Schwaderloch

Traditions-Kostümverleih schliesst nach 33 Jahren: «Die Alte Fasnacht war für die Leute ein Ventil»

«Den Kontakt zu Kunden schätzte ich sehr», sagt Margrit Vögeli vom Fasnachtskostümverleih in Schwaderloch.

«Den Kontakt zu Kunden schätzte ich sehr», sagt Margrit Vögeli vom Fasnachtskostümverleih in Schwaderloch.

Margrit Vögeli aus Schwaderloch verkauft nach ihren Fasnachts-Kostümverleih – aus mehreren Gründen.

«S’hät, solang s’hät», schreibt Margrit Vögeli in der Anzeige für den Ausverkauf ihrer Fasnachtskostüme. 33 Jahre lang führte sie den Fasnachtskostümverleih in Schwaderloch, ab 1993 im ­Mittleren Boden 301. «Hauptgrund für die Aufgabe des Verleihs sind mein Alter, weniger Betrieb und keine Nachfolge», ­erklärt die 75-Jährige, deren Kunden aus dem gesamten Fricktal, Zurzibiet und Süddeutschland stammten. «Ein Umsatzrückgang erfolgte in den Nullerjahren durch das Internet und durch das Verschwinden des klassischen Maskenballes», sagt sie.

Auch wenn sie in den letzten Tagen und Wochen schon einige Exemplare verkauft hat, geben die verbliebenen vielfältigen und farbenreichen Fasnachtskostüme einen Eindruck ihres ehemals grossen Verleihs, den sie in einem eigens dafür eingerichteten Keller, inklusive Waschmaschinen und Tumbler, betrieben hat. Bis zum 29. Februar verkauft Margrit Vögeli sämtliche Kostüme, Perücken und Masken zu Schnäppchenpreisen.

Winterthur trifft auf Schwaderloch in den 70ern

«Mit der Fasnacht hatte ich als Kind nichts am Hut», schildert Margrit Vögeli, in Winterthur geboren und aufgewachsen. «Ich ging lieber Ski fahren», fügt sie lachend hinzu. In den Bergen lernte sie Hermann Vögeli aus Schwaderloch kennen und erlebte im katholischen Fricktal während der Fasnachtszeit ­Narrenfreiheit. Insbesondere Schwiegervater Gottfried Vögeli war ein angefressener Fasnächtler und betrieb mit seiner Frau Agnes seit Ende der 1960er-Jahre den Fasnachtskostümverleih, welchen Margrit Vögeli ab 1987 bis heute weiterführte. «Die Geschichte meiner Schwiegereltern und meine eigene sind eng an die Fasnacht gekoppelt und geben Einblick in die Geschichte des Fricktals im 20. Jahrhundert», erklärt Margrit Vögeli.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg suchten viele Schwaderlocher Arbeit und überquerten den Rhein zur Papierfabrik oder zum Kraftwerk im deutschen Albbruck. Mit dem Ziel eines Zusatzverdiensts baute Gottfried Vögeli eigenhändig das «Kaufhaus zur Linde» neben dem Bahnübergang, wo er im Keller zusätzlich einen Kostümverleih einrichtete.

Nicht nur Fricktaler, sondern auch Süddeutsche besuchten das Kaufhaus. In der Nachkriegszeit schmuggelten oft Deutsche Zigaretten, Mehl und Zucker aus dem Kaufhaus über den Rhein. Das Fricktal war eine ärmliche Gegend Mitte des 20. Jahrhunderts und wie das ganze Land gefangen in einem rigorosen Moralkodex. «Die Alte Fasnacht war für die Leute ein Ventil.» Mit der «Alten Fasnacht» sind Traditionen wie der Maskenball oder der Tschätter-Umzug gemeint. Bis die Ohren schmerzten, schlug man mit dem Hammer auf ein riesiges Sägeblatt, das man mit sich trug.

Den Maskenball organisierte lange Zeit die Musikgesellschaft, zu der Hermann Vögeli seit 62 Jahren gehört. Um die Dimension des Fasnachtsanlasses zu illustrieren, beschreibt er, wie ein riesiges, von Wasser angetriebenes Mühlerad auf die Bühne im Saal des Restaurants Bahnhof gestellt wurde.

Ab 1979 organisierte den Maskenball während 20 Jahren der Frauenturnverein Schwaderloch, dem Margrit Vögeli ebenfalls angehörte. «Die Leute verkleideten sich, zogen im Dorf von Beiz zu Beiz, foppten sich gegenseitig und andere Beizenbesucherinnen und -besucher», schildert sie.

Die Demaskierung hat etwas Überraschendes

«Die Tradition, einander am Maskenball um Mitternacht zu demaskieren, hatte etwas Überraschendes, etwas Zauberhaftes, das in der modernen Welt fehlt», sagt Margrit Vögeli.

Im Verlauf der 1990er- und Nullerjahre habe die Beliebtheit der Guggenmusiken die Maskenbälle, an denen jeweils eine klassische Tanzmusik gespielt wurde, verunmöglicht. «Die Fasnacht hat in Schwaderloch und auch in vielen anderen Fricktaler Gemeinde keine grosse Bedeutung mehr», bedauern Hermann und Margrit Vögeli. Wobei im nahen Wil und auch in vielen süddeutschen Dörfern sei schon noch Betrieb, fügt Hermann Vögeli hinzu.

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