Fricktal

Streiken ja, aber in der Freizeit

Einen Monat vor dem Frauenstreik informierten das Komitee Frauenstreik Aargau und weitere Organisationen über die Streikgründe und -aktivitäten am 14. Juni im Aargau.

Gemeinden und Unternehmen lassen Mitarbeiterinnen am Frauenstreik teilnehmen – ausserhalb der Arbeitszeit.

Die Mitarbeiterinnen in grösseren Verwaltungen und Unternehmen dürfen am Freitag in einer Woche am Frauenstreik teilnehmen – müssen dazu aber freinehmen oder Überzeit kompensieren. Dies zeigt eine Umfrage der AZ unter den grossen Gemeindeverwaltungen im Fricktal sowie bei grösseren Unternehmen.

«Selbstverständlich steht es den Mitarbeiterinnen der Gemeinde frei, am Frauenstreik teilzunehmen», sagt etwa Roger Rehmann, Gemeindeschreiber von Kaiseraugst. Die Mitarbeiterinnen hätten die Streikzeit entsprechend zu kompensieren, also über Ferien oder Gleitzeit abzubuchen. Ausstempeln reiche dabei vollkommen, denn «die Gemeinde Kaiseraugst ist eine Arbeitgeberin, welche nicht bürokratisch sein möchte».

Ähnlich tönt es in Möhlin. «Die Mitarbeiterinnen können in Absprache mit den Vorgesetzten teilnehmen, müssen jedoch ausstempeln», sagt Gemeindeschreiber Marius Fricker und schiebt nach: «Als Dienstleistungsbetrieb muss sichergestellt werden, dass unsere Kundinnen und Kunden Ansprechpartner in der Gemeinde vorfinden.»

Dass der Dienst am Kunden sichergestellt bleibt, ist auch für die Gemeinde Stein wichtig. «Im Rahmen der Freizeit» sei eine Teilnahme am Streik möglich, sagt Gemeindeschreiber Sascha Roth. Auch die Stadt Rheinfelden steht den Mitarbeiterinnen, die am Streik teilnehmen wollen, nicht im Weg. Sie können laut Stadtschreiber Roger Erdin wahlweise Überzeit kompensieren oder Ferien beziehen.

In Frick habe man noch nie Erfahrungen gemacht, dass Mitarbeitende streiken möchten, sagt Gemeindeschreiber Michael Widmer und führt dies auf die «zeitgemässen und gendergerechten Anstellungsbedingungen» zurück sowie auf den Umstand, dass allfällige Meinungsverschiedenheiten im Dialog gelöst werden. «Sollte jemand am Frauenstreik teilnehmen wollen, so werden wir sicher eine einvernehmliche Lösung finden, die den Interessen der Mitarbeitenden als auch jenen der Gemeinde gerecht wird.»

In Gipf-Oberfrick sieht man das ähnlich pragmatisch. Wer wolle, könne gerne am Frauenstreik teilnehmen, müsse dafür aber freinehmen. «Unser Personalreglement sieht keine andere Regelung vor und wir würden es bei anderen Anliegen, etwa beim Klimastreik, ebenso handhaben, dass für Streikanliegen freigenommen werden muss, wir aber sicher den Mitarbeitenden freigeben würden», sagt Gemeindeschreiber Urs Treier.

Nicht alle hängen das Manifest auf

Unterschiedlich gehen die Gemeinden allerdings mit dem Aargauer Manifest zum Frauenstreik um. Dieses hat Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli im Namen des Aargauer Organisationskomitees allen Gemeindeschreibern im Fricktal zugestellt. Es enthält 20 Forderungen, unter anderem gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, eine substanzielle Erhöhung der AHV im Tieflohnbereich, die Kostenübernahme von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen, den Verzicht von stereotypischen Aussagen und Bildern in Lehrmitteln oder die gleichberechtigte Teilhabe und Vertretung von Frauen auf allen kirchlichen Ebenen.

