Adventsgeschichten 2019
Von Schlitzohren unterm Weihnachtsbaum und versteckten Geschenken

Der 90-jährige Fritz Suter aus Merenschwand erinnert sich, wie seine beiden Brüder und er die Schöggeli vom Christbaum stibitzten.

Fabio Vonarburg
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Fritz Suter lacht viel und gerne.

Fritz Suter lacht viel und gerne.

Colin Frei

«Wir haben Weihnachten durchs Schlüsselloch erlebt», erinnert sich Fritz Suter und lacht sein herzliches Lachen, das ihm die unzähligen Lachfältchen eingetragen hat. Seine zwei Brüder und er waren Schlitzohren, oder, schöner ausgedrückt, sehr lebendige Jungen.

Aber ihre Mutter Helene wusste, wie sie mit ihren drei Rabauken umgehen musste. Suter erzählt: «Eine Woche lang war die Tür zur Stube zu. Durchs Schlüsselloch konnten wir den Baum und die Geschenke sehen und es kaum erwarten, hinein zu dürfen.»

Aber als es so weit war, waren die Buben regelmässig enttäuscht. «Wir erwarteten ein grosses Päckli, aber da war keines.» Wieder lacht der gebürtige Zürcher. «Mutter hatte es versteckt. Das war eine Freude, wenn sie es unter dem Sofa hervorholte.»

Der gelernte Schriftsetzer hatte in seinem Leben viele Führungspositionen inne. Neben der Leitung seiner Druckerei in Zürich war er als Fliegenfischer Präsident des Fischervereins Oberfreiamt-Sins und zehn Jahre im Stiftungsrat Reusstal, um zwei Beispiele zu nennen. All die Jahre lässt Fritz Suter Revue passieren, während er im Aufenthaltsraum des Alterszentrums St. Martin in Muri sitzt. Seine Augen, die noch problemlos die Zeitung lesen können, strahlen.

Es gab die Mutter- und die Vaterkirche

Dass Vater Fritz protestantisch war, Mutter Helene aber katholisch, war nie ein Problem in der Familie Suter. «Wir gingen oft in die Kirche. Mutter nahm zwei von uns Buben mit, Vater den dritten, das rotierte immer. Für uns gab es keine protestantische und katholische Kirche, sondern die Mutterkirche und die Vaterkirche», erzählt Suter lachend.

Weihnachten feierte die Familie einfach und schlicht. «Zu essen gab es Schinken, Speck, Bohnen und Salzkartoffeln.» Bei den Bohnen muss er lachen: «Dörrbohnen gab es nur, weil ich die so gerne hatte. Dabei mochte sie irgendwann niemand von uns mehr, aber weil sich die Mutter nur wegen mir solche Mühe machte, getraute ich mich nie, ihr das zu sagen.»

Nach dem Essen wurde gesungen und Versli aufgesagt. An die Kugeln und die Spitze des Weihnachtsbaums erinnert er sich nur vage. «Viel wichtiger waren die Schoggelädli, die wir stibitzen konnten.»

Dann durften die Buben Geschenke auspacken. «Meistens gab es Kleider oder Schuhe, aber auch mal ein Skigewand, Ski, eine Flöte für meinen Bruder oder ein kleines Xylophon. Wir wohnten im Scherbenviertel, wie man das Arbeiterviertel im Zürcher Kreis vier nannte, aber mein Vater war als Schriftsetzer wohl der Bestverdienende dort.»

Die Buben machten den Eltern kleine Geschenke. «Vor allem aber schrieben wir ihnen wunderbare Briefe, in denen wir beteuerten, was für liebe Eltern wir hatten.» Suter lacht schelmisch, denn diese Briefchen verfassten die drei Schlitzohren nie ganz ohne Hintergedanken.

