Interview

«Der Fluss führt ins grosse Vergessen» – Autor Christian Haller im Gespräch über sein neues Buch

«Ich spüre in mir, dass mit dem letzten Teil der Trilogie etwas für mich Wichtiges zum Abschluss gekommen ist»: Christian Haller in der Laube seines Hauses in Laufenburg mit Blick auf den Rhein.

«Ich spüre in mir, dass mit dem letzten Teil der Trilogie etwas für mich Wichtiges zum Abschluss gekommen ist»: Christian Haller in der Laube seines Hauses in Laufenburg mit Blick auf den Rhein.

Das neue Buch von Christian Haller, «Flussabwärts gegen den Strom», kam diese Woche auf den Markt. Es ist der Abschluss seiner autobiografischen Trilogie. Ein Gespräch über das Loslassen, Grenzerfahrungen und -überschreitungen, den Fluss des Lebens und den letzten Punkt.

Herr Haller, das Coronavirus hat viele Selbstverständlichkeiten, in denen wir lebten, relativiert. Fühlen Sie sich vom Virus bedroht?

Christian Haller: Nein, ich bin auch nicht ängstlich, obwohl ich zur Risikogruppe gehöre. Das Virus ist wie aus dem Nichts aufgetaucht und erinnert uns daran, dass es schon immer Seuchen gegeben hat. Die Entdeckung des Penizillins und das medizinische Wissen haben uns in der Sicherheit gewiegt, dass wir künftige Seuchen im Griff haben, eine Scheinsicherheit, wie sich nun zeigt.

Während des Lockdowns war fast alles geschlossen. Wie sind Sie mit diesem Zurückgeworfensein auf sich selbst umgegangen?

Als Schriftsteller bin ich eine sitzende Lebensweise gewohnt. Ich litt wenig darunter, erlebte jedoch erstmals das, was ich mir immer schon gewünscht habe und was bislang nie eingetreten ist: eine leere Agenda zu haben, bei gleichzeitigem Gefühl, nichts zu verpassen, weil es nichts zu verpassen gab.

Die leere Agenda führte nicht zu einer inneren Leere?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte meine Arbeit und Bücher. Das Unbehagen lag auf einer anderen Ebene: Beim Eingriff ins persönliche Leben jedes einzelnen. Ein solcher Eingriff war für mich vorher unvorstellbar gewesen und brach plötzlich über uns herein. Das Leben wurde von einem Tag auf den anderen eingegrenzt, das Gegenüber ausgegrenzt. Grenzzäune standen dort, wo vorher Verbindungen selbstverständlich waren. Was man aus Diktaturen kennt, realisierte sich mitten in unserer Demokratie und unserer Stadt. Wir sind uns Freiheit gewohnt und das Coronavirus zeigte, wie flüchtig diese Freiheit ist.

Als die Coronakrise Mitte März losbrach, waren Sie am Lektorieren Ihres neuen Buches «Flussabwärts gegen den Strom», das diese Woche erschienen ist. Wie wirkte sich die Situation auf Ihre Arbeit aus?

Am Tag, als die Grenzen geschlossen wurden, ging ich zu meiner Partnerin nach badisch Laufenburg. Ich sah über den Rhein hinweg zwar mein Arbeitszimmer gegenüber, doch es war unerreichbar. Mir fehlte meine Klause, die Atmosphäre, in der ich gewohnt bin, zu schreiben. Sie ist nicht einfach ein Arbeitsraum. Sie ist ein Resonanzraum, in dem sich mein Denken und Arbeiten spiegelt, in dem die meisten meiner Werke entstanden sind.

Der Raum, sagen Sie, ist auch eine Art Spiegel Ihrer selbst. Was sehen Sie darin?

