Gaby Gerber hat einen mehrfach guten Riecher. Da wäre zum einen ihre Bier-Nase: Die 46-Jährige Rheinfelderin war die erste Biersommellière der Schweiz und hilft heute bei der Ausbildung zum Bierexperten mit.

Und da wäre der gute Riecher fürs Marketing. Gaby Gerber, Leiterin Kommunikation und Mitglied der Geschäftsleitung bei Feldschlösschen, möchte im Herbst in den Nationalrat – und wirbt für sich ebenso sympathisch wie professionell in den sozialen Medien und auf gedruckten Werbeträgern. Auf Flyern, Visitenkarten – und natürlich auf Bierdeckeln. «Ich möchte ja nicht wissen, unter wie vielen Tischbeinen ich liege», scherzt die zweifache Mutter.

Gaby Gerber im Tele M1-Beitrag zum Frauenstreik am 14. Juni 2019

Bierdeckel als Werbeträger sind nicht nur naheliegend, weil sie seit 22 Jahren in der Branche arbeitet, sondern auch, weil das Werbemittel zu ihr passt. Sie ist bodenständig, kommunikativ und liebt den Kontakt zu Menschen. Auf ein Bier lädt sie denn auch alle, die sie kennenlernen wollen, via Bierdeckel ein. «Bier steht für Geselligkeit und das ist mir wichtig», sagt sie. Man müsse zu den Leuten gehen, wenn man ihre Sorgen spüren wolle, wenn man sehe wolle, wo der Schuh drückt. Und das will sie. Hin- statt wegsehen, ist ihre Devise, machen statt nur reden.

Die Aussicht darauf, mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und sozialen Schichten in Kontakt zu kommen, war für sie auch eine Motivation, sich für die Nationalratswahlen aufstellen zu lassen. Was für andere ein notwendiges Übel ist, sich an General- und anderen Versammlungen zu präsentieren, liebt sie. «Das gibt mir viel Energie», sagt sie.

Gaby Gerber ist eine Powerfrau. Das war sie schon immer und das hat sie auch von zu Hause mitbekommen. Ihre Mutter und ihre Tante führen im Baselbiet eine Schnapsbrennerei und einen Obsthandel. «Von den Volumenprozenten her habe ich mit dem Bier einen gewaltigen Rückschritt gemacht», meint sie, lacht herzhaft. Schalk spielt um ihre Augen. Es ist diese Herzlichkeit, kombiniert mit dem Willen, etwas zu verändern, und dem Potenzial, dies auch zu erreichen, die Gerber ausmachen.

Gabriela Gerber, 2015, Vorstandsmitgliederin des Gewerbevereins Rheinfelden

Gabriela Gerber, 2015, Vorstandsmitgliederin des Gewerbevereins Rheinfelden

Auch das bekam sie von zu Hause mit. Sie lernte früh, was es heisst, anzupacken. Sie lernte auch, wie wichtig die Natur ist. «Wenn man vom Wetter abhängig ist, dann ist das ein Dauerthema am Mittagstisch», blickt sie zurück. Etwas für das Klima zu tun, ist ihr wichtig – nicht erst, seit es dank Greta Thunberg Mode ist, sich als Klimafreund zu outen.

Mitgenommen hat sie von zu Hause nicht nur ihre Leidenschaft für Gebrautes («ich könnte mir keine andere Branche vorstellen»), sondern auch die Bereitschaft, sich für die Gesellschaft zu engagieren. «Unser Milizsystem beruht darauf, dass sich der Einzelne zum Wohl des Ganzen einsetzt», sagt sie. Auch dies war ein Moment, der Gerber dazu bewog, Ja zu einer Kandidatur zu sagen. «Wir Frauen können nicht immer sagen, es braucht mehr Frauen in der Politik und Wirtschaft – und dann Nein sagen, wenn sich eine Chance bietet.» Mit dem Engagement sei es etwas wie mit einer Weltreise, die man immer mal machen wolle, aber laufend hinausschiebe – bis es oft zu spät ist.

