Stein

Die Holzbrücke als Lebensraum

Zweimal im Jahr wird das Bauwerk von Spinnweben befreit. Bilder: Lea Breitsprecher

Zweimal im Jahr wird das Bauwerk von Spinnweben befreit. Bilder: Lea Breitsprecher

Das Wahrzeichen von Stein bietet vielen Tieren Unterschlupf und Nahrung.

Die Holzbrücke zwischen Stein und Bad Säckingen ist ein Bauwerk der Superlative. Täglich wird sie von Pendlern und Flaneuren genutzt, ob zu Fuss oder auf dem Rad. Unbemerkt bleiben dabei meist die tierischen Bewohner: Ob als Lebensraum, Futterquelle oder Transitraum – für Tiere ist die Holzbrücke ein wahres Eldorado, wie ein Augenschein zusammen mit Ralf Däubler, Umweltbeauftragter von Bad Säckingen zeigt.

Der erste Ansturm ist an diesem Morgen bereits vorüber. Es ist später Vormittag und die meisten Pendler sitzen bereits im Büro hinter dem Schreibtisch. Nur wenige Passanten kommen uns gemächlich entgegen. Geschäftiger wirken die Arbeiter der Stadtreinigung, die für die Sauberhaltung der Brücke sorgen. Besonders auffällig ist ein Herr mit einem langen Besen, den er nutzt, um die oberen Balken der Konstruktion zu bearbeiten. Darauf angesprochen erklärt er, dass er die Brücke von Spinnweben befreie und gleichzeitig mit dem Besenstiel die Ziegel kontrolliere. Eine Arbeit, die zweimal im Jahr ansteht, wie Klaus Strittmatter, Leiter des Technischen Diensts, später erläutert.

Tauben nutzen jeden geschützten Ort, um zu Brüten.

Tauben nutzen jeden geschützten Ort, um zu Brüten.

Diese Spuren, die von der Stadtreinigung mit viel Arbeitsaufwand beseitigt werden müssen, sind oftmals die einzigen sichtbaren Anzeichen für die Tiere vor Ort: Verlassene Nester, Fressgänge im Holz und Spinnweben – danach hält Ralf Däubler Ausschau, um Indizien für die Vielfalt der tierischen Bewohner zu sammeln. Sein Augenmerk richtet sich dabei zuerst auf die Lampen unterhalb der Decke. «Die Beleuchtung lockt kleinere Insekten an, die als Nahrungsquelle für grössere Tiere wie Spinnen, aber auch Fledermäuse dienen können», erklärt er.

Spinnen kommen aus Verstecken

Das Holz an der Brüstung ist noch nass. Gerade wurden die Geranien gegossen, was zahlreiche Spinnen aus ihren Verstecken lockt. An ihren Netzen glänzen kleinere Wassertropfen und sie versuchen fleissig, ihre Netze weiterzubauen, sich zu trocknen und Futter zu fangen. Weberknechte, Kreuzspinnen, aber auch die gemeine Hausspinne könne man hier durchaus finden, so Däubler. Ein besonders grosses Exemplar seilt sich gerade von der Brüstung ab und wir beobachten die Spinne, bis sie in einer Ritze im Holz verschwindet.

Das gesamte Holz der Brücke ist durchzogen von sich windenden Rillen und Punkten – Futtergänge, wie Ralf Däubler erläutert. «Holz ist immer nutzbar», sagt er mit Blick auf die Spuren, «gerade für Insekten.» Unterscheiden müsse man jedoch zwischen holzbewohnenden Insekten wie kleineren Käfern und Ameisen, und angreifenden Insekten wie Hausbock und Rüsselkäfer, deren Larven das Holz zerfressen.

Daneben könnten sich bei der häufigen Nässe auch Schimmelpilze und Schwämme ansiedeln. Im Fall der Holzbrücke sei jedoch schon zu Bauzeiten durch einen konstruktiven Holzschutz entgegengewirkt worden. Durch bauliche Massnahmen, wie die Dachneigung oder die Wahl der Holzart versucht man, Nässe zu vermeiden.

Spinnen gibt es auf der Holzbrücke zuhauf.

Spinnen gibt es auf der Holzbrücke zuhauf.

Die vielen Insekten machen die Holzbrücke auch für Vögel zu einem attraktiven Nahrungs- und Lebensraum. Die Vorsprünge, Erker, Verstrebungen und Unterkonstruktionen bieten den idealen Platz für die Brut von Vögeln wie Haussperling oder Taube. Besonders anpassungsfähig zeige sich dabei Letztere, wie Ralf Däubler erklärt.

Voraussetzung sei lediglich, dass der gewählte Platz wind- und regengeschützt sei. Ist dies gegeben, kann eine Taube auch mal auf einem Pfeiler ihr Nest errichten. Wir sind schon fast am Ende der Brücke angekommen, als wir schliesslich das erste Taubennest erblicken, eingepasst in eine Verstrebung, mitten über dem Gehweg der Brücke.

Neben den brütenden Arten gebe es auch einige Gäste unter den Vögeln. Dazu zähle beispielsweise die Möwe, die vorrangig im Winter anzutreffen sei. Wie auch für Rabenvögel, Bachstelzen und Rotschwänze sei die Holzbrücke für sie eine Art Sitzwarte und Ruhepol.

Nutzen auch Wildschweine die Brücke

Während Ralf Däubler an der Brüstung entlang geht, geht sein Blick nach unten. Sicherlich, das Wasser als Lebensraum für Fische gehöre auch zur Brücke. «Die Artenvielfalt wird grösser, das liegt auch an der guten Wasserqualität», erklärt er. Allerdings würden die typischen Rheinstrukturen fehlen und den Fischen den Lebensraum entziehen. Dass so der Fischbestand in den vergangenen Jahren kontinuierlich abnimmt, macht auch der Fischereiverein Bad Säckingen auf seiner Website deutlich. Ein Problem sieht Däubler dabei insbesondere in der zunehmenden Erwärmung des Wassers und in der Zuwanderung nichtheimischer Organismen.

Auf dem Weg zurück verweist er darauf, dass auch grössere Tiere die Holzbrücke zum Transit nutzen können. «Es ist bekannt, dass beispielsweise Wildschweine über den Rhein schwimmen, warum sollten sie nicht auch über die Brücke kommen?» Das gelte auch für Steinmarder, Füchse und Igel.

Ungebetenere Gäste seien jedoch die Ratten, ein Problem, mit dem auch Bad Säckingen vermehrt zu kämpfen habe. Insbesondere Fütterungen von Wasservögeln im Bereich der Holzbrücke und liegengelassener Müll würden sie anlocken.

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