzeugt. Ein Umbruch oder Aufbruch sei immer schmerzhaft. «Schmerzhaft vor allem für die, die den Aufbruch nicht wollen. Und für die, die zu früh dran sind.»

Ob die Wunden wieder heilen?, wiederholt Daniel die Frage, überlegt kurz, sagt dann: «Es gibt keine Alternative zur Aussöhnung.» Was sie sich wünscht, ist, dass die Kirchgemeinde nach der Wahl einen Rahmen findet, um sich neu zu begegnen, «unabhängig davon, ob man auseinandergeht oder gemeinsam weitergeht».

Bald ist wieder Weihnachten. Im letzten Jahr hat Daniel, die ab kommenden Montag berufsbegleitend Theologie studieren wird, auch einigen eine persönliche Weihnachtskarte geschrieben, die dezidiert gegen Siebenmann sind. Nicht alle haben das goutiert. Ob sie auch in diesem Jahr wieder allen schreibt? Sie lässt es offen. «Ein Bedürfnis wäre es mir allerdings.»