Morgen hebt Silvio Keller nach Schweden ab. Der 36-jährige Wallbacher, der nach einem Unfall ab dem sechsten Halswirbel gelähmt ist, will sich an seiner siebten Para-Tischtennis-Europameisterschaft in Helsingborg das erfüllen, was ihm zuvor sechs Mal verwehrt geblieben ist: eine Medaille.

An die Enttäuschung der letzten EM im slowenischen Lasko vor zwei Jahren kann sich die derzeitige Nummer 17 der Welt noch gut erinnern. «Lediglich ein Sieg hat mir für eine Medaille gefehlt.» Ärgerlich für Keller war damals, dass er bis vier Wochen vor der EM an einer Schleimbeutel-Entzündung am Ellenbogen laborierte, wegen der er nicht trainieren konnte.

Dieses Mal stehen die Vorzeichen günstiger. «Ich bin in Top-Form», sagt Keller. Dies bewies er erst letzte Woche im tschechischen Ostrava. Dort schlug er am Weltcup-Turnier mit dem Italiener Federico Falco den derzeit viertbesten Europäer. «Das hat mir so kurz vor der EM das nötige Selbstbewusstsein gegeben und mir gezeigt, dass ich auch die besten Europäer besiegen kann», so Keller, der sich beim Schlagen mit der linken Hand auf dem Rollstuhl abstützt, weil er aufgrund seiner Lähmung die Bauchmuskeln nicht einsetzen kann.

Fünf Mal die Woche hat Keller im Vorfeld der EM trainiert – drei Mal an der Platte und zwei Mal im Kraftraum. Wenn Keller mit Spielern ohne Handicap trainiert, setzen sich diese manchmal zum Spielen auf einen Stuhl. «Das ist für mich vorteilhaft, weil so die Wettkampfspiele ideal simuliert werden, bei denen meine Gegner ja auch im Rollstuhl sitzen.»

Immer Gas im Training geben

Wenn Keller sich mit der Nationalmannschaft im Stützpunkttraining befindet, kann es schon mal sein, dass ihm sein Trainer über eine Minute zwei bis drei Bälle pro Sekunde zu spielt, die Keller retournieren muss. «Das ist gut für meine Reaktion und die Kondition», sagt er. Phasen, in denen Keller das Training verleidet, kennt er keine. «Ich feile immer an meinem Service, der schnell und platziert in die Ecken kommen muss», sagt Keller, der aufgrund seines Handicaps versucht, die Ballwechsel kurz zu halten und möglichst mit dem Service oder dem zweiten Schlag zu punkten.

Keller verhehlt nicht, dass er schon ein wenig Druck verspürt. «Wenn ich in der Vorrunde rausfliege, wäre ich bitter enttäuscht.» Dies auch, weil in der aktuellen Weltrangliste nur sechs Europäer vor ihm stehen. «Wenn ich meine Nerven im Griff habe und die K.-o.-Runde erreiche, kann ich ganz weit kommen», sagt Keller. Die Chancen, das Halbfinale zu erreichen und damit automatisch die Bronze-Medaille sicher zu haben – es werden zwei Bronze-Medaillen vergeben –, schätzt er auf 40 Prozent ein.

Punkte sammeln für die Paralympics 2020

Die EM soll Keller nebenbei den Weg zu den Paralympics 2020 in Tokio ebnen. «Das ist mein grosses Ziel. Mich auf grosser Bühne mit den weltweit Besten zu messen», sagt er. Hierzu braucht Keller aber eben ein gutes Abschneiden an der EM, um sich in der Weltrangliste weiter nach vorne zu schieben. «Die Top 12 sind für Tokio qualifiziert, Nummer 13 war ich schon.»