Einen Teil von mir selbst. Der Raum ist ein veräusserter geistiger Teil, der sich in Bücherregalen, Bildern, den Manuskripten niedergeschlagen hat. Er ist eine Erweiterung meines Körpers, in der ich herumgehen kann, mir in Büchern Gelesenes wieder vergegenwärtigen kann.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert. Fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Schriftsteller Christian Haller: Fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert. Fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Von Ihrem Schreibtisch aus gehen Sie auf Ihre Entdeckungsreisen. Wohin führen diese Sie?

In die Labyrinthe meines eigenen Lebens, ebenso wie ins Labyrinth meiner Zeit.

Bei dieser Entdeckungsreise haben Sie mit dem dritten Teil der Autobiografie einen grossen Schlusspunkt gesetzt. Wie war es für Sie, diesen Punkt zu setzen?

Am Anfang dieser Entdeckungsreise stand ein Jahr, das mich durchschüttelte, ein Jahr, in dem das Fundament, auch unseres Hauses, wegbrach. Ich stand vor der Frage: Worauf hast du gebaut, was ist der Untergrund deines Weges, den es nicht gab und den du trotzdem gegangen bist? Die Trilogie wollte diesen Weg analysieren, wollte ihm nachspüren, Schritt um Schritt. Mir war bewusst, dass es ein langer Weg wird, einer, von dem ich von meinem Alter her nicht wusste, nicht wissen konnte, ob ich an sein Ende kommen werde. Nun ist das Ziel erreicht, dafür bin ich dankbar.

Wie wichtig ist Ihnen, dass Sie diesen Kreis schliessen konnten?

Ohne diesen dritten Band wäre das Werk unvollendet geblieben. Jeder der drei Bände steht zwar für sich, ist in sich geschlossen. Sie sind dennoch durchkomponiert, zeichnen den gesamten Weg, in seinen Phasen und Abschnitten.

Welcher Abschnitt war der Schwierigste zu schreiben?

Der dritte Band. Er schildert den wohl heftigsten Schicksalsschlag in meinem Leben, den Weg durch diese Krise hindurch mit all den Schwierigkeiten, Widerständen und Niederlagen, dem Scheitern auch, bis der Erzähler schliesslich doch an sein Ziel kommt.

Am Anfang der Trilogie stand der Schock über den Absturz ihrer Terrasse in den Rhein. Brauchte es diesen Schockmoment?

Er löste den Schreibprozess aus. Ich beschloss, das Ich, das ich einmal gewesen bin, ins Rampenlicht zu stellen und einer Untersuchung zu unterziehen.

Was hat das Rampenlicht gezeigt?

Dass gerade die Schwierigkeiten, Rückweisungen, auch Schicksalsschläge eine Erweiterung der Erfahrung und der Erkenntnis gebracht haben, die ohne die Erschütterungen verschlossen geblieben wären. Sie führten zu Richtungswechseln, wurden als «Unglücke» paradoxerweise zu einer Art Ermöglichungsmomenten.

Gab Ihnen das Schreiben in diesen schweren Momenten Halt?

Ich kann nicht viel anderes als schreiben, und die Stoffe, die ich gestalten musste, haben sich auch stets aufgedrängt. Ich habe dabei keine Wahl, und da ich stets aus dem eigenen Erleben geschrieben habe, musste ich oftmals das Erfahrene sprachlich durchdringen. Das heisst, sich reflektierend, gestaltend, analysierend mit dem Erfahrungsmaterial auseinanderzusetzen. Den Halt finde ich, wenn ich nicht ausweiche, im Unausweichlichen.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert. Fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert. Fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Der dritte und letzte Teil ist jener, der am nächsten bei der Ist-Zeit liegt. Weshalb fiel Ihnen diese Betrachtung besonders schwer?

Je näher man der Zeit kommt, in der das Ich aktuell lebt, desto schwieriger wird das Schreiben darüber. Die grossen Linien sieht man noch kaum, vieles ist noch überblendet von Details, die unwichtig werden, wenn man sich zeitlich von ihnen entfernt. Sie verstellen die Sicht auf das Wesentliche.

Es braucht eine Distanz, um beobachten zu können?

