Die Freude schwingt in den Zeilen mit. «Beschlossen ist die neue Kirche!», schrieb Pfarrer Anton Egloff Anfang Februar 1967 im Pfarrblatt. «Freudigen Herzens dankt der Seelsorger von Gipf-Oberfrick im Namen seiner Pfarrei für den hehren Entschluss vom letzten Sonntag.»

Mit grosser Mehrheit hatte die Kirchgemeindeversammlung Tage zuvor, am 27. Januar, einem Freitag, dem Kredit über 1,375 Millionen Franken für eine neue Kirche zugestimmt. Den Rest der benötigten Mittel von 2,4 Millionen Franken wollte man aus Eigenmitteln und Spenden finanzieren.

Dazu wurden Spenderlisten erstellt; zehn Backsteine, fertig gemauert, gab es beispielsweise für elf Franken zu haben. Jeder sollte nach seinem Vermögen eine Spende geben – ein Aufruf, der zur damaligen Zeit noch mehr Befehl denn Bitte war.

Gebaut werden sollte die Kirche auf dem «Schulacker», mitten im Dorf also, in unmittelbarer Nähe zum Gemeindehaus. Hier konnte der Kultus-Verein zwölf Jahre zuvor Land von der Gemeinde für den Kirchenbau erwerben – für zwei Franken/m2.

Eine 50-jährige Geschichte

Der Kultus-Verein, 1924 gegründet, ging mit dem Kirchenprojekt seine letzte von drei grossen Aufgaben an. Die erste, der Bau eines Pfrundhauses für einen Geistlichen, konnte er bereits 1925 als erledigt abhaken. Bei der zweiten, der Gründung einer eigenen Pfarrei, stellte sich das Bistum lange Zeit quer. Erst 1953 stimmte es einer Loslösung von Frick zu, quasi als Tochterpfarrei von Frick. Die beiden Gemeinden bilden denn auch bis heute eine gemeinsame Kirchgemeinde.

Die neue Kirche, für deren Bau ein Wettbewerb unter sechs namhaften Architekten ausgeschrieben wurde, atmete schon in der Planung den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils – einen, aus damaliger Optik, ausgesprochenen Reformgeist also.

Die Laien wurden in der Kirche aufgewertet und sollten besser ins Geschehen integriert werden. Dem trugen auch die Planer Rechnung. Gewählt hat man schliesslich das Projekt «Martin» des Zuger Architekten Hanns A. Brütsch, der schon die Kirchen in Suhr und Beinwil am See gebaut hatte.

Symbolik war damals wichtig und so wählte man als Tag der Grundsteinlegung den 14. Juli 1968 – den Tag, als die Mutterpfarrei Frick den 250. Jahrestag der Kirchweihe feierte. Auch die Einweihung am 7. September 1969 , vorgenommen von Bischof Anton Hänggi, war mit einem zweiten Ereignis verknüpft: der 700-Jahr-Feier des Dorfes.

Projekt «Martin» gefällt Martin Linzmeier

«Martin» nannte der Zuger Architekt sein Projekt, was den heutigen Gemeindeleiter Martin Linzmeier natürlich freut. «Martin» gefällt Martin. «Die Kirche war für mich mit ein Grund, von Spreitenbach nach Gipf-Oberfrick zu kommen», sagt er. Anders als die neugotische Kirche in Spreitenbach lasse die Kirche hier Raum zum Gestalten.

«Mir gefällt die Schlichtheit ebenso wie die Offenheit.» Dass dies nicht alle so sehen, dass einige Pfarreimitglieder lieber eine klassischere Kirche hätten, weiss er. «Es gibt zur Kirche nur zwei Meinungen: Man mag sie oder nicht.» Während die einen sagen, sie sei unterkühlt, halten sie andere für meditativ. «Die Kirche fordert auf jeden Fall heraus», so Linzmeier. Er schätzt besonders, dass die Leute selbst dann, wenn sie hinten sitzen, nicht wirklich weit vom Chorraum entfernt sind. «So entsteht leichter das Gefühl von Gemeinschaft.»

Linzmeier würde die Kirche heute nur unwesentlich anders bauen. Den massiven Steinaltar würde er durch einen leichteren, beweglichen Tisch ersetzen, die Bänke nicht fix einbauen. Und die Ecke, in der während der Gottesdienste die Kinder spielen können, würde er mit einer Glaswand abtrennen. «So hört man schon sehr deutlich, wenn ein Kind den Legoeimer ausleert.» Ihn stört das nicht. Dennoch ist eine Wand «ein Zukunftsprojekt».

Wo heute die Kinder spielen, stand früher der zweite Beichtstuhl. Die Zeiten ändern sich. Gerade bei den Kirchen. Dies zeigt schon die Zahl der Gläubigen, die trotz Bevölkerungswachstum zurückgeht.

Auch der Bezug zur Kirche ist ein anderer. «Vor 50 Jahren wurden die Gruppierungen, die zur Kommunion zu erscheinen hatten, noch aufgeboten.» Heute agieren die Gruppierungen selbstständig – häufig sogar ohne Kleriker.

Seelsorger kann heute seine Rolle freier gestalten

Linzmeier ist froh, dass er heute und nicht vor 50 Jahren in der Kirche arbeitet. «Damals war man als Seelsorger in einer Rolle gefangen. Heute gestaltet man sie selber.» Natürlich störe ihn das Kleinerwerden der Kirche, aber das sei eine gesellschaftliche Entwicklung, die nicht umzukehren sei. «Die Menschen suchen und nehmen, was sie brauchen. Die Kirche ist hier ein Player unter vielen.» Ziel der Kirche müsse sein, die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und den spirituellen Hunger zu stillen.

Wie er sich das Kirche-Sein in 50 Jahren vorstelle, wiederholt er die Frage, überlegt kurz, sagt dann: «Sie wird immer noch mitten im Dorf stehen, muss sich aber stärker an einer SAC-Hütte orientieren.» Die einen kämen öfters vorbei, andere nur einmal. Jeder finde das, was er suche, sei es Schutz, sei es Gemeinschaft, sei es Stärkung, sei es einen Wegweiser. «Man weiss, dass sie da ist, dass sie offen ist und dass man einen Platz findet, wenn man einen braucht.»

Linzmeiers Geburtstagswunsch an die Kirche ist es denn auch, dass sie weiter benutzt wird, für Gottesdienste, für Kultur, für Begegnungen mit sich, anderen und Gott – «für alles, was den Menschen guttut. Sie sollen hier Leben finden. Und gleichzeitig Ruhe.»