Wohlen
Spazierkunst in Schlaufen: So zeigt sich das Strohdorf auf einmal ganz anders

Am Sonntag bot das Strohmuseum Wohlen ein besonderes Erlebnis an: Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen führte die Gruppe schweigend kreuz und quer durchs Strohdorf. Die AZ spazierte mit.

Verena Schmidtke
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Spaziergang durch Wohlen mit Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen: Die Gruppe geht schweigend durchs Dorf und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Spaziergang durch Wohlen mit Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen: Die Gruppe geht schweigend durchs Dorf und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Verena Schmidtke

Wohlen kann ein wahres Labyrinth sein. Besonders, wenn man in Schlaufen durch die vielen Strassen, Wege und Gässlein geht, wie man es sonst kaum je tut. An einer Ecke wartet der schnellere Teil der Gruppe auf einige Nachzügler. Welche Ecke genau es ist, vermögen besonders Nichtwohler schon bald nicht mehr zu sagen. Um eine weitere Ecke erreicht die Gruppe einen Brunnen, der zur erfrischenden Verschnaufpause in der sommerlichen Hitze einlädt. Würden die Spaziergänger den auf Anhieb wiederfinden?

Weiter geht es zur nächsten Schlaufe durch Wohlen. Und zwar stumm, ohne miteinander zu sprechen. So lassen die Spaziergänger alle die Eindrücke, die zwischen Betonbauten und ländlichem Charme wechseln, auf sich wirken. Und zwar unter der Führung von Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen.

Filigrane Bordüren als Inspiration

Zu dieser besonderen Erkundung des Ortes hatte das Strohmuseum eingeladen. «Die Spaziergänge sind begleitend zu unserer Sonderausstellung ‹A Breeze Of Straw – Eine Trilogie im Raum› von Künstlerin Marie Vontobel», erläutert Museumsleiterin Petra Giezendanner die Idee. In der Ausstellung sind drei grossformatige Werke aus Stroh im Inneren des Strohmuseums zu sehen.

Die schweigenden Spaziergängerinnen und Spaziergänger im Video.

Verena Schmidtke

Vontobel habe von Anfang an den Wunsch gehabt, die Spazierkünstlerin in das Projekt einzubeziehen. Die Museumsleiterin führte lächelnd aus: «Im Winter war uns klar, dass man so eine Veranstaltung im Sommer draussen sicherlich gut durchführen könnte.»

So befasste sich Marie-Anne Lerjen, die sich seit langem mit der Kunst- und Kulturgeschichte von Gehen und Raum beschäftigt und Spaziergänge unter ganz unterschiedlichen Aspekten organisiert, eingehend mit der Thematik Stroh, Strohindustrie und dem Ort Wohlen. Schon bei der Begrüssung zum ersten Spaziergang hält sie fest:

«Stroh ist ein ganz spezielles Material, und was daraus hergestellt werden kann, ist unglaublich.»

Als Inspiration bei ihrem Vorhaben halfen die Musterbücher, die im Museum einsehbar sind. Lerjen erklärt: «Diese Musterbücher zeigen filigrane Bordüren. Die feinen Schlaufen habe ich als Vorbild für unseren Weg durch Wohlen gewählt.» Zum Spaziergang, der eineinviertel Stunden lang sein soll, sagt sie: «Dabei gehen wir kontinuierlich und reden nicht.» Eloise, die Tochter von Perta Giezendanner, werde unterwegs eine Spur aus Strohhalmen legen.

Immer wieder überraschen die Seitenstrassen

Flott startet die Gruppe vom Park des Strohmuseums aus zur ersten Schlaufe durch Wohlen – hintereinandergehend und schweigend. Zunächst führt der Weg Richtung Kirche. Kurz vor dem zentralen Wohler Bauwerk biegt Lerjen jedoch in eine Seitenstrasse ab, spaziert verschiedenen Gärten entlang und eine Treppe hinauf.

Die Zentralstrasse ist dann allen wieder bekannt. Auch das Einkaufszentrum Arena kennen die meisten. Eine weitere Schlaufe zeigt den Bahnhof, Baustellen und immer wieder überraschende Seitenstrassen mit Wohnanlagen, dazwischen Gärten und sogar einen Bauernhof.

Obwohl geplant war, kontinuierlich durch Wohlen zu gehen, fordert die Wärme, durch den Asphalt verstärkt, hin und wieder ihren Tribut. Ab und zu hält die Spaziergruppe inne, um im Schatten etwas zu trinken oder sich an einem Brunnen zu erfrischen.

Die letzte Schlaufe führt zum Strohmuseum zurück, wo die Spaziergänger unter einem Baum Platz nehmen und über ihre Eindrücke resümieren. Viele sprechen besonders den Wechsel zwischen städtischen Industriebauten und ländlichen Eindrücken an. «Durch die Schlaufen hatte man ganz andere Perspektiven», stellt eine Teilnehmerin fest. Das fehlende Zentrum mache den Ort ein wenig schwierig, merkt ein weiterer an. Künstlerin Marie Vontobel hingegen findet:

«Das Laufen und Entdecken war sehr spannend. Zum Thema Stroh passten Hitze und Sommer sehr gut. Ich tausche mich gerne aus, da war das Schweigen heute eine ganz besondere Erfahrung.»

Die nächsten Spaziergänge finden am 11. September (besonders auf Familien zugeschnitten), am 14. November und am 19. März 2022 statt.