Hornussen

Eine Wirtelegende wird 65 – ans Aufhören denkt Turi Eiholzer noch lange nicht

Ist bereit für die «1. AHV Vernichtung»: Turi Eiholzer, bald 65, wirtet seit 35 Jahren im Fricktal.

Ist bereit für die «1. AHV Vernichtung»: Turi Eiholzer, bald 65, wirtet seit 35 Jahren im Fricktal.

Turi Eiholzer wirtet seit 35 Jahren im Fricktal. Ende Woche feiert er im «Feldschlösschen» in Hornussen «65+35 = 100 Jahre Turi».

Das Wirten liegt ihm im Blut. Das Scherzen ebenso. Auf die Einladung zum Geburtstagsfest fügt Turi Eiholzer handschriftlich hinzu: «65 Jahre Turi + 35 Jahre Wirten im Fricktal – das macht 100 Jahre!»

Dass er am Freitag ins AHV-­Alter kommt und dies mit gut 100 Freunden und Bekannten bei der «1. AHV-Vernichtung» feiern wird, merkt man ihm nicht an. Er ist wie eh und je voller Tatendrang. «Endlich wieder», wie er mit Blick auf Covid-19 anmerkt.

Die rund zwei Monate, in denen er das «Feldschlösschen» geschlossen lassen musste, seien schwer gewesen. Nicht nur wegen der fehlenden Einnahmen, sondern auch, «weil mir die Leute fehlten». Er zuckt mit den Schultern. «Ich bin halt leidenschaftlich gerne Gastgeber.»

Natürlich habe er sich gefragt, wie das Danach sein wird, ob die Leute wieder kommen, wenn der Lockdown gelockert wird. «Sie kamen vom ersten Tag an», ist er froh. Einzig bei den Carreisen und den Vereinen sei noch Zurückhaltung zu spüren. «Aber das wird schon», ist er zuversichtlich.

Allerdings weiss auch er: So wie in den 1980er-Jahren, den «goldenen Beizerjahren», wie er sie nennt, wird es nie mehr. Er lacht, wie er sich zurückerinnert. Damals, 1985, war er frisch ins Fricktal gekommen und hatte den «Hirschen» in Gipf-Oberfrick übernommen. Rösseler – er war selber einer –, Vereine, Stamm, Feierabendbier. «Da war das Wirten fast ein Selbstläufer.»

Das Abendessen, das auf dem Tisch landete

Das Zusammensitzen in der Beiz war damals noch Teil der Dorfkultur, nein, war die Dorfkultur. «Wir mussten die Leute zur Polizeistunde regelrecht rauswerfen», erinnert er sich. Jassrunden wurden geklopft und nicht selten nahm ein Gast die Gitarre mit und stimmte ein Lied an. Geselligkeit pur.

Eiholzer muss lachen, wie er an diese Zeit zurückdenkt. Einmal, erzählt er, habe die Frau eines Gastes mehrmals angerufen und gesagt, er solle ihrem Göttergatten ausrichten, das Essen stehe auf dem Tisch. Eiholzer tat, wie ihm aufgetragen. Ein-, zwei-, dreimal. «Dann stand plötzlich die Ehefrau in der Beiz mit dem Znacht auf Teller, kippte das Essen vor ihrem Mann auf den Tisch und ging wieder – mitsamt nunmehr leerem Teller.» Die ganze Beiz lachte schallend.

Heute ist das anders. «Nach 22 Uhr ist oft tote Hose», sagt Eiholzer. Das liege zum einen am Rauchverbot und den verschärften Alkoholvorschriften. Zum anderen aber auch am Gesellschaftswandel. Privatpartys, Handys, Mikrowelle, Tankstellenshops, Take-­away – «das merken wir Wirte alles». Wenn die Leute früher aus den Ferien heimgekehrt seien, seien viele im Restaurant eingekehrt, macht er ein Beispiel. Denn zu Hause war der Kühlschrank leer. «Heute hält man einfach beim Tankstellenshop.»

Das Wirten sei deutlich schwieriger geworden, bilanziert Eiholzer. Er will sich aber nicht beklagen. «Ich hatte es immer gut», sagt er. Dank einer treuen Stammkundschaft, die ihn auch bei seinen vier Wirtshauswechseln durch das Fricktal begleitet haben, «funktioniert es gut». Dennoch möchte er nicht zurück. «Ich möchte nicht noch einmal als 30-Jähriger auf dem Land mit Wirten anfangen.»

Eiholzer macht noch zwei Jahre weiter – mindestens

Für alle, die es doch wollen, hat er einen Rat: «Entscheidend für den Erfolg ist neben dem Angebot das Zwischenmenschliche.» Man müsse auf die Leute zugehen, auf sie eingehen, und, ja, manchmal sei man auch der Seelendoktor.

Das wird er auch noch bleiben, denn ans Aufhören denkt Eiholzer nicht. Sicher noch zwei Jahre werde er, wenn es die Gesundheit erlaube, auf dem «Feldschlösschen» wirten. So lange läuft der Vertrag noch. Was danach ist, lässt er offen. Er schmunzelt. «Wenn man das Wirtevirus in sich hat, kann man fast nicht aufhören.»

Es ist ein gutes Virus. Ganz anders als das Coronavirus.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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