Berufungsprozess

Kokain in «Milchschnitte»: Aargauer Obergericht verdoppelt Haftstrafe für syrischen Schmuggler

Der Angeklagte hatte rund 40 Gramm Kokain bei sich.

Der Angeklagte hatte rund 40 Gramm Kokain bei sich.

Ein Syrer wird vom Bezirksgericht Rheinfelden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt – er legt Berufung ein und muss nun sogar vier Jahre hinter Gitter.

Zwei Jahre Haft – so lautete die Strafe, die in erster Instanz gegen einen 28-jährigen Syrer Mitte Dezember verhängt wurde. Der Angeklagte, der damals alle Tatvorwürfe abstritt, legte gegen das Urteil Berufung ein und musste sich nun vor dem Obergericht erneut wegen diverser Drogendelikte verantworten. Die Staatsanwaltschaft forderte für den Angeklagten, wie bereits im Verfahren vor dem Bezirksgericht Rheinfelden, eine Haftstrafe von vier Jahren.

Unter anderem wirft ihm die Staatsanwaltschaft die versuchte Einfuhr von Drogen am Autobahnzoll Basel-Weil vor. Grenzkontrolleure entdeckten damals bei dem Angeklagten rund 40 Gramm Kokain in einer «Milchschnitten»-Verpackung, die sich im Ablagenetz seines Vordersitzes befand. Messungen an den Händen und Hosentaschen des Syrers bestätigten, dass er kurz zuvor mit Kokain in Kontakt war.

Kokain im Reisecar

Der Angeklagte schilderte dem Obergericht, dass er keine Ahnung habe, wie das Kokain in seine «Milchschnitten»-Verpackung gekommen sei. «Ich war während der Fahrt angetrunken, habe geschlafen und öfters den Sitz gewechselt.» Die Kokain-Spuren an den Händen erklärt er sich damit, dass er kurz vor der Abfahrt mit einem Freund in Den Haag feiern war.

Es war nicht das erste Mal, dass der Angeklagte mit Drogen in der Schweiz in Erscheinung getreten ist: Ende 2014 war der Angeklagte mit seinem Cousin in Richtung Zürich unterwegs. Als sein Auto aufgrund einer Reifenpanne auf der Höhe von Möhlin liegen blieb, nahte ein Polizeifahrzeug. Als dies der Cousin bemerkte, liess er einen Beutel mit 44 Gramm Kokain nur einige Meter vom Auto entfernt fallen. Der Cousin belastete in mehreren Einvernahmen den Angeklagten schwer: «Er hat mir den Beutel gegeben und gesagt, dass sich darin Sporttabletten befinden.»

Der Angeklagte bestreitet dies und gibt an, dass ihn der Cousin aus zwei Gründen belaste. Erstens, weil er nicht wie sein Cousin in der Schweiz wohne und dieser deshalb denke, dass er «von der Sache nichts mitbekommt». Zweitens aus Rache. Dies deshalb, weil sein Cousin in seine Schwester verliebt war und sie heiraten wollte. «Sie wollte meinen Cousin aber nicht heiraten. Dieser war der Ansicht, dass ich meine Schwester dazu hätte überreden sollen, was ich jedoch nicht gemacht habe», erzählt der Angeklagte.

Die Staatsanwältin argumentierte, dass der Angeklagte rein aus finanziellen Gründen Kokain in das Land schmuggeln wollte und damit in Kauf genommen habe, die Gesundheit vieler Menschen zu gefährden. Zudem attestierte sie dem Angeklagten eine «hohe kriminelle Energie» und «Skrupellosigkeit», weil er seinen Cousin dazu benutzt habe, das Rauschgift über die Grenze zu schmuggeln. Deshalb forderte sie eine Haftstrafe von vier Jahren.

Der Verteidiger des Angeklagten forderte hingegen einen Freispruch. Er hält die Aussagen des Cousins aufgrund des Selbstschutzes für unglaubwürdig. Zudem verwies er auf einen Brief des Cousins, der seinen Mandanten erst vor wenigen Tagen erreichte. In diesem bietet der Cousin dem Angeklagten an, ihm Sachen vorbeizubringen, falls es ihm im Gefängnis an etwas fehle. «Der Brief ist für mich Ausdruck des schlechten Gewissens», so der Verteidiger. Auch, dass das Kokain im Reisecar zweifelsfrei seinem Mandanten zugeordnet werden kann, stellt er infrage.

Das Obergericht unter dem Vorsitz von Jann Six folgte dem Antrag der Staatsanwältin und verurteilte den Angeklagten zu vier Jahren Haft. «Dass dem Angeklagten alles in die Schuhe geschoben wurde, liegt ausserhalb eines glaubwürdigen Rahmens», so Six, der das erstinstanzliche Urteil für «zu mild hält», auch, weil der Angeklagte keine «Reue und Einsicht gezeigt hat».

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