Herznach
Seine Geschichte wirkt wie aus einem Film: Wie Heinz Radde in einem Kofferraum aus der DDR floh

Da war am Mittwochmorgen ein ganz spezieller Gast an der Schule von Herznach: Heinz Radde erzählte der sechsten Klasse von seiner Kindheit und Jugend in der DDR – und von seiner spektakulären Flucht im Wagen eines französischen Militärs.

Simon Widmer
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Heinz Radde verbrachte seine Kindheit und Jugend in der DDR und floh danach in den Westen.

Heinz Radde verbrachte seine Kindheit und Jugend in der DDR und floh danach in den Westen.

Simon Widmer/ «Aargauer Zeitung»

Wenn man mit Kindern zu tun hat, weiss man: es ist nicht immer ganz einfach zu bewerkstelligen, dass diese einfach einmal stillsitzen und zuhören. Doch als Heinz Radde am Mittwochmorgen zu erzählten begann, schaffte er genau das. Wie gebannt hörten ihm die Schülerinnen und Schüler zu, als er der Klasse seiner Tochter aus seinem Leben erzählte – von seiner Kindheit und Jugend in der DDR und seiner Flucht in den Westen.

1942 wurde Heinz Radde als Jüngster von vier Geschwistern geboren. Nur drei Jahre später wurde sein Vater von den heranrückenden russischen Truppen erschossen und seine Familie musste fliehen. In seinem fünften Lebensjahr kam er mit einem Güterwagen aus dem Osten in das Gebiet der DDR, weil seine Familie zwangsumgesiedelt wurde.

Zwei Antennen auf dem Dach

Auch wenn das Land wunderschöne Landschaften zu bieten hatte; die Unterdrückung durch das politische Gebilde rund um eine Scheindemokratie sei nicht wettzumachen gewesen, sagt Radde. Der Staat kontrollierte die Informationen und kontrollierte die Menschen:

«Die Stasi bespitzelte alle. Sie war sehr ähnlich wie die Gestapo der Nazis.»

Die Informationskontrolle funktionierte aber nicht immer. So war das westliche Fernsehen weit verbreitet in der DDR. Da man jedoch andere Antennen für diese Sender brauchte, war es eine riskante Angelegenheit, weshalb viele sogar zwei Antennen auf dem Dach hatten, eine versteckt im Dachstock. Radde erklärt: «Gebiete, die keinen Fernsehempfang hatten wie etwa Teile von Dresden, nannte man das Tal der Ahnungslosen.»

Erster Fluchtversuch gescheitert

Heinz Radde machte nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker. Nach dem Abschluss ging er für das Studium nach St.Petersburg. Schon da war in seiner Kaderakte der Stasi vermerkt, dass er nicht immer eine klassenbewusste Haltung zeige. Im Studium plante er dann seine Flucht mit einem Studienkollegen:

«Der Plan war, über Finnland in den Westen zu fliehen. Wir wollten unter dem Vorwand einreisen, dass wir unsere Winterferien zu Hause verbringen wollen, wurden aber noch an der Grenze geschnappt.»

Nach der Überführung nach Ostberlin sei er ins Gefängnis gekommen und dann dem Richter vorgeführt worden. Da Radde in seiner Studienzeit von der Stasi umworben wurde, das aber nicht öffentlich werden sollte, wurde der Prozess so beeinflusst, dass er nicht länger im Gefängnis bleiben musste – aber auch nichts über die Stasi ausplauderte.

Wieder als «freier» Mann machte sich Radde an die Aufgabe, weg vom Schirm der Stasi zu kommen. Er begann zu arbeiten und wurde schnell Vorzeigemitarbeiter. Durch eine gute Empfehlung seiner Kameraden konnte er sein Studium wieder aufnehmen.

Flucht wie aus einem Film

Heinz Radde wollte immer noch fliehen. 1965 startete er einen zweiten Versuch. Er baute über drei Stationen Kontakt mit Profis auf. Er habe an einen Essstand in Leipzig gehen und dort eine Bockwurst essen müssen, erzählt er.

«Dann kam ein Mann, der das Codewort sagte und danach wegging. Ich musste ihm folgen und bekam im Gehen die Informationen für meine Flucht.»

Mit vier anderen Jungen machte Radde einen Ausflug nach Potsdam. Von da gingen sie mit dem Bus und danach noch rund eine Stunde zu Fuss bis zum abgemachten Busch an der Autobahn. Ein Angehöriger des französischen Militärs, der aufgrund seines Status nicht kontrolliert werden durfte, hielt dort an, weil Rauch aus seinem Auto aufstieg.

Während dieser sein vermeintlich defektes Auto reparierte, schlich sich die Fünfergruppe ins präparierte Gefährt und versteckte sich im Kofferraum. Nach rund 45 Minuten Fahrt war dann die Grenze überquert und sie befanden sich in Westberlin.

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