«Moment nicht verpassen»

«Ich will den Moment nicht verpassen», sagt sie und sagt damit indirekt auch, wie sie ihren Wahlkampf versteht: Als Chance, für die sie viel Zeit und Energie einsetzt – als Tun im Heute und nicht im Morgen. Anders als andere Kandidaten tritt Gerber im Herbst nicht an, um sich aufzubauen, sondern um diesen Wahlkampf so erfolgreich wie möglich zu führen. Was politisch nachher kommt, «wird sich weisen», sagt sie. Derzeit zähle einzig der 20. Oktober.
Ihren Wahlkampf stellt Gerber unter das Motto «Bekanntheit aufbauen und Moblisieren». Gerade Ersteres will sie auch «ennet den Bergen», tun, also in Aarau und Baden, da nur eine Wahlchance hat, wer hier Stimmen holt. Das Fricktal habe verhältnismässig wenige Einwohner und erst noch eine Randlage. «Da braucht es den doppelten Effort, um Erfolg zu haben.» Diesen Effort wird sie gerne leisten, weil sie von ihren liberalen Werten überzeugt ist – und weil sie findet: «Das Fricktal ist eine der prosperierendsten Regionen und muss deshalb unbedingt gut in Bern vertreten sein.»

Sie hat sich gut überlegt, ob sie kandidieren will, denn als Mutter von zwei Kindern im Vorschulalter und als Geschäftsleitungsmitglied von Feldschlösschen ist ihre Agenda jetzt schon prall gefüllt. Sie will es – auch um die Anliegen der Frauen in Bern zu vertreten. Diese Anliegen wolle sie gestaltend und nicht streikend vertreten, erklärt sie und sagt damit auch, was sie gestern Freitag getan hat: gearbeitet und nicht gestreikt.

Der Streik ist nicht ihr Weg

Zu streiken, sei nicht ihr Weg. «Es gibt andere Möglichkeiten, sich einzubringen.» Gerber hat in den letzten 22 Jahren in der Feldschlösschen-Gruppe verschiedene Positionen innegehabt («das ist das Glück eines grösseren Konzerns») und es weit nach oben gebracht. Weil die Leistung stimmte und weil sie es schaffte, Familie und Führungsposition in Einklang zu bringen. War da auch ein Frauenbonus dabei? «Nein», sagt Gerber, lacht. «Ich bin zum Glück nicht in einem Förderprogramm gelandet, sondern bin meinen Weg selber gegangen.»

Biersommelière Gaby Gerber weiss, wie man India Pale Ales degustiert. (Archivbild)

Biersommelière Gaby Gerber weiss, wie man India Pale Ales degustiert. (Archivbild)

Gerber weiss auch, dass in Sachen Gleichstellung noch lange nicht alles erreicht ist. «Wir sind heute einen gehörigen Schritt weiter als unsere Eltern», ist sie froh, überlegt kurz, fügt dann hinzu: «Ich habe höchsten Respekt vor all den Frauen, die sich in der Vergangenheit für die Rechte der Frau eingesetzt haben.» Dafür einsetzen will sich auch Gerber – «und das macht man am besten, indem man sich einbringt».

Ihre Wahlchancen schätzt Gerber realistisch ein. «Sie sind nicht allzu rosig», sagt sie. Gerber startet von Listenplatz 8 aus, was keine schlechte Ausgangslage ist. Die FDP-Liste sei diesmal aber «ungeheuer stark», was sich auf die Wahlchancen auswirke, findet sie. Doch Gerber wäre nicht Gerber, wenn sie nicht kämpfen würde – im Fricktal ebenso wie in Aarau und Baden, wo die Stimmen wohnen. Diese wird sie, wie einige Mitkandidaten auf der Liste, auch persönlich im Rahmen des Tür-zu-Tür-Wahlkampfs besuchen. 

Dass ihre Wahlchancen nicht sonderlich hoch sind, stört Gerber nicht – und hält sie schon gar nicht davon ab, für ihre Chance zu kämpfen. «Wenn man nicht bereit ist, zu kämpfen, hat man bereits verloren.» Zudem könne immer etwas passieren. 

Ihren ersten Wahlkampf-Grosseinsatz hat Gerber bereits hinter sich. Sie warb an der Expo 19 in Rheinfelden drei Tage lang für sich. Das sei eine Super-Erfahrung gewesen, schwärmt sie. Anstrengend zwar, «aber es gab mir auch viel Energie». Geredet hat sie mit den Stand-Besuchern über Gott und die Welt, über Waffengesetz und Rahmenabkommen, über Wirtschaft und Gesellschaft, über Region und Wetter.

Natürlich gab es dazu ein kühles Bier. Und als Giveaway einen «Ein Bier mit Gaby»-Bierdeckel. Der kommt nun 1000-fach bei den Standbesuchern zu Hause zum Einsatz. Auf oder unter dem Tisch.