Durch das dichte Gestrüpp, zugewachsen von dornigen Büschen und eingeengt durch steil abfallende Hänge, zieht sich ein ausgetrocknetes Bachbett. Wer es bis hierhin geschafft hat, befindet sich mitten im Niemandsland. Irgendwo hier laufen heute die Kantonsgrenzen vom Aargau, Basel-land und Solothurn zusammen.

Doch die 63 Aren gehörten jahrhundertelang zu keinem Kanton. Weder Wittnau, Anwil noch Kienberg beanspruchten das überwucherte Stück Land für sich. Dem Niemandsland fehlte jegliche Staatsgewalt.

Erst 1931 einigten sich die drei Kantone darauf, neue Grenzen durch das Niemandsland zu ziehen. «Man befürchtete wohl, dass jemand den rechtsfreien Raum für ein Verbrechen nutzen könnte», sagt Christoph Benz. Der Wittnauer Primarlehrer beschäftigte sich intensiv mit der Historie dieses speziellen Gebietes. Da die Schweiz ja in Kantone gegliedert sei, hätte die Fläche nicht mal richtig zur Schweiz gehört.

Auch wenn das Niemandsland vor dem 19. Jahrhundert in keinen historischen Dokumenten auftaucht, ist es trotzdem wahrscheinlich, dass die spezielle Situation schon vorher existierte. Man sei sich wohl der Sache dank der genaueren Kartierung halt erst dann richtig bewusst geworden, sagt Benz.

Erstmals 1822 urkundlich erwähnt

Schliesslich erstmals urkundlich festgehalten wurde das Niemandsland 1822 auf einem Grenzplan. Das Gebiet heisst da «In der Freyheit». Auf einer Karte aus dem Jahr 1877 ist die Fläche ebenfalls erkennbar – angeschrieben mit dem Namen «Heimatlosenplatz».

Heimatlose – früher nannte man sie auch Vaganten – waren Leute ohne festes Zuhause, so wie es heute die Fahrenden sind. Im frühen 19. Jahrhundert waren viele von ihnen im Aargau unterwegs. Dies stellte für die Obrigkeit ein grosses Problem dar, sodass die Landbevölkerung zu einer regelrechten «Vagantenjagd» aufgerufen worden ist. Die Heimatlosen wurden von Landjägern ergriffen und aus den Kantonen vertrieben.

Vaganten auf Rothenfluher Berg

Ob sich damals wirklich Heimatlose im rechtsfreien Gebiet des «Heimatlosenplatzes» aufhielten, um nicht aufgegriffen und aus dem Kanton geschafft zu werden, ist nicht belegt. Unwahrscheinlich ist es aber laut Christoph Benz nicht.

Das Tagebuch von «Herrn Dr. Rippmann» im Staatsarchiv Baselland ist ein Indiz dafür. 1863 schreibt der Arzt in einem Eintrag, wie er von einer jungen Heimatlosen aufgesucht wird, um ihrem sterbenden Bruder zu helfen.

Aus Furcht vor Landjägern und Wächtern hätte die Familie nicht früher Hilfe holen können. Der Arzt begleitete daraufhin das Mädchen zu ihrem Lagerplatz auf den Rothenfluher Berg – dieser liegt direkt neben Wittnau und Anwil. Dem jungen Mann konnte nicht mehr geholfen werden, er verstarb am nächsten Tag.

An jenem Ort, wo sich die sagenumwobene Geschichte mit dem Arzt und den Heimatlosen abgespielt haben soll, ist heute alles verwachsen. Der Grenzstein, der 1931 als Folge des interkantonalen Vertrags gesetzt wurde, ist nicht mehr zu sehen.

Die Geschichte um das Niemandsland, das Heimatlosen möglicherweise Schutz vor staatlicher Willkür geboten hat, bleibt bestehen. Dafür sorgt auch Christoph Benz. Als Primarlehrer in Wittnau sorgt er seit 39 Jahren dafür, dass auch die Jüngsten im Dorf wissen, woher der «Heimatlosenplatz» seinen Namen hat.