Frick

Neu-Gemeinderat: «Umfassendes Verkehrskonzept nötig»

Eugen Voronkov (rechts) mit seinen Gemeinderatskollegen Daniel Suter (v.l.), Gunthard Niederbäumer, Susanne Gmünder und Christian Fricker. zvg

Eugen Voronkov (rechts) mit seinen Gemeinderatskollegen Daniel Suter (v.l.), Gunthard Niederbäumer, Susanne Gmünder und Christian Fricker. zvg

Neu-Gemeinderat Eugen Voronkov über zu schnelles Wachstum, die Vermarktung als Firmenstandort, den besseren Einbezug der Bevölkerung in politische Prozesse – und was er von Tempo 30 auf der Hauptstrasse hält

Die Worte waren markant, die Eugen Voronkov, 36, vor den Gemeinderatswahlen in Frick wählte. «Die Entwicklungen in Frick beobachte ich sehr kritisch», schrieb der FDP-Politiker, der allerdings «wild» für den Gemeinderat kandidierte, auf seinem Wahlflyer. «Zu starkes und zu schnelles Wachstum, angespannte Finanzen und eine Infrastruktur an ihren Kapazitätsgrenzen – all diese Probleme machen mir grosse Sorgen.» Der Gemeinderat müsse einen stetigen Dialog mit der Bevölkerung pflegen und die Bevölkerung «mehr in die weitreichenden Entscheide einbeziehen», schrieb er weiter, was der eine oder andere dann doch als Wink mit dem Zaunpfahl gegenüber den amtierenden Gemeinderäten empfand.

Im Wahlkampf setzte sich Voronkov klar gegen Adrian Speckert (SVP) durch und eroberte den frei werdenden Sitz von Baudirektor Thomas Stöckli (FDP). Seit einer Woche ist Voronkov somit Gemeinderat – und kann auf Wachstum, Finanzen und Einbezug der Bevölkerung Einfluss nehmen. Wie will er das tun? Und: Waren die mahnenden Worte nur Wahltaktik? Die AZ hat nachgefragt.

Eugen Voronkov, Sie kritisierten im Vorfeld der Gemeinderatswahlen das zu schnelle Wachstum von Frick und machten dafür auch den Gemeinderat mitverantwortlich. Nun sind Sie selber im Gemeinderat. Sehen Sie nun alles anders?

Eugen Voronkov: Meine Arbeit im Gemeinderat beginnt erst. Ich werde mir jetzt schnell und detailliert einen Überblick über die vergangenen, laufenden und künftigen Projekte verschaffen und mich danach konstruktiv und intensiv im Rat einbringen. Dabei sind mir sowohl Transparenz und Offenheit als auch das Kollegialitätsprinzip sehr wichtig.

Wachstum ist doch per se nicht schlecht. Was stört Sie daran?

Frick ist eine ländliche Gemeinde und soll es auch bleiben. Es braucht ein qualitatives Wachstum, damit die Infrastruktur nicht an ihre Grenzen kommt und der dichte Verkehr nicht weiter zunimmt. Zudem ist ein umfassendes Verkehrskonzept erforderlich, wie der Verkehr in Frick als Zentrumsgemeinde und in der ganzen Region bewältigt werden kann. Zu einem nachhaltigen Wachstum gehört auch die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region.

Hätte der Gemeinderat das Wachstum drosseln können?

Ich erachte es als wichtig, dass die Gemeinde mit Investoren und Landeigentümern im Gespräch bleibt, um sowohl die Interessen der Gemeinde als auch der Bevölkerung zu vertreten. Letztlich haben auch private Investoren und Eigentümer kein Interesse an einem überhitzten Wohnungsmarkt mit hohen Leerständen oder sinkenden Mietzinsen. Aus meiner Sicht braucht eine Gemeinde Landreserven für die Zukunft.

Weitere grosse Baugebiete – insbesondere die Gebiete Blaie und Lammet – sollen in den nächsten Jahren erschlossen und überbaut werden. Mehrere hundert Wohnungen kommen so auf den Markt. Zu viel?

Meine Haltung für ein nachhaltiges und nicht zu schnelles Wachstum ist bekannt. Die nächsten Wachstumsschritte sind jetzt sehr vorsichtig zu planen und zu begleiten. Dies ist die Aufgabe des Gesamtgemeinderats.

Wie wollen Sie als Gemeinderat Gegensteuer geben?

Wie gesagt: Meine Arbeit im Gemeinderat beginnt erst. Ich werde meine Haltung, die ich schon im Wahlkampf vertrat, bei den konkreten Planungen und Geschäften aktiv und hartnäckig einbringen. Es braucht gute Argumente und Lösungsvorschläge.

Das Wachstum bringt mehr Verkehr. Kann das Dorf diesen schlucken?