Ja, ohne Distanz ist ein Beobachten nicht möglich. Je näher die Zeit liegt, die man beobachtet, desto schwieriger ist es, diese Distanz zu gewinnen. Für mein Projekt war es entscheidend, dass es mir gelingt, eine möglichst grosse Distanz zwischen meine Erfahrungen, mein Erlebtes und letztlich zwischen mich selbst zu legen.

Seit dem Einsturz der Terrasse sind sieben Jahre vergangen. Jahre, in denen Sie sich viel mit sich und Ihrem Weg auseinandergesetzt haben. Wer ist Christian Haller?

Das weiss ich nicht.

Was wissen Sie?

Ich weiss, dass es denjenigen gibt, der meinen Namen trägt, dass er versucht hat, das, was ihn an Lebensformen ­umgibt, zu verstehen. Dass er einen Weg suchte, der ihm weder durch die Familie noch durch die Gesellschaft vorgezeichnet war, aber von dem er das Gefühl hatte, es sei ihm bestimmt, diesen Weg zu gehen, den er selber nicht kannte.

Sie setzten sich dabei intensiv mit dem eigenen Ich auseinander. War es ein guter Begleiter?

Ich hatte jeweils kein anderes Ich, auch wenn ich mir das hie und da gewünscht hätte. Eines, das besser mit den Lebensumständen zurechtkommt, einen Nagel gerade einschlagen kann und nicht alles so intensiv durchleben muss.

Ist das Ich, dem Sie begegnet sind, immer das Gleiche?

Nein, denn die Ich-Kontinuität, die wir empfinden mögen, ist eine Illusion. Das Ich wandelt sich, verändert sich. Man ist nicht immer der Gleiche. Das Ich formiert sich durch Brüche und Verwerfungen immer wieder neu. Es häutet sich, lässt Teile von sich zurück, wird ein anderes Ich.

Gibt es das wahre Ich?

Der Ausdruck «wahres Ich» birgt in sich eine doppelte Problematik. Zum einen ist «wahr» ein schwieriger Begriff. Zum andern ist das Ich ein sprachliches Konstrukt; es gibt Kulturen, die kennen nicht einmal das Wort. Das wahre Ich gibt es für mich so nicht.

Von Ihrem Balkon aus sehen wir den Rhein, der ruhig dahinfliesst. Im Lebensfluss kann man mit oder gegen den Strom schwimmen. Wie schwimmen Sie?

Der Titel sagt es: Flussabwärts gegen den Strom. Man kann gegen den Strom schwimmen und trotzdem nimmt einen die Strömung mit. Es ist ein Bild für mein Leben. Ich suchte den Strom, widersetzte mich aber gleichzeitig vielem, schwamm dagegen an, und wusste mich doch immer von ihm getragen.

Wohin führt der Fluss?

Ins grosse Vergessen. So, wie der Rhein letztlich ins Meer mündet und sich darin verströmt.

Was ist dort? Nichts?

Es ist das Schicksal von uns Menschen, dass uns bewusst wird: alles vergeht. Es ist in jungen Jahren ein oberflächliches Wissen, eines, das weit weg liegt von einem selber, das man beiseite schiebt. In meinem Alter ist es ein nahes Wissen. Das Vergehen holt jeden ein.

Die Worte allerdings haben Bestand.

Heute weniger, denn je. Wir leben in einer Zeit des kollektiven Vergessens.

Für Sie ist das Wort und der Umgang mit ihm zentral. Stört Sie der unbedarfte Umgang mit Worten, den man gerade in sozialen Medien häufig antrifft?

