Sabine Fischli hat meinen Besuch angekündigt. Und so werde ich von den Kindergärtlern des Kaiseraugster Kindergartens Dorf bereits erwartet. Der Erste, der an der Tür auftaucht, als ich klopfe, ist jedoch Jojo. Jojo ist der Grund dafür, dass ich genau diesen Kindergarten besuche. Jojo ist neun Jahre alt und besucht diesen Kindergarten täglich. Jojo ist ein Australian Shepherd.

Der Hund begrüsst mich kurz und bewegt sich dann zusammen mit den Kindern in Richtung Stuhlkreis – und legt sich unmittelbar daneben in sein Körbchen. Während Jojo ein kurzes Nickerchen hält, erzählen die Kindergärtler von den Regeln im Umgang mit Jojo. «Man darf ihm nur Hundeguetzli geben», sagt ein Junge, «sonst kriegt er Bauchweh.» – «Aber zuerst muss man Frau Fischli fragen», ergänzt ein Mädchen. Ich erfahre auch, dass Jojo im Körbchen nicht gestreichelt wird, dass man ihm nicht hinterherrennen darf und dass man nicht schreien soll, da Hunde empfindliche Ohren haben.

Eltern unterstützen das Projekt

Dann rufen die Kinder Jojo in den Kreis – und er nutzt das «Jojo-Gängli», eine Lücke zwischen den Stühlen, die ihm ermöglicht, jederzeit zu den Kindern in den Kreis zu kommen. Nun zeigen die Kinder, dass sie nicht nur die Regeln für den Umgang mit dem Hund gelernt haben, sondern auch wissen, wie sie Jojo die Guetzli oder den Wassernapf reichen sollten.

Kindergärtnerin Sabine Fischli ist seit zwölf Jahren in Kaiseraugst tätig. Die ersten drei Jahre hat sie ohne Hund unterrichtet. «Aber ich bin selbst mit einem Hund gross geworden und weiss, was Tiere pädagogisch bewirken können», sagt sie. Und so hat sie bei der damaligen Schulleiterin angefragt, ob sie künftig mit einem Sozialhund unterrichten dürfe.

Sie erhielt letztlich das Okay von Schulleitung und Schulpflege – und auch die Eltern zogen mit. «Wir hatten noch keinen Fall, bei dem die Eltern ihr Kind nicht in den Kindergarten Dorf schicken wollten», sagt Fischli. Im Gegenteil: «Mittlerweile ist Jojo der Grund dafür, dass sich Eltern wünschen, dass ihr Kind hier in den Kindergarten kommt.»

Nach dem Okay der Verantwortlichen hat Sabine Fischli Jojo als Welpen ausgesucht und umgehend damit begonnen, ihn an den Kindergarten zu gewöhnen. «Zunächst in den Ferien ohne Kinder, später in kurzen Sequenzen mit Kindern», erklärt sie. Später absolvierte die Kindergärtnerin mit ihm die Sozialhunde-Ausbildung.

Der Hund lernte dabei unter anderem, ungeschickte oder unsanfte Berührungen zu akzeptieren und sich in heiklen Situationen vertrauensvoll am Hundehalter zu orientieren. Sabine Fischli lernte, sich intensiv mit ihrem Hund zu verständigen, damit ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Verhältnis entsteht. «Zudem lernt man auch, die Konflikt- und Stresssignale seines Hundes frühzeitig zu erkennen», sagt Fischli, «so kann man den Hund gegebenenfalls vor einer Überlastung schützen».

Prävention in anderen Klassen

Ihr sei es wichtig, dass die Kinder den Umgang mit Hunden lernen, begründet Sabine Fischli ihre Initiative, einen Hund in den Kindergarten zu bringen. Deshalb gibt sie auch in anderen Klassen Präventionskurse «Kind und Hund». Doch ein Sozialhund im Unterricht bringe noch weitere Vorteile. «Ich hatte schon Kinder, die sich zuerst dem Hund gegenüber geöffnet haben, ehe sie sich der Gruppe geöffnet haben», erinnert sich die Kindergärtnerin.

Jojo übernimmt dann quasi die Funktion eines Brückenbauers. Und auch der Hund baue Beziehungen zu den Kindern auf. «Er sucht sich fast in jedem Jahrgang ein, zwei Kinder aus, zu denen er öfter geht», so Fischli. Diese kenne er dann auch noch Jahre später.

Die Kindergärtnerin bietet ihrem Hund auch bewusst Möglichkeiten, sich dem quirligen Kindergartenleben zu entziehen. So steht etwa ein Körbchen als Rückzugsort in ihrem Büro. «Er sucht es allerdings fast nie auf», sagt sie. Wie zum Beweis schaut Jojo kurz darauf im Büro vorbei, zieht es dann aber vor, zu den Kindern zurückzukehren und sie in die Mittagspause zu verabschieden.