Gipf-Oberfrick

Religions-Pädagoge: «Jeder hat Anspruch auf eine Segnung»

Ein Bild aus einer anderen Welt: Margaret Miles und Cathy ten Broeke bei ihrer Hochzeit 2013 in Minneapolis. Die katholische Kirche tut sich mit gleichgeschlechtlichen Paaren nach wie vor schwer. Kurt Adler hofft, dass sich das ändert – «morgen und nicht erst in 20 Jahren».

Ein Bild aus einer anderen Welt: Margaret Miles und Cathy ten Broeke bei ihrer Hochzeit 2013 in Minneapolis. Die katholische Kirche tut sich mit gleichgeschlechtlichen Paaren nach wie vor schwer. Kurt Adler hofft, dass sich das ändert – «morgen und nicht erst in 20 Jahren».

Kurt Adler von der Fachstelle Bildung und Propstei der römisch-katholischen Kirche im Aargau im Interview über die Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare in Gipf-Oberfrick und den Weg der Kirche.

Pfarrer Wendelin Bucheli segnete im letzten Herbst ein lesbisches Paar in Bürglen (UR). Damit stach er in ein (katholisches) Wespennest und Vitus Huonder, der konservative Bischof von Chur, wollte seinen aufmüpfigen Priester in dessen Heimatbistum Lausanne abschieben.

Der Aufschrei im Land war gross, allein 44 304 Gläubige unterschrieben die Online-Petition «Bucheli soll bleiben». Er darf bleiben - allerdings musste er seinem Bischof versprechen, keine Homosexuellen mehr zu segnen.

Das Bistum Basel scheint da liberaler zu ticken. Am Freitagabend führten Kurt Adler und Susanne Andrea Birke von der Fachstelle Bildung und Propstei der römisch-katholischen Kirche im Aargau in Gipf-Oberfrick die zweite Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare durch – und ein Aufschrei der Bistumsleitung blieb (bislang) aus.

Herr Adler, Sie haben gestern zusammen mit Susanne Andrea Birke eine Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare durchgeführt. Weshalb?

Kurt Adler: Ich könnte zurückfragen: Weshalb nicht?

Ich kann auch anders fragen: Weshalb braucht es eine solche Feier?

Für uns ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen, zu zeigen, dass auch gleichgeschlechtliche Paare in der katholischen Kirche willkommen sind. Ich kenne viele gleichgeschlechtliche Paare und höre von ihnen immer wieder: In der Kirche bin ich nicht willkommen.

Das stimmt nicht – und das wollen wir mit dieser Feier manifestieren. Wenn ein Paar einen begleitenden Segen für seinen Weg haben möchte, dann darf die Kirche nicht dagegen sein. Da darf es keine Rolle spielen, ob das Paar hetero- oder homosexuell ist.

Sie sagen: Die Kirche darf nicht gegen ein solches Zeichen sein. Die katholische Lehre sagt doch etwas anderes.

Diese Stelle müssen Sie mir zeigen. Ich habe in der Lehre bislang nirgends eine Stelle entdeckt, die eine Segnung infrage stellt.

Bischof Vitus Huonder ist da anderer Ansicht. Er sprach im Fall von Wendolin Bucheli von einem «Verstoss gegen die Lehre der Kirche» und wollte den Pfarrer von Bürglen in die Wüste respektive in sein Heimatbistum Lausanne schicken. Legt er die Lehre einfach anders aus?

Das müssen Sie ihn fragen. Für mich hat jeder Mensch Anspruch auf eine Segnung vor Gott.

Die katholische Kirche hat grosse Mühe mit der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Weshalb?

Vielleicht, weil viele eine Segnung auf eine Stufe mit dem Sakrament der Ehe stellen. Damit hat die Kirche heute noch Mühe.

Heute noch? Heisst das: Sie muss das Bild ändern?

Ja.

Machen wir es konkret: Wird die katholische Kirche gleichgeschlechtliche Paare in 20 Jahren als gleichwertig akzeptieren?

Ich hoffe, nicht erst in 20 Jahren. Ich hoffe, dass dies schon morgen der Fall sein wird.

Wie berechtigt ist diese Hoffnung?

(Lacht.) Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Papst Franziskus ist – zumindest in der Gestik – aufgebrochen. Erwarten Sie von ihm auch einen Aufbruch der erstarrten Strukturen?

Ja und ich erhoffe mir diesen auch. Zumindest, dass überprüft wird, ob gewisse Strukturen noch notwendig, hilfreich und gerechtfertigt sind.

In welchen Bereichen sind sie es nicht?

Da gibt es eine ganze Reihe. Notwendig ist ein Aufbruch sicher bei den gleichgeschlechtlichen Paaren. Auch sollte die Kirche ihre Haltung zu wieder verheirateten Geschiedenen und zur Frauenordination überdenken.

Wie weit soll dieser Aufbruch gehen? Soll auch eine Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paares möglich sein?