Mich beunruhigt die Verflachung im Sprachgebrauch. Die literarische Sprache wurde demokratisiert. Sie soll allen verständlich, allen zugänglich sein, was dazu führt, dass man in der «Leichten Sprache» nur noch simple Sätze formt. Diese Abflachung der Sprache wirkt sich bis in die Literatur hinein aus, wo heute viele Autoren eine Hauptsatzliteratur pflegen. Ein Satz mit mehr als zehn Worten gilt schon als anrüchig. Mich beunruhigt diese Entwicklung, auch, weil der Wortschatz gleichzeitig schwindet, jedoch für die Fähigkeit wahrzunehmen unentbehrlich ist. Wird der Wortschatz kleiner, verengt sich der Horizont.

Verflacht so auch das Denken?

Selbstverständlich. Und dies ausgerechnet in einer Umbruchzeit, die erfordert, dass man Vieles neu denkt, und man die alten Bilder loslässt. Wir leben in einer Zeit, in der man neue Sichtweisen zur Orientierung entwickeln muss. Mit einem Denken, das immer flacher, das heisst oberflächlicher wird, ist dies unmöglich.

Wie gut konnten Sie sich der ­Staccato-Literatur entziehen?

Gut, schon deshalb, weil für das, was ich ausdrücken und zur Sprache bringen will, eine Hauptsatz-Literatur nicht taugt. Ein Text, der ohne Relativsätze, ohne Satzgefüge auskommt, wäre zu «unterkomplex», wie ein Freund von mir zu sagen pflegt. Der Hauptsatz ist mir zu platt, zu resonanzlos. Ein Satz, so er den Namen verdient, erzeugt eine Schwingung, die die nächste Wortfolge anregt, die Schwingung weitergibt. So bilden sich Sprachwelten, die lebendig sind und auch den Leser anregen.

Im Leben allerdings hilft doch gerade die Komplexitätsreduktion, um den Alltag besser zu meistern.

Das stimmt. Jede Gewohnheit ist unterkomplex. Sie hilft uns, dass wir das, was wir tun, nicht erneut durchdenken müssen. Wie ich Wasser einschenke, muss ich mir nicht erst überlegen. Gewohnheiten braucht es, sonst würden wir in dieser Welt verzweifeln. Wir wären mit allem und jedem überfordert. Es braucht ein Set von unterkomplexen Strukturen, um sich in der Welt, in der Gesellschaft bewegen zu können. Aber es braucht eben auch das Komplexe. Würden wir nur in unterkomplexen Systemen agieren, kämen wir als ­Gesellschaft und einzelne zu kristalliner Erstarrung. In eine Phase des Stillstands.

Unsere heutige Gesellschaft wird, auch dank der digitalen Transformation, immer schneller. Was passiert, wenn sich eine Gesellschaft entschliesst, schneller zu leben?

Dann verliert sie an Detailgenauigkeit. Das erleben wir doch täglich. Wenn wir langsam durch eine Gegend fahren, erkennen wir den einzelnen Baum, vielleicht sogar den Vogel, der auf ihm sitzt. Sind wir jedoch schnell unterwegs, so wissen wir nur noch, dass da Wald war, an dem wir vorbeigefahren sind. Die Beschleunigung unseres Alltags führt dazu, dass wir zusehends auf solche unterkomplexe Tableaus angewiesen sind. Wir neigen dann zur Typisierung.

Ist für Sie die Beschleunigung endlos denkbar oder kommt die Menschheit an einen Punkt, in der sie sich entschleunigen muss oder will?

Ich bin kein Prophet. Im Moment leben wir in einer Beschleunigungsphase. Wenn der Quantencomputer kommt, wird es nochmals einen Temposchub geben. Beschleunigung hat Vorteile, doch sie ist für uns als Gesellschaft nicht nur bekömmlich. Immer mehr Menschen stürzt sie in die Krankheit: Stress ist ein Synonym von zu grosser Beschleunigung. Man darf nie vergessen: Der Mensch ist im Vergleich zu anderen Lebewesen langsam und bedächtig angelegt. Wenn ich auch sprinte, hängt mich jede Schwalbe ab.

Wie entschleunigen Sie sich in dieser beschleunigten Welt?

