Wallbach

Ab dem sechsten Halswirbel gelähmt – trotzdem spielt er ein Tischtennismatch auf Augenhöhe

Der az-Redaktor spielt gegen den Paralympics-Teilnehmer – der erste Satz endet mit 11 zu 9 für Silvio Keller.

Der az-Redaktor spielt gegen den Paralympics-Teilnehmer – der erste Satz endet mit 11 zu 9 für Silvio Keller.

Kurz vor den Paralympics, welche gleich nach den Olympischen Spielen in Rio stattfinden, trifft sich Silvio Keller mit einem az-Redaktor zu einem Duell im Sitzen

Bereits vor der Türe des Gemeindesaals in Wallbach höre ich die Plastikbälle im Sekundentakt klackern. Als ich, ein Wettkampfspieler auf höherem Niveau, den Saal betrete, ist der Tischtennis-Paraolympionike Silvio Keller seit über einer Stunde mit seiner Sparringspartnerin eifrig am Trainieren. Vorhand, Rückhand, Vorhand – pfeilschnell fliegen die Tischtennisbälle über das Netz. Um die Wettkampfsituation so gut wie möglich für den Rollstuhlfahrer zu simulieren, retourniert ihm seine Trainingspartnerin die Bälle sitzend auf einem Stuhl.

Dennis Kalt gegen Silvio Müller: Der zweite Satz endet mit dem Ergebnis 12 zu 10 für den az-Redaktor.

Dennis Kalt gegen Silvio Müller: Der zweite Satz endet mit dem Ergebnis 12 zu 10 für den az-Redaktor.

Mal sehen, was er so kann

Ich streife mir mein Sportdress über und greife zu meinem Schläger. Mal sehen, was er so drauf hat, denke ich mir und spiele ihm mit schneller Frequenz ein paar Dutzend Bälle in die Vorhand, die er mit geringer Fehlerzahl über die Netzkante knallt. Wow, das ist phänomenal, denke ich mir, dafür, dass er von der Brust abwärts und telweise an den Armen und Fingern gelähmt ist. Ob ich wohl mit solch einem körperlichen Handicap auch so gut spielen könnte? – Nein, kaum vorstellbar.

«Weil ich ab dem sechsten Halswirbel abwärts gelähmt bin und meine Bauchmuskulatur nicht einsetzen kann, stütze ich mich beim Schalgen mit meiner linken Hand am Rollstuhl ab, um das Gleichgewicht halten zu können», erklärt mir Keller und fordert mich daraufhin zum Duell.

«Um meinen Nachteil auszugleichen, musst du dich aber während dem Match auf einen Stuhl setzen», insistiert er. Nein, oder? So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt. «Dann gibt es wenigstens ein Duell auf Augenhöhe», scherzen wir beide. Keller gewährt mir einige Ballwechsel zum Einspielen und weist mich daraufhin, dass durch die tiefere Schlagposition an der Platte einige meiner Aufschläge im Netz landen werden. Leider hat er recht: Die ersten drei Services landen tatsächlich im Netz. Oh Mann. Ich komme mir vor wie ein Amateur. Doch nach einigen Schlägen gewöhne ich mich an den veränderten Blickwinkel auf die Tischtennisplatte.

Balleimertraining Vorhand mit einem Smash zum Abschluss.

Balleimertraining Vorhand mit einem Smash zum Abschluss.

Das Duell

Die ersten Punkte und Keller macht gleich Ernst: Mit schnellen und platzierten Schlägen werde ich unter Druck gesetzt, kann nur reagieren und werde zu vielen Fehlern gezwungen – oje, das gibt ein Debakel! Nachdem mir der Paraolympionike Mitte des Satzes davon zieht, macht er eine Reihe von leichten Fehlern. Ist das die Wende? Nein, er greift zu seiner stärksten Waffe: einem Rollaufschlag mit seitlichem Vorwärtsdrall. Gleich vier Mal retourniere ich die Aufschläge, die blitzartig auf mich zukommen, ins Aus. Das darf doch nicht wahr sein. Mit 11 zu 9 verliere ich den ersten Satz nach einem abermaligen Return-Fehler. Mist! Ich will Revanche.

Im zweiten Satz erbarmt sich Keller und verzichtet auf seine unangenehmen Aufschläge. Glück gehabt! Die Ballwechsel werden länger und immer wieder muss ich meinen Arm bis zum Anschlag ausstrecken, um die kurzen und mit viel Winkel gespielten Bälle meines Gegners noch zu erreichen. Mit einem Aufsteller, einem Spezialschlag, bei dem der Ball aus grosser Höhe kurz hinter dem Netz aufspringt, versucht mich Keller, zu überlisten. Ich mache mich lang und falle dabei fast vom Stuhl, kann den Ball aber gerade noch so retournieren. Mit etwas Glück hole ich mir den zweiten Satz mit 12 zu 10 und wir belassen es bei dem Remis. Ich sage: «Danke für den Perspektivenwechsel.»

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