«Als wir älter waren, gab es auch das eine oder andere Schnäpschen mit dem Vater, da sind wir immer lustiger geworden. Am Ende weinte die Mutter vor Erschöpfung. Da beschlossen mein Bruder und ich, nächstes Jahr die Organisation zu übernehmen. Aber wie es so ist, übers Jahr redete Mutter auf uns ein, bis wir wieder zu ihr kamen und alles wieder genau gleich ausging.»

Briefe an unbekannte Soldaten

Speziell war die Zeit während des Krieges: Jedes Schulkind in Suters Schule musste damals zwei unbekannten Soldaten einen Weihnachtsbrief schreiben. «Der eine hat sich nie gemeldet. Aber der zweite, ein Leutnant, war Lehrer in Wengen. Der hat sich so gefreut, dass er mich später zu sich nach Wengen einlud und mir dort das Skifahren zeigte.»

Dieser Lehrer gründete wegen Fritz Suter später auch die Pfadi in Wengen. Dass Suter
überhaupt in der Pfadi war, ist eine kleine Geschichte für sich: «Ich wollte immer tschutten, aber das erlaubte meine Mutter nicht. Mein Vater war ein guter Fussballer, aber immer, wenn sie gewonnen hatten, kam er abends erst spät nach Hause. Das wollte meine Mutter unseren künftigen Frauen nicht antun», erzählt Suter und lacht wieder herzlich.

1953 heiratete er seine Agi in Stockholm

Obwohl der 90-Jährige viel lacht, kann er auch ernst sein. «Ich bin zufrieden. Aber ich weiss, glücklich kann ich nicht mehr werden.» Er berichtet, dass seine liebe Frau Agathe, die er Agi nannte, vor sechs Jahren gestorben ist. «Sie war nicht meine Partnerin, sie war eine Hälfte von mir», beschreibt er.

Die zwei verbindet eine Geschichte, die schon schicksalhaft begann: «Ich kannte ja damals viele Meitli. Aber als einer meiner Brüder nach Hause kam und zu mir sagte, in dem Geschäft, zu dem ich am darauffolgenden Tag gehen müsse, sei eine Neue eingestellt worden, dachte ich: ‹Die hüroti.› Ich weiss bis heute nicht, wieso. Aber so war es.»

61 Jahre lang waren die beiden zusammen. Sogar, als er die Stelle eines früheren Arbeitskollegen in der königlichen Hofdruckerei in Stockholm übernehmen konnte, kam Agi mit. «An Ostern 1952 haben wir uns verlobt und an Ostern 1953 in Stockholm geheiratet.»

Zurück in der Schweiz baute das Paar eine Offset-Druckerei und ein Kopierzentrum in Zürich auf, das Agi leitete. «In der Mitte zwischen den Firmen war das Hotel Continental, da trafen wir uns oft zum Essen, wir hatten sogar unseren eigenen Tisch», erinnert sich Fritz Suter. Eigene Kinder hatten sie keine, dafür je vier Göttikinder. «Einer meiner Göttibuben wohnt in Argentinien, ein Göttimeitli in Australien.» Zu allen hat er noch Kontakt.

Mit so einer Frau ist jeden Tag Weihnachten

Weihnachten verbrachten Fritz und Agi Suter zu Hause. «Wir arbeiteten so viel, da gönnten wir uns einen Tag für uns.» Geschenke gab es keine: «Wenn wir etwas brauchten, kauften wir es uns und warteten nicht bis Weihnachten. Ausserdem: Wer eine solche Frau hat, hat jeden Tag Weihnachten.»

Das Essen sei fein gewesen, denn zu Weihnachten durfte er wünschen: «Es war ähnlich wie bei meiner Mutter, es gab auch Schinken, Salzkartoffeln und Bohnen, aber keine Dörrbohnen. Wir sassen zusammen und gingen spazieren. Wir liebten die Natur und wanderten oft und picknickten oberhalb von Ägeri.»

