Bezirksgericht Rheinfelden

Fahrgast zwischen Bustüren eingeklemmt – dann erhebt er den Tennisschläger gegen den Chauffeur

Eskalation zwischen einem Fahrgast und einem Busfahrer. (Symbolbild)

Eskalation zwischen einem Fahrgast und einem Busfahrer. (Symbolbild)

Ein 46-Jähriger mit Tourettesyndrom wird in Bustür eingeklemmt – es eskaliert zwischen ihm und dem Chauffeur. Am Mittwoch fand der Prozess am Bezirksgericht Rheinfelden statt.

Gerade, als der 46-Jährige einsteigen wollte, schloss der Chauffeur die Türflügel des Busses und klemmte den Fahrgast zwischen diesen ein. Das liess sich der Fahrgast, der unter dem Tourettesyndrom – nervösen Zuckungen und ticartigen Lautäusserungen – leidet, nicht gefallen. Zunächst soll er den Busfahrer als «Wichser» und «Arschloch» beschimpft, dann bespuckt und zu guter Letzt ihm mit seinem Tennisschläger eine verpasst haben.

«Jemand musste sich endlich mal zur Wehr setzen», sagt der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Rheinfelden. So sei es nicht das erste Mal gewesen, dass ihm das Verhalten des Busfahrers sauer aufgestossen ist.

Mit diesem «zur Wehr setzen» gehen jedoch für die Staatsanwaltschaft drei Straftaten einher. Erstens: Gewalt und Bedrohung, zweitens: einfache Körperverletzung und drittens: Beschimpfung. Deswegen fordert die Staatsanwaltschaft für den Beschuldigten eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 90 Franken sowie eine Busse von 1300 Franken.

Eine Zeugin, die im Bus sass, bestätigt, dass der Beschuldigte den Busfahrer auf das Übelste beleidigt hat. Der Aussage des Busfahrers, dass er den Fahrgast im toten Winkel des Spiegels nicht sehen konnte, schenkt der Angeklagte keinen Glauben. «Das war mit Absicht», sagt er. Dass es in der Folge zu einer verbalen Auseinadersetzung kam, daraus macht der Beschuldigte keinen Hehl, an den genauen Wortlaut könne er sich jedoch nicht mehr erinnern.

«Das machst du nicht noch mal»

In der Folge eskalierte die Situation zwischen Fahrgast und Busfahrer weiter: Angekommen an seiner Zielhaltestelle – der Beschuldigte ging von dort aus zum Tennisspielen –, rief er beim Aussteigen dem Busfahrer zu: «Das machst du nicht noch einmal.» Laut Staatsanwaltschaft sollen daraufhin der Busfahrer und der Beschuldigte zeitgleich den Bus verlassen haben, wobei es zwischen den beiden zu einer abermaligen verbalen Auseinandersetzung gekommen ist. Als der Busfahrer wieder in den Bus steigen wollte, folgte ihm der Beschuldigte und bespuckte ihn. Daraufhin wollte der Busfahrer den Beschuldigten zur Rede stellen, dieser hob jedoch seinen Tennisschläger und schlug den Busfahrer mit dem Racket auf den Brustkorb, so die Staatsanwaltschaft.

Kameras zeichneten auf

Eine Zeugin, welche die Auseinandersetzung beobachtete, hat den Schlag mit dem Tennisschläger jedoch nicht gesehen. Sie redet lediglich von einer «Rangelei». Auch auf den Videoaufnahmen – mehrere Kameras innerhalb des Busses zeichnen alle drei Sekunden ein Bild auf – ist die Situation, in der sich Chauffeur und Angeklagter ausserhalb des Busses gegenüberstehen, nicht zu erkennen. Einzig die Aussage des Bus-Fahrers sowie ein ärztliches Zeugnis über ein Hämatom sprechen dafür, dass es zu einem Schlag gekommen sein könnte.

Zwar gibt der Angeklagte zu, das Racket gegen den Busfahrer erhoben zu haben, jedoch lediglich zum Schutz. «Er war mir körperlich überlegen. Als er ausgestiegen ist, habe ich mich bedroht gefühlt», so der Angeklagte. Auch, dass er ihn angespuckt habe, streitet er ab. «Ich habe hinter seinem Rücken nur einen Spuckton von mir gegeben.» Dies, weil er sich vom Busfahrer schikaniert gefühlt habe. Als sich der Beschuldigte vom Bus entfernte, soll er dem Fahrer zugerufen haben, «beim nächsten Mal bringe ich dich um», so die Zeugin. Auch dies dementierte der Angeklagte. «Wenn ich jemanden umbringen wollte, würde ich dies vorher nicht ankündigen.»

In seinem Schlusswort ist der Angeklagte, der ohne Verteidiger auftritt, sich keiner Schuld bewusst. Den Prozess bezeichnete er als Willkür.

In ihrem Urteil spricht Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab den Angeklagten vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung frei. «Es konnte nicht eruiert werden, was passiert ist.» Schuldig gemacht habe sich der Angeklagte jedoch der Gewalt und Bedrohung sowie der Beschimpfung. Lützelschwab geht von einem leichten Verschulden des Angeklagten aus und rekurriert dabei auf seine Krankheit. «Zuweilen reagiert die Umwelt anders auf das Tourettesyndrom, als es adäquat wäre», so Lützelschwab, die den Angeklagten zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 80 Franken verurteilte.

Autor

Dennis Kalt

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