Ich empfinde eine Unterscheidung zwischen «Segnung» und «Trauung» als arg spitzfindig. Ich bitte um den Segen für die Menschen auf ihren Weg. Und das ist ein verbindender Weg, den sie so gewählt haben. Für mich spielt es keine Rolle, ob sie in gleich- oder verschieden geschlechtlicher Beziehung leben.

Ist es nicht ein Armutszeichen, wenn sich die Kirche oder ihre Vertreter in solchen Spitzfindigkeiten flüchten müssen?

Für mich ist zentral: Ich muss den Mensch sehen und ich muss hören, was will er. Als Mensch in der Kirche habe ich den Auftrag, zu sehen, wie ich dem Mitmenschen diesen Weg ermöglichen kann, wie ich ihn begleiten kann. Dazu sind wir da.

Die Segnungsfeier gestern fand in Gipf-Oberfrick statt. Weshalb gerade hier?

Das ist Zufall. Seit mehreren Jahren organisiere ich eine Segnungsfeier für alle Liebenden. Diese findet stets am Valentinstag und stets in Aarau statt. Mit der Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare dagegen wollen wir unterwegs sein, wollen auf den Weg gehen. Die erste Feier fand letztes Jahr in Meisterschwanden statt, für die diesjährige haben wir Gipf-Oberfrick gewählt.

Wie waren die Reaktionen nach der ersten Feier?

Es nahmen rund 25 Menschen an der Feier teil. Die Stimmung war toll und zukunftsweisend.

Und wie waren die Reaktionen von aussen?

Wir hatten durchweg positive Rückmeldungen, auch vonseiten der Landeskirche. Eine einzige Reaktion war negativ.

Haben Sie keine Angst davor, von Bischof Felix Gmür einen Rüffel einzufangen?

Zusammen mit Martin Linzmeier, dem Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick, hatte ich vor knapp zwei Wochen ein Gespräch mit Weihbischof Denis Theurillat. Wir erzählten ihm, was wir machen und weshalb. Er stellte seine Fragen. Es war ein sehr gutes, angenehmes Gespräch.

Wieso ist eine solche Feier im Bistum Basel möglich und im Bistum Chur gibt es einen Aufschrei?

Die Bistümer sind unterschiedlich – auch in den Personen, die es leiten. Auch wir können und dürfen nicht alles. Aber ich habe die Hoffnung, dass man bei uns mit der Bistumsleitung über alles reden kann.

In Bürglen nahm die Segnungsfeier ein geweihter Priester vor; Sie sind Religionspädagoge. Macht die Weihe einen Unterschied im Reaktionsmuster?

Das ist eine spekulative Frage. Ich weiss nicht, wie Bischof Huonder reagieren würde, wenn ein Religionspädagoge in seinem Bistum die Segnung vorgenommen hätte.

In der katholischen Kirche sind die konservativen Kräfte stark. Wollen Sie provozieren?

Es geht mir überhaupt nicht ums Provozieren. Es geht mir darum, zu zeigen: Da sind Menschen, die unterwegs sind. Mit ihnen müssen wir Wege suchen und mit ihnen auf den Weg gehen. Ich glaube aber auch nicht, dass unsere Kirchenmitglieder dermassen konservativ sind, wie sie bisweilen dargestellt werden. Nehmen Sie nur die Umfrage zur Familiensynode, an der sich über 20 000 Katholiken beteiligt haben. Da spürt man nichts von konservativem Groove. Da ist ein Aufbruch spürbar, ein grosser Hoffnungsschimmer sichtbar.

Haben die konservativen Kreise einfach die lauteren Stimmen?

Meinen Sie, weil ich derzeit derart heisser bin, dass man mich kaum hört? (Lacht.) Im Ernst: Die konservativen Kreise verschaffen sich vielleicht lauter Gehör. Aus meiner täglichen Arbeit weiss ich aber: Es gibt viele Menschen, die nicht auf dieser Schiene fahren, ja, die sich enorm daran stören.

Unbestritten ist: Die Kirche ist im Wandel. Doch: Wandelt Sie sich schnell genug? Oder bewegt sie sich erst, wenn sie keine Leute mehr hat?

Ich hoffe nicht – und ich glaube es auch nicht. Ich sehe bei vielen Menschen eine Bereitschaft zum Wandel. Das gibt mir Mut.

Heute gibt die Kirchenstruktur den Rahmen vor. Braucht es einen Paradigmenwechsel? Muss der Mensch über Rom gestellt werden?

Es braucht sicher ein Umdenken. Der Mensch muss deutlich mehr zählen als die Strukturen.

Was wünschen Sie sich für die katholische Kirche?

Die gestrige Feier stand unter dem Motto: «Gottes Liebe hat viele Farben.» Ich träume von einer Kirche, in der die verschiedenen Farben sicht- und spürbar werden und auch gelebt werden. Ich träume davon, dass die Kirche die Menschen in ihrer ganzen Farbenvielfalt als Bereicherung ansieht und sich mit ihnen auf den Weg macht.

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