Zeiningen

Der Sturz vom Pferd veränderte ihr Leben – nun will sie eine Medaille an den Paralympics

Nicole Geiger startet für die Schweiz an den Paralympics in Rio in der Dressur.

Nicole Geiger startet für die Schweiz an den Paralympics in Rio in der Dressur.

Nicole Geiger hat sich nach einem Unglück mit einer bleibenden Teillähmung zurückgekämpft. An den Paralympics in Rio will sie nun eine Medaille holen.

Es war für den Mai ein ungewöhnlich warmer Tag, jener 12. Mai 1988. Das Thermometer stieg auf über 22 Grad. Für Nicole Geiger beginnt dieser Tag so, wie sie es liebt: auf dem Rücken eines ihrer Pferde. Sie nimmt an einem Patrouillenritt teil, alles geht gut, bis gegen Mittag. Auf einmal wird es ihr schlecht, alles dreht sich, sie fällt. Es wird Nacht um die 25-Jährige herum.

Rückblick. Schon als Mädchen wird Geiger vom Pferdevirus infiziert. Die heute 53-Jährige muss schmunzeln, als sie die Firmepisode erzählt. Zusammen mit einer Kollegin schleicht sie sich stets vor dem Ende des Firmkurses aus der Kirche, um nebenan die Ponys zu putzen. Als Dankeschön darf sie auch mal auf dem Pony reiten, wobei reiten doch stark übertrieben ist: «Die Reitversuche endeten meist mit einem Sturzflug.» Den Eltern ist dieses Auf-und-Ab zu gefährlich und sie bezahlen ihrer Tochter Reitstunden. Damit ist der Virus ausgebrochen. Unwiderruflich. Mit 16 macht Nicole Geiger die Rennlizenz, mit 18 die Trainerlizenz. Sie startet zuerst auf der Rennbahn, später sattelt sie auf Vielseitigkeit, Dressur und Springen um.

Als Nicole Geiger an jenem 12. Mai, einem Donnerstag, am Boden liegend zu sich kommt, weiss die ausgebildete Physio- und Hippotherapeutin sofort, was los ist. Sie spürt ihren Körper nicht mehr. «C5», ruft sie ihrem Reitkollegen, einem Zahnarzt, zu. Dieser versteht sofort: Lähmungserscheinungen ab dem fünften Halswirbel. Der Reitkollege reagiert prompt – und richtig: Er ruft die Rega. «Dank fachgerechter Bergung und schneller Operation können die Wirbelsäule rechtzeitig stabilisiert und ein grosser Teil der Nerven im Rückenmark entlastet werden», sagt Geiger. Das ist ihr Glück. Im Unglück.

Der 12. Mai 1988 hat das Leben von Nicole Geiger dramatisch verändert. «Ich wusste schon, als ich noch auf dem Boden lag, dass nichts mehr so sein wird, wie es vorher war», sagt Geiger.

Die Wochen im Spital und die Monate in der Reha bringen Nicole Geiger immer wieder an ihre Grenzen. Am Anfang bringen sie bereits einfachste Handgriffe an den Anschlag. 30 Minuten braucht sie, um die CD im Discman zu wechseln. «Dann fehlte mir die Kraft, um Start zu drücken.»

Ihr Ziel: Wieder zu reiten

Doch Nicole Geiger ist eine Kämpferin, das war sie schon immer, gibt nicht auf, kämpft sich zurück, Schritt um Schritt, auch, weil sie ein grosses Ziel vor Augen hat: «Wieder zu reiten.» Das gibt ihr Kraft, das lässt sie auch Rückschläge verarbeiten. Sie lacht. Als einmal eine Kollegin zu Besuch ist und sagt, sie gehe nachher in den Pferdesportladen, in dem auch Nicole Geiger regelmässig einkaufte, sagt sie: «Toll, dann kannst du ja den Sattelgurt, den ich bestellt habe, gleich mitnehmen.»

Nicole Geiger schafft es. Sechs Monate nach dem Unfall sitzt sie erstmals wieder auf dem Pferd – just jenem, mit dem der Unfall passierte. «Ihm vertraute ich am meisten», sagt sie, schmunzelt und fügt hinzu: «Mit Reiten hatte das noch nicht viel gemeinsam. Doch es war ein Super-Gefühl.»

In diesem Moment weiss sie: «Ich bin zurück.» Zurückgeblieben ist bis heute
eine Teillähmung der linken Seite sowie eine verminderte Sensibilität in den Füssen. «Ich spüre die Kälte erst, wenn ich Frostbeulen habe», erklärt sie.

