An besonderen Festtagen, vor allem an Weihnachten, sind die Kirchenbänke im Fricktal nach wie vor gut besetzt. Dann stimmen jeweils Hunderte von Seelen, pardon: von Kehlen ins «Stille Nacht, heilige Nacht» ein.

Sonst versinken die Kirchen selber je länger, je mehr in eine stille Nacht. Die Zahl derer, die den Landeskirchen den Rücken kehrt, nimmt laufend zu. Das zeigt eine Auswertung, die das statistische Amt für die AZ vorgenommen hat (Bericht vom Donnerstag) – und das zeigt auch ein Blick in die Pfarreistatistiken.

Besonders stark trifft es dabei die römisch-katholische Kirche – nicht nur wegen den Missbrauchsskandalen, die manch einen aus der Kirchenbank vertreibt, sondern auch, weil die Katholiken nach wie vor die dominierende Konfession im Fricktal sind.

Wobei: Diese Aussage stimmt seit Ende 2015 nicht mehr; da lag der Anteil derer, die keiner der drei Landeskirchen angehören, erstmals über dem Anteil der Römisch-katholischen: 37,5 Prozent der Fricktaler waren da noch römisch-katholisch, 39,56 Prozent werden in der Statistik als «Andere» ausgewiesen. Zu dieser Kategorie zählen neben den Konfessionslosen auch Mitglieder von Freikirchen und anderer Kultgemeinschaften, besonders des Islams (siehe Grafik). «Diese Entwicklung wird nicht nur weitergehen, sondern sich weiter akzentuieren», ist der Fricktaler Historiker Linus Hüsser überzeugt.

Auch wegen der Austritte. Sie haben sich in den letzten Jahren akzentuiert, wie ein Blick in die jüngsten Ausgaben von «Horizonte», dem Pfarrblatt der Römisch-katholischen zeigt. Oeschgen weist für das letzte Jahr 9 Kirchenaustritte aus (Vorjahr 3), Gipf-Oberfrick 11 (14), Wittnau 5, Wölflinswil-Oberhof 11, Herznach-Ueken 14 (25), Hornussen 13 (7), Zeihen 13 (11), Mettau 13, Gansingen 1.

Gut, die Landeskirchen verzeichnen auch (Wieder-)Eintritte, doch diese vermögen die Auflösungserscheinungen höchstens zu verlangsamen. Die Pfarrei Wittnau als leuchtendes Eintrittsbeispiel brachte es auf drei Neueintritte – bei fünf Austritten. In Gipf-Oberfrick steht den 11 Austritten nur 1 Eintritt gegenüber. In vielen anderen Gemeinden ist die Eintrittsquote: 0.

Wie eine Gletscherschmelze

Nicht einmal das Bevölkerungswachstum, das im Fricktal nach wie vor hoch ist, vermag den Rückgang zu kompensieren: Von 2000 bis 2015 ist die Bevölkerung um 24 Prozent gewachsen, von 63 023 auf 78 310 Einwohner. Sämtliche Landeskirchen verloren in diesem Zeitraum Mitglieder – und zwar nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Zahlen. Waren 2000 noch 30 284 Personen Mitglied der römisch-katholischen Landeskirche, sank die Zahl der zahlenden Gläubigen bis 2015 auf 29 368 Personen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Reformierten: Ihre Zahl ging im selben Zeitraum von 16 905 auf 15 754 zurück.

Hart trifft es auch die Christkatholiken, die sich nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 wegen des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit von der römischen Kirche abspalteten. Das untere Fricktal entpuppte sich dabei als besonders romkritisch; in Hellikon, Magden, Möhlin, Obermumpf, Olsberg, Rheinfelden und Wegenstetten entwickelten sich grössere christkatholische Gemeinden; in Magden und Möhlin stellten die Christkatholiken noch in den 1940er-Jahren die absolute Mehrheit der Einwohner.

Bis 1940 waren die Christkatholiken in der Statistik des Kantons zusammen mit den Römisch-katholischen ausgewiesen; 1941 stellten sie mit 4030 Mitgliedern noch 13,72 Prozent der Gläubigen. Seither ging ihre Zahl konstant zurück. Heute gehören der christkatholischen Gemeinschaft im Fricktal noch 2207 Personen an. Das sind 2,82 Prozent der Bevölkerung.

Die Situation der drei Landeskirchen erinnert an jene eines Gletschers; er schmilzt jedes Jahr etwas mehr dahin – und niemand kann etwas dagegen tun. «Wir leben in einer Zeit eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels», sagt Hüsser. «Diese Entwicklung ist nicht zu stoppen.»

Manch einer bedauert es, erinnert sich wehmütig an das Bild von einst, das er tief in sich noch findet, erinnert sich an das Damals, an die Zeit, als der Kirchengletscher noch die gesellschaftliche Landschaft im Fricktal prägte. Blickt man 200 Jahre zurück, so gab es im Fricktal – im unteren wie im oberen – nichts anderes als den Katholizismus. «Als das Fricktal zum Aargau kam, waren 100 Prozent katholisch», erzählt Linus Hüsser. Daran änderte sich lange nicht viel; 1880 gehörten immer noch 94,72 Prozent der Fricktaler den katholischen Kirchen an.

