Kolumne
Peter und die Chäswähe seines verstorbenen Grosis – eine (fast) wahre Geschichte von unserem Leser

Es ist zwar keine Weihnachtsgeschichte, aber dennoch so eine schöne Erzählung, die der Nesselnbacher Guido Hufschmid, Schwimmleiter des Behindertensportclubs Wohlen-Lenzburg, der AZ eingesandt hat, dass wir sie gerne veröffentlichen möchten. Und: Die Geschichte sei genau so passiert. Nur Peter heisst in Wahrheit nicht Peter.

Guido Hufschmid
Guido Hufschmid
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Peter sitzt mit finsterer Miene, nach vorne gebückt, auf dem Sprung-Böckli am Beckenrand des Hallenbads Mellingen. Er hat das Downsyndrom und ist körperlich und geistig beeinträchtigt. Peter, der normalerweise immer ein Lächeln auf den Lippen trägt, ist 32 Jahre alt und kommt neben anderen Sportlern seit zehn Jahren zu mir ins Schwimmtraining.

Die Begrüssung vor dem Trainingsbeginn ist ein wunderschönes Ritual, sehr herzlich, strahlende Gesichter, Händeschütteln, Umarmen. «Wie geht es? Wie geht es deiner Frau? Was machen wir heute?», fragt Peter normalerweise immer.

Der Umgang mit Menschen, die handicapiert sind, ist sehr bereichernd und öffnet den Zugang zu einer anderen Welt. Warmherzig, ehrlich, offen – sie sagen, was sie denken.

Nur sitzt Peter heute eben immer noch mit versteinerter Miene auf dem Böckli. «Peter, was ist los?», frage ich. «Lass mich in Ruhe», entgegnet er. Oh-oh, was hat er denn heute? Ich fühle mich von ihm beobachtet, als ich die Gerätschaften und Hilfsmittel für den Unterricht bereitstelle.

Also frage ich ihn nochmals: «Peter, hast du ein Problem?» Er gibt zurück: «Lass mich sein.» Und starrt weiterhin in sich gekehrt auf den Boden. Ich spüre, dass er mir etwas mitteilen möchte. In seinem Unterton fühle ich, da kommt etwas. Nach dem dritten Anlauf rückt er dann doch mit der Sprache heraus:

«Weisst du, es ist eben so, meine Grossmutter ist gestorben.»

Ich antworte ehrlich betroffen: «Oh, das tut mir leid, mein herzliches Beileid.» Er murmelt: «Ja, eben.» Also frage ich weiter: «Wie alt war dein Grosi?» Er weiss es nicht genau. «Alt», sagt er. Ich versuche, ihn zu trösten: «Weisst du Peter, deinem Grosi geht es sicher gut im Himmel. Und vielleicht hast du jetzt einen Schutzengel, der dich beobachtet und beschützt.»

Peter schaut mich ganz verdutzt an. «Weisst du, es ist eben so, dass meine Grossmutter gestorben ist, das ist halt so.» Dann schaut er mit feuchten Augen zur Hallendecke und ruft laut:

«Weisst du, Grossmutter, du hast immer so gute Chäswähe gemacht!»

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