Etzgen

Den Mauerfall hielt er erst für einen Scherz – wegen der Liebe kam er in den Aargau

Wegen der Liebe zog er ins Fricktal: Stefan Thierfeld wohnt mit Frau Nadine und Sohn Jonas im Mettauertal. Bilder: Karin Pfister.

Wegen der Liebe zog er ins Fricktal: Stefan Thierfeld wohnt mit Frau Nadine und Sohn Jonas im Mettauertal. Bilder: Karin Pfister.

Stefan Thierfeld wohnt heute im Fricktal – erinnert sich aber an seine Jugend in der DDR und den Mauerfall. In der Schweiz stellt er fest, dass die Leute hier oft wenig über die DDR wissen. Er selbst hat damals unter der fehlenden Freiheit gelitten.

Manchmal, wenn Stefan Thierfeld während eines langen Arbeitstags müde durch das Land fährt und gerne schon zu Hause wäre, denkt er an seine Jugend in der DDR zurück. «Ich hätte damals als junger DDR-Bürger sehr viel dafür gegeben, einmal durch die Schweiz zu fahren.» Nach fast 50 Jahren in Deutschland, davon 20 in der DDR, wohnt der Rostocker nun seit einem Jahr im Mettauertal. Der Grund dafür ist die Liebe. Seine Frau Nadine stammt aus dem Fricktal und zusammen mit Sohn Jonas wohnen sie im Haus von Nadines Grossmutter in Etzgen.

Als die Mauer fiel, sass der damals 20-Jährige zu Hause in Rostock vor dem Fernseher und schaute Westfernsehen. «Das machten damals alle; mit Erlaubnis der DDR. Unten am Bildschirm lief plötzlich ein Spruchband durch: ‹Die Berliner Mauer ist gefallen.› Ich dachte, dass es sich um einen Scherz handeln muss.» Erst, als die Meldung im DDR-Fernsehen kam und Bilder der offenen Grenze zu sehen waren, glaubte er es. Im Gegensatz zu vielen anderen, die gleich ins Auto sprangen und Richtung BRD fuhren, blieb er ruhig. «Ich war pflichtbewusst. Als Erstes habe ich in meinen Dienstplan geschaut, wann mein nächster freier Tag ist. Es war der 11. November 1989. Darum bin ich erst zwei Tage nach der Öffnung der Grenze zum ersten Mal im Westen gewesen.»

Der Staat nahm wenig Rücksicht auf die Wünsche des Einzelnen

Geboren wurde Stefan Thierfeld als jüngstes von vier Kindern in Rostock. Sein Vater (Jahrgang 1933) war Bauingenieur, seine Mutter (Jahrgang 1938) war aus Schlesien nach Thüringen geflüchtet. «Mir war schon als Kind bewusst, dass es zwei Deutschland gibt. Ein reiches und ein armes und wir wohnten im armen Teil.»

Er erinnert sich bis heute an die Unfreiheit, die ihn und seine Familie belastete. «Ich war als Kind Mitglied in der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Mir gefiel es da nicht und ich wollte austreten. Mein Vater hat mir dann gesagt, dass das nicht geht. Es war zwar nicht verboten, nicht mitzumachen; aber wenn du keine Probleme mit dem Staat wolltest, dann warst du dabei, da ansonsten andere Familienmitglieder hätten leiden müssen. Es gab ein sehr unmoralisches System der Sippenhaft.»

Geboren wurde Stefan Thierfeld als jüngstes von vier Kindern in Rostock.

Geboren wurde Stefan Thierfeld als jüngstes von vier Kindern in Rostock.

Das gesamte Leben, so erinnert sich Stefan Thierfeld, war staatsgelenkt. «Der Einzelne wurde nicht gefragt, was er möchte. So habe ich das auch während der Ausbildungssuche erlebt. Der Staat hat wenig Rücksicht auf die Wünsche einzelner genommen. Arbeiter- und Bauernkinder durften bevorzugt studieren; Kinder aus intellektuellen Familien, die gerne studiert hätten, durften nicht.» Stefan Thierfeld konnte immerhin eine Lehre als Koch machen. Nicht, weil er so gerne kochte, sondern weil er darin die Chance sah, in einem privatwirtschaftlich geprägten Umfeld zu arbeiten. «Gaststätten gab es in grösserer Anzahl als inhabergeführte Unternehmen.»

«Ein Freund hatte einen Cousin in Westberlin. Wir sind zu ihm gefahren und konnten uns dort Fahrräder ausleihen. Damit fuhren wir durch Berlin. Mit dem Auto kam man gar nicht durch», erzählt er vom ersten Ausflug in den Westen. Aber: «Ich kannte Westberlin schon aus dem Fernsehen und es sah entgegen allen Vorstellungen, wie grossartig es sein müsste, für mich leider ganz normal und wie erwartet aus.» Die 100 Mark Begrüssungsgeld, die damals jeder DDR-Bürger erhielt, nahm er wieder mit nach Hause.

Kurz nach der Grenzöffnung zog Stefan Thierfeld, der heute als Vertreter für Schwedenöfen arbeitet, ins Allgäu. «Aus meiner Generation sind ganz viele weg. Wir wollten endlich reisen.» Vom Allgäu ging es zurück nach Rostock und dann über Ravensburg, Mannheim, Hamburg und Ulm schlussendlich in die Schweiz. «Die Schweiz ist ein schönes Land. Und ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen hier wenig über die DDR wissen.»

Das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestaltet

Er selber habe am meisten unter der Unfreiheit und dem Staatsapparat gelitten. «Einige wenige sassen an den Hebeln der Macht und steuerten alles.» Nichtsdestotrotz sei die DDR aber in einigen Gebieten weiter gewesen als manche Länder heute. «Frauen waren gleichberechtigt. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit war schon in den 1960er-Jahren selbstverständlich.» Ebenfalls positiv wahrgenommen hat er den fehlenden Sozialneid. «Alle haben 12 Jahre auf einen Trabi gewartet. Dadurch gab es ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl. Alle sassen im selben, schwierigen Boot.» Ein DDR-Nostalgiker ist Stefan Thierfeld deswegen keinesfalls. Er ist bis heute froh, dass die Mauer damals fiel und er sein Leben nach seinen Vorstellungen gestalten durfte.

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