Tempi passati. Die römisch-katholische Kirche verlor ihr Primat in sechs Etappen, oder vielleicht treffender: in sechs Strophen. Genau gleich viele Liedstrophen hat «Stille Nacht».

1. Die Abspaltung

«Die Christkatholiken erlebten im Kulturkampf gerade im unteren Fricktal einen grossen Zuspruch», erzählt Linus Hüsser. In Möhlin entstand eine der schweizweit grössten Kirchgemeinden. Im unteren Fricktal war zeitweise mehr als ein Viertel der Einwohner christkatholisch. Auch im oberen Fricktal wurden die Diskussionen, ob man sich den Christkatholiken anschliessen will, hart geführt. Am härtesten in Laufenburg: «Die Gemeinde stand auf der Kippe, blieb dann aber römisch-katholisch», so Hüsser.

2. Bauern und Beamte

Noch 1880 waren die Katholiken, wie erwähnt, im Fricktal weitgehend unter sich. Nur gerade 1240 Reformierte, 96 Juden und 16 Angehörige eines anderen Kultus lebten in den beiden Bezirken. Dann setzte die «Protestantenwelle» ein. «Reformierte aus dem Bernbiet kauften im Fricktal Höfe», erzählt Hüsser. Mit dem Bau der Bözbergbahnlinie, die 1875 eröffnet wurde, liessen sich zudem Bahnarbeiter im Fricktal nieder. Auch nicht wenige der zugezogenen (Zoll-)Beamten waren reformiert.

3. Die Zuwanderung

Mit der Industrialisierung kam der wirtschaftliche Aufstieg des Fricktals – und damit auch die Zuwanderung aus anderen Regionen. Stark war (und ist) der Zuzug insbesondere aus Basel, also einem traditionell reformierten Pflaster. Diese Entwicklung trug mitunter dazu bei, dass die Reformierten in mehreren Gemeinden zur stärksten «Fraktion» wurden. Heute stellen die Reformierten noch in Olsberg und Magden die grösste Gemeinschaft. Die Art der Zuwanderung hat sich in den letzten 20, 30 Jahren fundamental verändert: Heute machen Konfessionslose und Angehörige anderer Kultusgemeinschaften, insbesondere Muslime, einen beachtlichen Teil der Zuwanderer aus. Das trägt wesentlich dazu bei, dass der Anteil derer, die keiner Landeskirche angehören, seit 1990 sprunghaft ansteigt – von 12,36 auf 39,56 Prozent.

4. Die Öffnung

Die Katholiken haben unter sich zu bleiben, das heisst: Ein Katholik heiratet gefälligst eine Katholikin. Diese Ansage war bis nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht nur eine moralische Forderung, sondern ein Gesetz. Die Konfessionsverschiedenheit war bis 1970 ein Ehehindernis; die Kultusverschiedenheit ist es bis heute. Eine Dispens vom Hindernis ist zwar möglich, bedeutet aber einen Aufwand – und birgt Unsicherheiten. Seit die «mixta religio», also die Konfessionsverschiedenheit, kein Hindernis mehr ist, hat die Zahl der Mischehen rasant zugenommen. Ehen, in denen der eine katholisch, der andere reformiert ist, stellen inzwischen die Regel dar. Längst nicht alle leben danach katholisch.

5. Die Distanzierung

Mit der Individualisierung der Lebenskontexte und der Ausfächerung der gesellschaftlichen Normen machte sich eine zunehmende Kirchenferne breit. «Heute werden die Dienstleistungen der Kirchen oft nur noch bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen gewünscht», sagt Hüsser, der seit 15 Jahren auch Kirchenpflegepräsident in Herznach-Ueken ist. «Auch das einst blühende kirchliche Vereinswesen hat seine Bedeutung verloren.» Dieses katholische Milieu, das noch in den 1950er-Jahren prägend (und karrierefördernd) war, «ist nach dem zweiten Vatikanum weggebrochen», so Hüsser. Die «letzte grosse Manifestation» sei im Aargau der Katholikentag 1953 gewesen. Damals versammelten sich über 15 000 (junge) Männer in Windisch.

6. Die Austritte

Das Phänomen der Kirchenaustritte ist in der heutigen Massierung noch relativ jung. Es sind vorab zwei Gründe, die Menschen bewegen, die Kirche zu verlassen: Die zunehmende Kirchenferne (auch derer, die dabei bleiben) – und finanzielle Überlegungen. Man ist nicht mehr bereit, für ein Angebot zu bezahlen, das man nicht nutzt. Eine dritte Gruppe tritt aus, um einer Freikirche beizutreten. «Sie finden hier das, was ihnen in der Landeskirche fehlt: Eine innere Ergriffenheit und ein Gemeinschaftsgefühl», sagt Hüsser.

«Über Jahrhunderte hinweg haben Glaube und Kirche den Alltag, die Mentalität und das kulturelle Leben unserer Region geprägt», bilanziert Hüsser. Heute sei dies anders: «Neue, nichtchristliche Glaubensgemeinschaften haben sich in unserer Region etabliert.» Welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Landeskirchen in Zukunft einnehmen werden, «bleibt offen».