Bezirksgericht Rheinfelden

Autofahren ohne Billett, Polizisten beleidigt und mehr – dieser Rentner will sich an nichts erinnern

Der deutsche Rentner hielt die Polizei auf Trab. (Symbolbild)

Der deutsche Rentner hielt die Polizei auf Trab. (Symbolbild)

Ein 77-Jähriger fährt mehrmals ohne gültiges Billett, beleidigt Polizisten und entwendet ein konfisziertes Auto. Nun steht er vor dem Bezirksgericht Rheinfelden – und will sich an nichts erinnern können.

Hugo (Name geändert) kann sich an nichts erinnern. Sagt der 77-Jährige zumindest. Nicht daran, dass er Beamte als «Scheiss-Polizisten» beleidigt hat oder dass er mehrfach ohne gültigen Fahrausweis gefahren ist. Oder dass er sein beschlagnahmtes Auto heimlich vom Polizeiposten entwendet hat. «Manchmal erinnere ich mich wieder an etwas. Dann muss ich es aufschreiben», sagt Hugo. Er ist sich aber nicht sicher, was er alles angestellt hat. Ein zäher Nachmittag am Rheinfelder Bezirksgericht zieht sich dahin.

Beim Prozess geht es um Hugo. Hugo ist Deutscher und wohnt im grenznahen Gebiet bei Basel. Er war 38 Jahre lang Speditionsarbeiter in einer Basler Druckerei, ehe das Unternehmen schliessen musste und Hugo eineinhalb Jahre zu früh in Rente geschickt wurde. Heute, sagt Hugo, gehe es ihm schlecht. Er geht am Stock, hat stark erhöhten Zucker und Leberzirrhose. Zudem hat er einen Haufen Schulden. Wie viel? Hugo zuckt mit den Schultern. «Das weiss ich nicht.» Er dreht sich zu seinem Beistand und schaut ihn fragend an.

Viele Straftaten

Die Liste der strafbaren Handlungen, die dem älteren Mann mit streng zurückgekämmten weissen Haaren zur Last gelegt werden, ist lang. Der erste vorgeworfene Sachverhalt in der Anklageschrift datiert auf den 24. April 2016. Hugo wurde am Rheinfelder Autobahn-Grenzübergang angehalten, wobei sich herausstellte, dass ihm schon 2015 der Führerausweis wegen Nichteignung aberkannt worden war.

Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab möchte von Hugo wissen, warum er trotz entzogenem Billett Auto gefahren sei. «Ich war oft bei einer Kollegin im Fricktal. Sie ist nicht mehr so gesund und daher wollte sie, dass ich mit ihr nach Deutschland zum Einkaufen fahre, weil es günstiger ist.» Er habe nicht damit gerechnet, dass man ihn «schnappen» werde.

Angezeigt von Polizistin

Zwei Monate, nachdem Hugo am Grenzübergang gestoppt worden war, war er mit dem Auto in Stein unterwegs. Eine Polizei-Patrouille hielt ihn an. Man wusste, dass er nicht mehr hätte fahren dürfen.

Sein Verhalten gegenüber der Polizei soll «sehr renitent und aggressiv» gewesen sein. Dies beteuert die Polizistin, die ihn angezeigt hat. Sie tritt als Zivilklägerin auf – sie fühlte sich persönlich von Hugo bedroht. «Er hat zwar alle Polizisten beleidigt. Doch nur mich hat er angesehen und gesagt, dass ich ‹Scheiss-Polizistin› das noch bereuen werde», sagt sie. Hugos Auto wurde daraufhin beschlagnahmt.

Zwei Tage später, am 24. Juni 2016, stand das Auto nicht mehr auf dem Polizei-Parkplatz. Die Überwachungskamera zeigt Hugo, wie er über das Gelände schleicht und das Auto vom Parkplatz lenkt. «Ich kann mich nicht erinnern, mein Auto geholt zu haben», sagt er.

Als Hugo im Juli zur Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft war, gab er an, mit dem Zug angereist zu sein und nicht zu wissen, wo sein Auto sei. Im Anschluss beobachtete ihn die Polizei, wie er zum wiederholten Mal ohne Fahrausweis sein in der Nähe parkiertes Auto lenkte. Abklärungen ergaben, dass er zuvor über die mit einem Fahrverbot belegte alte Rheinbrücke in die Schweiz eingereist war.

Zum Schluss der Verhandlung bekommt Hugo das letzte Wort. «Es tut mir leid, was passiert ist», sagt er mit undeutlicher Stimme. «So wie es aktuell aussieht, wird nichts mehr passieren. Die Ärzte sagen, ich sei bald unter dem Boden.» Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

Meistgesehen

Artboard 1