Während Kaiseraugst und Möhlin das dreiseitige Manifest im Anschlagkasten aufhängen, verzichten Stein und Rheinfelden darauf. «Wir werden das Manifest, das politische Forderungen enthält, die über die Gleichstellungsfrage hinausgehen, nicht auflegen oder aufhängen», sagt Roger Erdin. Der Stadtschreiber betont gleichzeitig, dass die Stadt bei der Anstellung ihrer Mitarbeitenden keinen Unterschied zwischen Mann und Frau mache. «Wie Untersuchungen aber zeigen, wird das verfassungsmässige Gleichstellungsgebot insbesondere in der Frage der Lohngleichheit nach wie vor nicht überall umgesetzt. Insofern ist das zentrale Anliegen des Frauenstreiktages verständlich», so Erdin.

Ähnlich tönt es aus Kaiseraugst. «Die Anliegen der Frauen sind für den Gemeinderat verständlich und er unterstützt diese Anliegen», sagt Rehmann. Es sei für den Gemeinderat klar, dass es zwischen den Geschlechtern keine Unterscheidung geben dürfe.

Das sieht man auch bei Novartis so. «Die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit ist bei uns bereits seit mehreren Jahren umgesetzt», sagt Pressesprecher Satoshi Jean-Paul Sugimoto. «Programme zur gezielten Förderung von mehr Frauen im Management werden erfolgreich umgesetzt.» Auch bei Novartis gilt: Teilnehmen können Mitarbeiterinnen am Frauenstreik in ihrer Freizeit. Novartis habe ein sehr flexibles Arbeitszeitreglement, so Sugimoto. Er hält deshalb zur Streikfrage fest: «In diesem Sinn würde eine Teilnahme am Frauenstreik keine Arbeitsverweigerung, also Streik, bedeuten, sondern höchstens eine Verletzung des Arbeitszeitreglements, indem Freizeit als Arbeitszeit angegeben wird.» Zuerst würde man deshalb bei einer Verletzung des Arbeitzeitreglements das Gespräch suchen und eine Korrektur verlangen.

Flexible Arbeitszeitmodelle

Roche-Sprecherin Simone Oeschger weist auf das Arbeitszeitmodell des Konzerns hin, das den Mitarbeitenden eine grosse Flexibilität gebe, um berufliche und private Prioritäten zu vereinbaren. «Wir gehen davon aus, dass dies auch hier möglich sein sollte», meint sie mit Blick auf den Frauenstreik.

Für Robert Reimann, CEO der Jakob Müller AG in Frick, ist der Frauenstreik rechtlich kein Streik, da dafür die Grundlagen nicht erfüllt seien. Wenn jemand teilnehmen will, «stehen wir – unter Einhaltungen der Bedingungen des Arbeitsvertrages – niemandem im Weg». Ferien nehmen müsse man nicht. «Durch unser flexibles Arbeitszeitmodell reicht das Ausstempeln und die vorherige Absprache mit dem Vorgesetzten», so Reimann.

Man sei im Konzern offen, über die Anliegen der Mitarbeitenden zu sprechen. «Speziell auch beim Thema Fachkräftemangel werden Frauen in Zukunft eine immer wichtigere Rolle einnehmen», ist Reimann überzeugt. Dabei biete auch die Digitalisierung in der Industrie eine grosse Chance. Auf die Lohnungleichheit angesprochen, meint der CEO: «Die Lohndifferenz zwischen Frau und Mann hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verringert und liegt heute deutlich unter der Toleranzschwelle von fünf Prozent.»

Kein Thema ist der Frauenstreik bislang bei der Erne AG Bauunternehmung. Dies habe sicherlich auch damit zu tun, dass in der Baubranche «leider nur sehr wenige Frauen arbeiten», sagt Yvonne Gredig, Leiterin Marketing und Kommunikation. Sollten bei Mitarbeiterinnen Fragen bezüglich einer Teilnahme an Veranstaltungen im Rahmen des Frauenstreiktags auftauchen, sollte dies selbstverantwortlich gelöst werden, so Gredig. «Wir sind in solchen Fällen kulant und streben mit den Mitarbeitenden zusammen eine geeignete Lösung an.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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