Durch Faulheit. Sie ist heute fast schon eine Tugend. Das «Müssen und Sollen» klein halten, Dinge verweigern, sich Zeit nehmen, in sich hören, beobachten, was um einen geschieht. Musse zu haben, war für mich auch in jungen Jahren der wahre Reichtum.

Den Tag loszulassen, ist oft schon schwierig. Wie ist es, die Worte, das Geschriebene loszulassen?

Noch viel schwieriger, aber es ist Teil der Arbeit. Es geht darum, dass man sich aus dem, was war, herauslöst, dass man das, was entstanden ist, in Freiheit entlässt. Das ist, so stelle ich fest, schwierig, denn man hängt an dem, was man geschaffen hat. Auch, weil man weiss, wie viel man investiert hat, investieren musste.

Der letzte Punkt an der Trilogie ist gesetzt. Was jetzt?

Ich weiss nicht, wohin mich der Fluss führt. Ich muss mich treiben lassen, spüre in mir, dass mit dem letzten Teil der Trilogie etwas für mich Wichtiges zum Abschluss gekommen ist. Ob sich nochmals ein Stoff aufdrängt, wird sich zeigen. Ich suche ihn nicht, wenn, dann kommt er zu mir.

Das Schreiben wird Sie, egal was wird, aber immer begleiten?

Ja, das Schreiben gehört zu mir, ist Teil von mir. Ob das Geschriebene publiziert werden muss, werden will, ist eine Frage, die ich heute offenlassen kann.

Stossen Sie beim Schreiben auch an Grenzen?

Selbstverständlich, und ich versuche, sie zu überschreiten.

Was passiert, wenn man die Grenzen überschreitet?

Man gefährdet sich selber, und den Stoff, den man bearbeitet.

Hatten Sie je das Gefühl, wenn ich weitergehe, gefährde ich mich?

Das gehört zum Schreiben, da es in tiefe, noch dunkle Räume hinabführt. Dabei wird Material heraufgefördert, das oft schwer zu akzeptieren ist oder es wird ein Abgrund aufgerissen, in den man ungern blickt.

Grenzen überschreiten wollen, es aber nicht mehr dürfen, das war doch eine konkrete Erfahrung während der Coronazeit?

Und hat uns gezeigt, welch grosse Errungenschaft es ist, dass diese, die Landesgrenzen, offen und frei passierbar sind. Die Regionen sind ineinander verflochten, sind zusammen gewachsen. Eine Schliessung nationaler Grenzen wirkt willkürlich, sie löste entsprechend Unverständnis aus.

Müssen wir lernen, in anderen Räumen zu denken?

Wir müssen lernen, dass die alten Strukturen nicht mehr die optimalen sind. Wir arbeiten noch immer mit vielen alten Strukturen, weigern uns, ihnen das Recht des Alterns zu geben. Das heisst nicht, sie zu verwerfen. Sie haben eine grosse Bedeutung gehabt, in ihrer Zeit. Heute ist eine andere Zeit mit ­anderen Notwendigkeiten und Bedürfnissen. Es braucht ein Nachdenken darüber, wie Strukturen aussehen können, die das erfüllen können.

Beschränkt sich das auf Grenzstrukturen?

Überhaupt nicht. Man muss auch darüber nachdenken, wie alte und grossartige Einrichtungen, die Demokratie etwa, weiterentwickelt werden können. Dies ist auch deshalb notwendig, weil dieses grandiose System zum Teil gerade durch die neuen digitalen Techniken korrumpiert wird, wie wir das zur Zeit im amerikanischen Wahlkampf sehen.

Wie war es für Sie, als die Grenzzäune weggeräumt wurden und Sie selber das erste Mal wieder über die Grenze laufen konnten?

Ein Glücksgefühl, eine grosse Erleichterung. Ich konnte wieder den Fluss überqueren, ohne mich rechtfertigen zu müssen, konnte von einem Land ins andere gehen und dabei die Zusammengehörigkeit spüren.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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