Heute wird Fritz Suter zu Weihnachten von Freunden eingeladen. Darauf freut er sich sehr, denn im Kopf ist Suter noch absolut klar, wie es leider nicht mehr oft vorkommt bei Leuten im Altersheim. Er könnte locker als 70-Jähriger durchgehen.

Er darf auch noch Auto fahren und besucht jeden Tag sein altes Haus in Merenschwand oder geht in die Beiz, um unter Leute zu kommen. Darum freut er sich auch an Weihnachten am meisten auf eines: «Viel wichtiger als alle Geschenke und selbst das Essen sind mir die Gespräche mit meinen Freunden.»

Die Geschichte von Herrn Huber und dem Geld

Fritz Suter hat zur Adventszeit eigens für die AZ Freiamt eine Geschichte geschrieben. Die soll den Lesern nicht vorenthalten werden.

Leise fallen die Flocken. Ein weisser Mantel deckt alles zu. Herr Huber schreitet festen Schrittes daher. In der Brieftasche liegen fein säuberlich gefaltet zehn blanke Hunderternötli. Der 13. Lohn für treue Mitarbeiter in einer grossen Handelsfirma.

«Haben Sie Erbarmen, lieber Herr, ich habe Hunger!» Leise und schüchtern – Schneeflocken schlucken die flehende Bitte. Eine alte Frau, zitternd, ohne Mantel, ein Halstuch über den Kopf geschlungen, tiefe Furchen im Gesicht, gezeichnet vom Leben.

Die Hand fällt unwillkürlich an die Stelle, wo die Brieftasche verborgen liegt. Eben noch zum Geben bereit, bleibt er stehen und stösst ungeduldig hervor: «Sie haben doch sicher einen Menschen, vielleicht Kinder, die Ihnen helfen müssen.» Sein Blick irrt in ein hell leuchtendes Schaufenster, bleibt dort bei einer Handtasche stehen. Er wagt nicht, in die Augen der alten Frau zu schauen.

«Kinder, Kinder …», stammelt die Frau. Herr Huber erhascht mit einem Seitenblick das plötzliche Aufleuchten der Mutteraugen. Aber wie das letzte Aufflackern einer Kerze, bevor sie endgültig niederbrennt, erlöschen sie wieder. Eine unheimliche Leere bleibt zurück. Stumm, den Kopf gesenkt, weicht sie einen Schritt zur Seite.

Herr Huber hastet schnell weiter. Nur Sekunden dauert diese kleine Begegnung. Aber im Innern ist alles durcheinander und aufgewühlt. Der Verstand hält Zwiesprache mit dem Herzen. Richtig hast du entschieden, triumphiert der Verstand. Du musst Geld hart genug verdienen. Wo kommen wir hin, wenn jedermann betteln geht? Aber das Herz lässt sich nicht unterjochen. Deutlich sieht es die frierende Frau vor sich, durch den Hunger zum Betteln getrieben. Heute ist doch Adventszeit!

An der nächsten Strassenkreuzung schalten die Ampeln auf Rot: «Fussgänger, warte!» Das kommt ihm nicht ungelegen, erleichtert den Rückzug. Jawohl – Rückzug. Er muss zurück, um Mensch zu sein. Die Ampeln wechseln auf Grün: «Fussgänger, gehe!»

Durch den fusshohen Schnee eilt er zurück. Keuchend geht sein Atem. Er sieht nur wenige Meter weit. Er erreicht den Platz und erkennt das Schaufenster mit den Handtaschen. Aber er ist allein. Allein mit seinem Geld.

Wo irrt die alte Frau umher? Er hat sie in dieses Grauen getrieben. Da – verschwommen taucht ein Umriss auf. Bang klopft sein Herz. Zwei junge Menschen huschen an ihm vorbei. Enttäuscht wendet er sich ab und blickt in das Schaufenster. Sein Bild starrt ihm entgegen: das Spiegelbild eines gleichgültigen Menschen.