Ein grosser Wermutstropfen allerdings bleibt nach der Reha: Ihren Beruf, nein, ihre Berufung als Physiotherapeutin kann sie nicht mehr ausüben. Sie macht eine Zweitausbildung als kaufmännische Angestellte, arbeitet in der Tierfuttermittelbranche, «damit ich beruflich wenigstens noch etwas Bezug zu den Pferden hatte. Der Job sei zwar super gewesen, «aber einfach nicht mein Ding».

Als Nicole Geiger von einer Fussballmannschaft angefragt wird, ob sie das Team nicht als Physiotherapeutin ins Trainingslager begleite, sagt sie nach kurzem Zögern zu. Und merkt bald: Es geht doch. Sie beginnt stundenweise wieder als Physiotherapeutin zu arbeiten und steigert das Pensum kontinuierlich. 2003 macht sie sich selbstständig und deckt heute die Domizilbehandlungen im unteren Fricktal ab. Das heisst, sie betreut jene Patienten, die aus dem Spital entlassen wurden, aber noch nicht genügend mobil sind, um in eine Physiotherapie zu fahren. «Der Job macht mir viel Spass», sagt sie.

Für Rio nominiert

Fast so viel wie das Reiten, dieser Virus, der sie immer noch fest im Griff hat. Ihre beiden Pferde, Phal de Lafayette und Ry de Lafayette, beide 13-jährig, hat sie in Möhlin eingestellt. Den Weg von ihrem Wohnort Zeiningen in den Stall nimmt sie pro Tag mehrfach auf sich. 365 Tage im Jahr. Sie lacht. «Man muss schon etwas durchgeknallt sein, wenn man das macht. Aber etwas spinnen ist ja erlaubt.»

Ist es. Erst recht dann, wenn man derart viel erreicht hat – und noch erreichen will. Mit Phal de Lafayette, einem Selle-Français-Wallach, wird sie nächste Woche an den Paralympics in Rio starten. Sie ist eine von 24 Schweizer Athleten, die nominiert wurden. «Das ist eine grosse Ehre. Ich bin stolz, die Schweiz vertreten zu dürfen.» Zusammen mit Celine von Till startet sie in der Disziplin «Para-Equestrian Dressage». Damit ist die Schweiz erstmals seit 2004 im Dressurreiten wieder vertreten.

Dass 12 Jahre kein Reiter für die Schweiz am Start war, liegt auch daran, dass das Para-Reiten in der Schweiz noch kaum bekannt ist. «Das wollen wir mit unserem Einsatz in Rio ändern.» Geiger selber hörte zwar schon vor Jahren vom Para-Reiten, doch sie war überzeugt: «Das ist nichts für mich.» Denn sie stellte – und stellt bis heute – ihr Handicap in den Hintergrund. «Behindert ist nur, wer sich von anderen behindern lässt oder sich selbst behindert», sagt Geiger. «Wer dies nicht zulässt, lebt mit dem Handicap gut.»

Die Hoffnung auf den Lotto-Sechser

Als sie sich den Para-Wettbewerb dann einmal anschaute, musste sie sagen. «Die reiten wirklich gut.» Und seit drei Jahren geht sie selber an den Start. An der WM 2014 wurde sie elfte, an der EM im letzten Jahr siebte. Und in Rio? «Es ist wie im Lotto», sagt sie. «Jeder will einen Sechser. Und jeder tut alles dafür, dass die Chancen intakt sind.»

Seit zwei Jahren richtet sie ihr Training zusammen mit ihrem Staff – «ein geniales Team» – auf die Paralympics aus. Die Liste, was sie alles mitnehmen will – von der Socke bis zum Schweifmesser – musste sie bereits vor drei Monaten abgeben. Derzeit absorbiert der Papierkram viel Zeit. Je näher der Tag X rückt – Geiger fliegt am 2. September nach Rio –, desto mehr steigt die Anspannung. Und desto stärker macht sich der Gedanke: «Bleib bloss gesund!» im Alltag bemerkbar. Beim Velofahren etwa. «Ich fahre deutlich langsamer als sonst.»

Rio 2016 kann kommen. «Jeder Sportler, der an die Olympischen Spiele reist, träumt davon, auf dem Podest zu stehen», sagt sie. Da sei sie keine Ausnahme. Sie lacht. «Ich reise sicher nicht nur nach Rio, um Samba zu hören.» Sie reist, um den Sieges-Samba zu tanzen. Olé!

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