Fricktal
Trotz Umsatzeinbruch: Die meisten Gemeinden verkaufen weiterhin SBB-Tageskarten

Mit der Coronapandemie gingen die Verkaufszahlen der SBB-Tageskarten bei den Gemeinden massiv zurück. 23 von 27 Gemeinden halten trotzdem daran fest, – weil sie es als Dienstleistung an den Einwohnern sehen und auf eine Erholung der Verkaufszahlen ab dem März hoffen.

Thomas Wehrli
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Ob diese beiden auch eine Tageskarte gebucht haben?

Ob diese beiden auch eine Tageskarte gebucht haben?

SBB

Die Coronapandemie und die damit verbundenen Reiserestriktionen hat den Gemeinden das Geschäft mit den SBB-Tageskarten im letzten Jahr gehörig vermiest. Dies zeigt eine Umfrage der AZ unter den 27 Fricktaler Gemeinden, die SBB-Tageskarten anbieten.

In Rheinfelden beispielsweise, das pro Tag sechs Tageskarten im Angebot hat, lag die Auslastung im letzten Jahr bei 65 Prozent; in normalen Jahren liegt sie bei rund 90 Prozent. Im April, als die Schweiz im Lockdown war, «lag die Auslastung nur noch bei vier Prozent», verdeutlicht Stadtschreiber Roger Erdin. Der Lichtblick kam im zweiten Halbjahr: Hier hatte sich die Auslastung bereits wieder «auf hohem Niveau stabilisiert».

Auslastung lag 2020 rund 30 Prozent unter dem Schnitt

Auch in den anderen Gemeinden tönt es ähnlich. In Gipf-Oberfrick sank die Auslastung von normalerweise 90 auf 59 Prozent im 2020. Frick, das wie Gipf-Oberfrick zwei Karten pro Tag anbietet, blieb im letzten Jahr auf 276 Karten sitzen; im Jahr zuvor waren es nur 66. In Kaisten lag die Auslastung bei rund 67 Prozent – ein Minus von 27 Prozent. Auch in Zeiningen, das zusammen mit Hellikon und Zuzgen drei Tageskarten anbietet, lag der Verkauf im letzten Jahr mit knapp 61 Prozent 27 Prozent unter dem Vorjahr.

Auf die sinkenden Absätze haben die Gemeinden unterschiedlich reagiert. Viele boten im letzten Quartal 2020 die Tageskarten zum Sparpreis von 25 statt im Schnitt 45 Franken an – frei nach dem Motto: lieber verkaufen als verfallen lassen. Denn die Gemeinden müssen jeweils ganze Jahressets einkaufen; pro Set hat es jede Karte nur an einem Tag gültig. Ein Set kostet die Gemeinde 14000 Franken, was pro Tageskarte gut 38 Franken macht.

Die Aktionspreise zeigten durchaus Wirkung. So konnte die Gemeinde Mettauertal, die zwei Tageskarten im Angebot hat, im Dezember fast 94 Prozent der Karten verkaufen – aber eben: zum reduzierten Preis, der deutlich unter dem Einkaufspreis lag.

Verluste im vier- und fünfstelligen Bereich

Was schon in normalen Jahren als Verlustgeschäft oder maximal als schwarze Null zu Buche schlägt und von den Gemeinden unter der Rubrik «Dienstleistung für die Einwohner» abgebucht wird, riss in vielen Gemeinden ein vier- bis fünfstelliges Loch in die Kasse. In Münchwilen beispielsweise betrug das minus 9000 Franken, in Mettauertal waren es gut 11000 Franken. Auf gut 17000 beziffert Magden das Minus für 2020, in Wallbach sind es gut 12000.

Mehrere Gemeinden haben nun reagiert und werden künftig keine SBB-Tageskarten mehr anbieten. Als Erste eingestellt hat das Angebot die Gemeinde Gansingen. Seit dem 8. Dezember gibt es hier keine Tageskarten mehr. Hauptgrund seien die jährlich zu verbuchenden Verluste, schreibt die Gemeinde auf ihrer Website. Aufgrund der Coronakrise ist das minus auch in Gansingen im letzten Jahr «nochmals massiv angestiegen».

