Frick
«Joo hoo lüü oo»: Wie wurden diese Männer vom Jodlervirus infiziert?

Der Jodlerklub Frick wird 60 Jahre alt. Was ist die Faszination am Jodeln? Eine Spurensuche.

Thomas Wehrli
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«Die Geselligkeit ist bei uns ebenso wichtig wie das Singen»: Dirigent Matthias Hunziker (links) und Anton Mösch, Präsident des Jodlerklubs Frick. Thomas Wehrli

«Die Geselligkeit ist bei uns ebenso wichtig wie das Singen»: Dirigent Matthias Hunziker (links) und Anton Mösch, Präsident des Jodlerklubs Frick. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Man mag ihn. Oder nicht. Den Jodelgesang. Dazwischen gibt es nichts. Joo hoo lüü oo. Oder so.

Er mag ihn. Anton Mösch, 66, langjähriger Gemeindeammann von Frick, Ehrenbürger, geerdet, SVP, seit 2014 im Jodlerklub Frick, seit 2015 dessen Präsident. Er sagt: «Singen befreit.»

Er mag ihn. Matthias Hunziker, 55, Kantonspolizist, heimatverbunden, seit 1990 Jodler, seit 1996 Dirigent des Jodlerklubs Frick. Er sagt: «Das Virus hat mich vom ersten Moment an gepackt.»

Wo aber sitzt es, dieses Jodlervirus, das so manch einen – durchaus auch jüngeren – infiziert, sich in ihm ausbreitet, ihn gefangen nimmt, für immer? Eine Spurensuche im Gestern und Heute. Natürlich im Jodulüo-Takt.

Das Vorgestern, Jououou. Jodeln ist Kommunikation. Mit ihren Jutzern verständigen sich die Bauern. Von Berg zu Berg, von Alp zu Alp, während Jahrhunderten. Im 19. Jahrhundert wird das Jodeln zum Liedgut weiterentwickelt. Die Jodler werden jetzt von einem Chor begleitet, der, wenn man so will, die Erdung zu den Soli liefert.

Das Gestern, Jolüolo. Am 16. Februar 1956 kommen in Frick zehn Mannen zusammen, darunter der Mösch Josef, Schuhmacher, und der Bigler Walter, Schmiedemeister, und entschliessen sich, «fortan regelmässig Gesangsproben abzuhalten und den Jodelgesang zu pflegen», wie es in der Jubiläumsschrift von 1982 zum 25-jährigen Bestehen des Klubs heisst. Ziel ist, altes Volkstum zu bewahren, gemeinsam zu singen, die Geselligkeit zu pflegen. «Das Bestehen und die Tätigkeit dieses Vereins sind verwurzelt in der Liebe zu unserem Heimatland», schrieb Max Müller 1982, damals Gemeindeammann.

«Wer mitmacht, ist geerdet»

Das Heute, Joulüolo. An den Werten hat sich wenig geändert. Es ist noch immer diese spezielle Mischung aus Geselligkeit und Bodenständigkeit, aus Musik- und Heimatverbundenheit, das die Jodler ausmacht. Sie manifestiert sich im Liedgut, sie zeigt sich in den traditionellen Trachten. Die Männer im Jodlerklub Frick tragen eine Obwaldner Trachtenbluse, verziert mit einer speziellen Chriesi-Stickerei (siehe Box).

«Wer mitmacht, ist geerdet», umschreibt es Mösch. Und dieses In-sich-geerdet-Sein ist gefragt: 4 Jodlerinnen zählt der Klub aktuell, 24 Männer bilden den Chor, Durchschnittsalter 58. Nachwuchsprobleme? «Nachwuchs ist immer willkommen», sagt Mösch, «derzeit sind wir aber recht gut unterwegs.»

Trachten machen Jodler

Die Idee von Josef Mösch und Walter Bigler, in Frick einen Jodlerklub zu gründen, zündete. Im Gründungsjahr, 1956, schrieben sich 13 Sänger ein. Das Durchschnittsalter betrug 34 Jahre (heute: 58).
Nur eines fehlte zum Jodlerglück: eine Tracht. «Ohne Tracht gibt es natürlich auch keine Jodler!», vermerkt die Festschrift zum 25-Jahr-Jubiläum. Was tun? Aus der Klemme half der Jodlerklub Worb mit 16 ausrangierten «Berner-Mutzli» zum Pauschalbetrag von 120 Franken. Vermittelt hatte die Second-Hand-Tracht Mitgründer Josef Mösch, der selbst einmal Mitglied der Worber Jodler war. Die Freude war gross. «Was kann doch so eine einheitliche Bekleidung für ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen», hält die Festschrift fest. 1961 wurden «die alten Mutzli zu eng», neue werden angeschafft.