Es gab nicht nur in Frick ein Wachstum, sondern in der ganzen Region. Ich bin der Meinung, dass die Verkehrsfragen auf konzeptioneller Ebene unter Einbezug der Nachbargemeinden zu beurteilen sind und daraus nachhaltige, zukunftsorientierte Lösungen erarbeitet werden müssen. Wie ich aus verschiedensten Kontakten mit der Bevölkerung weiss, beschäftigt dieses Thema die Menschen in Frick sehr.

Ihr Vorgänger, Thomas Stöckli, sah in Tempo 30 auf der Hauptstrasse eine Option, um das Miteinander von Verkehr, Arbeiten und Wohnen zu optimieren. Gehen Sie sich auch mit Tempo an die Tempo-30-Front?

Sehen wir es realistisch: Morgens zwischen 6.30 und 8.30 Uhr, abends zwischen 16.30 und 18.30 Uhr sowie auch samstags kann auf der Hauptstrasse gar nicht schneller als 30 km/h gefahren werden. In den anderen Zeiten kann und soll man 50 km/h schnell fahren können. Die Verkehrsfragen haben hohe Priorität in Frick. Die Herausforderungen bei der Hauptstrasse sind komplex und vielschichtig. Sowohl die Sicherheit der Fussgänger, die Interessen der Autofahrer als auch die Anliegen des Gewerbes müssen in Einklang gebracht werden.

Kritische Stimmen sagen: Frick ist im Dichtestress. Haben diese Stimmen recht?

Die Anliegen und Sorgen der Bevölkerung müssen immer ernst genommen werden. Aus meiner Sicht braucht es genügend Grünflächen und die flüssige Abwicklung des Verkehrs ist wichtig.

Wie beurteilen Sie die Lebensqualität in Frick heute?

Lebensqualität definiert jeder für sich persönlich. Jemand findet es schön, in einer Stadt zu leben, jemand anderer findet es schön, ländlich zu leben. Ich persönlich fand und finde das ländliche Flair von Frick toll. Die Lebensqualität ist immer noch gut, wir müssen dieser jedoch Sorge tragen. Dazu gehören für mich auch ein vernünftiges Wachstum und ein ländliches Frick.

Wie kann die Lebensqualität erhöht werden?

Nebst den wichtigen Fragestellungen des Verkehrs und des Wachstums gehören zur Lebensqualität ein hoher Gemeinschaftsinn, ein aktives und aufregendes Vereinsleben, Restaurants, Cafés, das Schwimmbad und die Familie, um nur einige zu nennen. Arbeit und Arbeitsplätze gehören auch dazu; wir brauchen interessante Firmen in Frick und im Fricktal.

Die Region wächst zwar einwohnermässig, doch die Zahl der Arbeitsplätze stagniert. Eine gefährliche Entwicklung?

Einseitiges Wachstum ist nie gut. Die Gemeinde Frick hat viel zu bieten für Firmen: eine zentrale Lage, eine gute Infrastruktur, viele gute Arbeitskräfte und eine effiziente Verwaltung. Insgesamt also ein sehr unternehmerfreundliches Umfeld.

Was kann man tun, um mehr Arbeitsplätze anzusiedeln?

Frick als Gemeinde und die Region Fricktal müssen sich mit mehr und qualitativ hochstehenden Marketingmassnahmen gut vermarkten. Wir müssen öfter und aktiver erzählen, dass Frick ein hervorragender Firmenstandort ist. Ich werde mich im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit für dieses Anliegen aktiv einsetzen.

In Ihrer Wahlwerbung versprachen Sie, die Anliegen der Bevölkerung besser zu berücksichtigen. War das ein rein wahltaktisches Versprechen?

Ich habe nach der Wahl bereits viele Gespräche mit Menschen geführt, die schon lange in Frick leben und denen Frick am Herzen liegt. Bevor ich mir eine Meinung bilde, höre ich mir immer andere Meinungen an. Wir leben in einer komplexen Welt, da braucht es verschiedene Impulse für eine gute Lösung. Es braucht einen stetigen Dialog – die Lösung für heute, kann für morgen nicht mehr die Richtige sein. Die Transparenz und Offenheit sind sehr wichtig.

Wie soll das gehen?

Zeit nehmen für Gespräche, den Dialog pflegen, viele Fragen stellen, Informationen beschaffen, nachdenken, mit dem Gemeinderat Lösungen erarbeiten und entscheiden.

Wo sehen Sie Frick in fünf Jahren?

Ich hoffe, immer noch als ländliche Gemeinde mit hoher Lebensqualität, stabiler Einwohnerzahl und zufriedener Bevölkerung. Wenn wir das schaffen, werden wir auch wenig soziale Probleme und überschaubare Sozialkosten haben und müssten dann auch nicht unsere Infrastruktur massiv vergrössern. Im Entwicklungskonzept steht folgende Aussage respektive Frage: «Frick steht in einem Transformationsprozess. Zentrale Frage: Stadt oder Dorf? Urban oder ländlich?» Die Bevölkerung und die Gemeinde müssen diese Frage eindeutig beantworten – und zwar bald.

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