Gansingen hat das Angebot bereits eingestellt

Ein Grund für die Einstellung ist in Gansingen auch, dass das Angebot, das für die eigenen Einwohner lanciert wurde, vor allem von Nicht-Gansingern genutzt wurde. Die Gemeinde hält fest:

«Rund zwei Drittel aller verkauften Tageskarten gingen an nicht in Gansingen wohnhafte Personen.»

Zudem ist der Gemeinderat enttäuscht, dass die SBB den Gemeinden finanziell nicht entgegengekommen seien – im Gegensatz zu den GA-Besitzern.

Ähnlich tönt es in Wegenstetten, wo ab April ebenfalls keine Karten mehr ausgegeben werden. Als Hauptgrund für die Einstellung des Angebots nennt Gemeindeschreiberin Brigitte Schmid den finanziellen Aspekt. Zudem gingen auch in Wegenstetten rund zwei Drittel der Karten an Personen, die nicht im Dorf wohnen. Schmid dazu:

«Der Gemeinderat kann daher eine Finanzierung des Verlusts mit Wegenstetter Steuergeldern nicht mehr verantworten.»

Im letzten Jahr betrug das Defizit der beiden Tageskarten in Wegenstetten rund 16000 Franken; die Auslastung der Karten war von 75 auf 30 Prozent regelrecht eingebrochen.

Die Notbremse zieht auch Stein; Ab Ende Januar, wenn die beiden Jahressets auslaufen, gibt es hier keine SBB-Tageskarten mehr. Gleich tönt es aus Oeschgen. «Bis auf weiteres» sind auch hier ab dem 1. Februar keine Tageskarten mehr erhältlich.

23 Gemeinden halten an den Tageskarten fest

Die gute Nachricht: Von den 27 Fricktaler Gemeinden, die bislang Tageskarten anboten, werden 23 dies auch künftig tun – zumindest bis zur Erneuerung ihrer Jahressets. Dies wird im Fall von Wallbach, das pro Tag zwei Tageskarten im Angebot hat, noch mindestens ein Jahr der Fall sein.

Denn die Gemeinde hat ihre beiden Sets, die Ende Januar auslaufen, nahtlos erneuert, wie Gemeindeschreiber Thomas Zimmermann sagt. Der Gemeinderat habe entschieden, trotz zu erwartendem Verlust den Billettverkauf weder auszusetzen noch darauf zu verzichten. Denn:

«Der Gemeinderat ist der Auffassung, dass der pandemieleidenden Bevölkerung nicht auch noch die Möglichkeit eines vergünstigten Billets genommen werden soll.»

Auch Severin Isler, Gemeindeschreiber in Magden nennt als Grund für die Beibehaltung der Tageskarten: «Das Dienstleistungsangebot soll hochgehalten werden.»

Die Gemeinde Zeihen, die zusammen mit den umliegenden Gemeinden zwei Tageskarten anbietet, möchte als «Energiestadt» den öffentlichen Verkehr auch künftig unterstützen. Die beiden Kartensets wurden deshalb erneuert und laufen bis Ende Januar 2022.

Dienstleistung bei den Einwohnern beliebt

Der Bedarf an den Tageskarten sei weiterhin gegeben, ist man auch in Kaisten überzeugt und Daniel Sonderegger, Leiter Einwohnerdienste, sagt: «Es handelt sich grundsätzlich um eine sehr beliebte Dienstleistung, die wir unserer Bevölkerung weiterhin anbieten möchten.» Man hoffe zudem, dass sich die Verkäufe wieder steigern werden.

Davon gehen alle Gemeinden aus. Roger Erdin geht von einer Stabilisierung der Situation und einer Normalisierung der Auslastung bis Mitte Jahr aus. Zuversichtlich stimmt ihn die Erfahrung aus dem Lockdown im Frühjahr 2020:

«Die Auslastung hat sich nach der Aufhebung der Massnahmen rasch erholt.»

Urs Treier, Gemeindeschreiber in Gipf-Oberfrick, hofft wie sein Schreiberkollege aus Frick, Michael Widmer, dass sich die Situation im Frühjahr wieder entspannt und damit der Kartenverkauf wieder anzieht. Treier sagt aber auch: «Für 2022 muss die Situation dann neu beurteilt werden.»