Wieder gut zehn Jahre später, 1973, werden die Mutzli durch Trachtenblusen ersetzt. Die Fricker liessen im Frauenkloster in Sarnen 20 Blusen herstellen – verziert mit dem neuen Markenzeichen: dem Fricktaler Chriesi. Die «gut präsentierte Tracht» half mit, dass Wysel Gyr den Jodlerklub Frick für eine Fernsehaufnahme aufbot.
Das Fricktaler Chriesi tragen die Fricker Jodler bis heute. Mit Stolz. (twe)

Wie das? Paradebeispiel ist seine Familie. Das älteste Klubmitglied ist Josef Mösch, 92, Mitbegründer des Klubs und Vater von Anton Mösch. So schliesst sich der Kreis – nicht nur bei den Mösch’s. «Die Faszination für das Jodeln wird vielfach in der Familie weitergegeben», weiss Hunziker. Einmal infiziert, immer infiziert, alle infiziert.

Die Infektion bedeutet vor allem eines: Freude am Singen. Denn: «Der Jodlerchor ist eigentlich ein Männerchor», erklärt Hunziker. Die hohe Jodelstimme übernehmen in Frick die vier Jodlerinnen; sie sind die Solistinnen. Die Männer liefern den mehrstimmigen Soundtrack dazu. «Jeder kann singen», ist Mösch überzeugt und kommt ins Schwärmen: «Singen befreit, ist Lebenselixier und der perfekte Stimmungsaufheller.» Die grösste Schwierigkeit war für ihn, den Alt-Gemeindeammann und Jung-Jodler, nicht in die Stimme des Nachbarn zu fallen. «Doch das hat man schnell im Griff.»

Von der Brust- zur Kopfstimme

Frage: Hat der Fricker Ehrenbürger inzwischen auch das Juchzen im Griff? Anton Mösch kneift die Augen zusammen, schmunzelt. «Etwas, ja, aber ohne den Kehlkopfschlag.»

Letzteres ist die hohe Kunst des Jodelns, das Meisterstück, wenn man so will, und meint das Umschlagen von der Brust- auf die Kopfstimme. «Das ist Übungssache», erklärt Hunziker, der Jodelmeister, der selber perfekt juchzt. Und dies auch beherzt tut: «Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht das eine oder andere Jützi rauslasse.» Oft packt es ihn während der Arbeit, das Juuzi-Fieber, auf dem Gang, im Büro, beim Einparken. Es steigt in ihm hoch, will raus, bisweilen auch unbewusst. Das Juchzen ist sein Markenzeichen. Hunziker lacht. «So wissen die Kollegen immer, wo ich gerade bin.» Joluoluo.

Lernen kann das Juchzen «fast jeder, der singen kann», ist Hunziker überzeugt. Nach einem Jahr töne es «ganz passabel»; nach drei Jahren «schon recht perfekt». Vorausgesetzt: «Man übt regelmässig.» Im Klub tut man dies jeweils am Dienstagabend. Nach der Probe ziehen die Jodler weiter, in ein Restaurant, und bringen dort, wenn genügend Mitglieder dabei sind, noch ein Ständchen. «Die Geselligkeit ist bei uns ebenso wichtig wie das Singen.»

Perfekt ist ein Jodel, «wenn der Zuhörer nicht anders kann, als zuzuhören», wenn er sich tragen lässt von den Melodien, der Harmonie, den Worten, wenn er eintaucht in diese verträumte Welt der Hoffnung, der Sehnsucht, der Berge und oft auch von der Liebe, wenn er sich berühren lässt von «Aabegedanke», «Fründschaft» und «Zfriedeheit».

Mit fundamentalem Patriotismus oder gar Nationalismus habe Jodeln nichts zu tun, sagt Hunziker. «Jodeln ist Kulturgut, Jodeln sind Melodien und Texte, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen.»

Jubiläums-Jodlerobe, Samstag, 30. Januar, 20 Uhr, Mehrzweckhalle 1958, Frick.

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