Betreutes Wohnen

So lange wie möglich zu Hause bleiben: Im Fricktal läuft ein Pilotmodell an

Sind gewappnet für die Zukunft: Ronja Steiger, Andre Rotzetter und Jeannette Zumsteg vom Verein für Altersbetreuung im oberen Fricktal. Bild: Thomas Wehrli

Sind gewappnet für die Zukunft: Ronja Steiger, Andre Rotzetter und Jeannette Zumsteg vom Verein für Altersbetreuung im oberen Fricktal. Bild: Thomas Wehrli

Gemeinden und Pflegedienstleister spannen zusammen. Ziel ist es, dass ältere Menschen möglichst lange in ihrer Wohnung leben können.

Die Fricktaler werden immer älter – und sie werden immer gesünder älter. Damit verändern sich auch ihre Ansprüche an das Wohnen im Alter und ihre Erwartungen an Dienstleister wie den Verein für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF). Dieser betreibt in Frick und Laufenburg je ein Alters- und Pflegeheim mit 105 Plätzen. Zudem führt er 86 Alterswohnungen. Was kommt auf den VAOF zu? Ein Gang durch die Zeit in sechs Schritten.

1. Die Experimentierphase.

Vor gut zehn Jahren tauchte ein neues Schlagwort am Altersmarkt auf: das betreute Wohnen. «Jeder verstand darunter etwas anderes», erinnert sich Andre Rotzetter, Geschäftsführer des VAOF. Entsprechend unterschiedlich fielen die Konzepte aus. «Zum Teil entstanden riesige Wohnsiedlungen nur für alte Menschen.» Dies funktionierte auch – bis der Bund die Gesetze so änderte, dass der Grossteil der neuen Wohnungen behindertengerecht gebaut werden müssen. Seither sind Wohnungen in reinen Alterssiedlungen schwieriger zu vermieten, denn die Menschen möchten auch im Alter in und nicht neben der Gesellschaft leben.

Der VAOF merkte diese Veränderung im eigenen Haus. Für die Alterswohnungen, welche er 2011 in Frick eröffnete, musste er nie ein Inserat schalten; die Wohnungen waren schon vor Fertigstellung vermietet und es bestand eine lange Warteliste. Für die Alterswohnungen in Laufenburg dagegen, die 2017 bezogen wurden, war die Vermietung «deutlich schwieriger».

2. Der Dienstleister.

Funktionieren können Konzepte, die das Wohnen auch im Alter individuell belässt. Anbieter wie der VAOF werden so zu Dienstleistern, bei denen man – je nach Bedarf – Leistungen einkauft. «Die Leute wollen Sicherheit, dass jemand da ist, wenn einmal etwas passieren sollte», so Rotzetter. Sie wollen eine Ansprechperson und das Wissen, dass sie im Bedarfsfall Leistungen einkaufen können. Dies ermöglicht ihnen, länger in ihrer Wohnung zu bleiben und autonom zu leben. «Spitin» nennt der VAOF diesen Dienst; wer eine (Pflege-)Leistung braucht, kann diese dazubuchen. Die Leistungen werden in Frick vom Alterszentrum, in Laufenburg von der Spitex erbracht.

Heute vermietet der VAOF keine Wohnung mehr ohne ­Betreuungsvertrag. Denn es sei in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen, dass ein Bewohner einer Alterswohnung den Rotkreuz-Notruf ausgelöst habe und der VAOF dann von der Notrufzentrale aufgeboten wurde. «Das Problem war, dass wir so kaum Angaben zu den Personen hatten.» Immer wichtiger werde für die Bewohner von Alterswohnungen zudem der gesellschaftliche Aspekt, hat Rotzetter beobachtet. Gefragt seien Gemeinschaftsräume und Gemeinschaftsanlässe.

3. Die Dezentralisation.

Dem Trend, möglichst lange im gewohnten Umfeld zu leben, wollen die Anbieter von Pflege- und Altersdienstleistungen mit einem gemeinsamen Projekt Rechnung tragen. In einem dreijährigen Pilotmodell wollen VAOF, Pro Senectute und Spitex Regio Frick zusammen mit den Gemeinden Frick, Gipf-Oberfrick, Oeschgen, Oberhof und Wölflinswil ab Sommer 2020 Dienstleistungen nach Mass anbieten. «Es ist ein dezentrales Modell von betreutem Wohnen», umschreibt es Rotzetter. Angeboten werden verschiedene Dienstleistungspakete, die von einer Ansprechperson für den Notfall bis hin zu einem umfassenden Case Management reichen.

Ziel ist es, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Wohnumfeld bleiben und sich genau jene Hilfestellungen einkaufen können, die sie brauchen. «Wir wollen dazu keine neue Organisation aufbauen», so Rotzetter. «Jeder Anbieter soll sein Know-how einbringen.» Der VAOF etwa wird die technische Seite abdecken, die Spitex den Rund-um-die-Uhr-Pikettdienst.

Verläuft der dreijährige Pilot erfolgreich, wollen die Organisationen das Modell im ganzen Fricktal ausrollen.

4. Die Zukunft der Heime.

Die betreuungsintensiven Fälle in den Alters- und Pflegeheimen werden in den nächsten Jahren laut Rotzetter zunehmen müssen, wenn die Heime finanziell überleben wollen. Heute befinden sich kantonsweit rund ein Drittel der Pensionäre in den tiefsten drei Pflegestufen; nicht wenige Bewohner brauchen gar keine Pflege, ­sondern Betreuung. Finanziell funktioniere dies nur dank einer Querfinanzierung zwischen Wohnen und Pflege, weiss Rotzetter. «Ein gefährlicher Weg», ist er überzeugt. Denn diese Quersubventionierung werde künftig auch vom Kanton, der die Heime kontrolliert, nicht mehr toleriert. Für Rotzetter ist deshalb klar: Die Heime werden sich verstärkt auf Personen spezialisieren müssen, die viel Pflege brauchen. «Wer nicht in diese Richtung geht, wird Defizite machen und nicht überleben», prophezeit der CVP-Grossrat.

5. Die Wohngemeinschaften.

Potenzial sieht Rotzetter bei Wohngemeinschaften. «Die Zahl der Menschen, die psychogeriatrische Betreuung benötigen, nimmt zu.» Für sie seien Wohngemeinschaften ideal, in denen sie ein soziales Gefüge vorfinden und gleichzeitig einen genügend grossen Rückzugsraum haben. «Solche Wohnungen gibt es auf dem Markt noch kaum», weiss Rotzetter. Wichtig sei, dass solche Wohnungen in der Nähe eines Alters- und Pflegeheims ­lägen, damit diese die Leistungen effizient erbringen können.

6. Die Ansprüche.

Stark gewandelt haben sich in den letzten 10 Jahren die Ansprüche von Bewohnern und Angehörigen. «Diese sind massiv gestiegen», sagt Rotzetter. Wer heute ins Pflegeheim geht, erwartet, dass er seinen individuellen Lebensentwurf eins zu eins weiterleben kann. «Das kann ein Heim aber nicht bieten. Ein Leben in der Gemeinschaft bringt immer Kompromisse mit sich.» Das ­sähen nicht alle ein und so komme es immer wieder zu Konflikten mit Bewohnern und Angehörigen. Die Generation, die nun ins Heim komme, sei sich gewohnt gewesen, zu gehen, wenn ihnen etwas nicht passt. «Hier können sich nicht einfach gehen.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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