4. Tag
Das Offline-Experiment: Da fehlt nur das Klingeln des Handys

Nach vier Tagen in den Wäldern des Oberfreiamts kehrt Eddy Schambron von seinem Offline-Abenteuer zurück. Aus einer tiefen Ruhe scheint die Geschäftigkeit in Beinwil fast absurd.

Eddy Schambron
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Nach einem regnerischen Beginn der Tour und Gewitter kommt am vierten Tag Ferienstimmung auf.

Nach einem regnerischen Beginn der Tour und Gewitter kommt am vierten Tag Ferienstimmung auf.

Eddy Schambron

Von wegen ruhiger Wald. Intensives Vogelgezwitscher holt mich aus dem Schlaf. Ich höre eine Weile zu und krieche aus meiner Hängematte, um den Kocher anzufeuern und einen Tee zu brauen. Die Motorsense, die schon bald einmal irgendwo loskreischt, weckt mich also nicht, aber erinnert mich daran, dass auch im «wilden Süden» der Wald nicht Wildnis ist, sondern in verschiedenster Hinsicht zum Teil intensiv genutzt wird. Das Geräusch erscheint wie aus einer anderen Welt, stört mich aber nicht.

Nach einer ruhigen Nacht am Sembach in der Gemeinde Auw baue ich meine Behausung wieder ab und mache mich auf den Weg Richtung Rüstenschwil. Es ist mir auch völlig gleichgültig, welche Uhrzeit es ist. Eine solche innere Ruhe, wie ich sie jetzt empfinde, spürte ich schon ewig nicht mehr.

Lastwagen um Lastwagen

In Rüstenschwil tanke ich am dortigen Brunnen noch einmal Wasser. Die Frau, die mich freundlich grüsst, hat die «falsche» Zeitung in der Hand. Aber auch die «Neue Luzerner Zeitung» ist ein gutes Blatt, und hier, im oberen Freiamt, ist vielen Menschen die Zentralschweiz in verschiedener Hinsicht näher als der Aargau.

Ständig online: 70 000 Schweizer sind internetsüchtig

Wir sind ständig online, haben mit dem Smartphone gar den Computer im Hosensack. Vor dem Frühstück schnell auf Facebook, während des Morgenkaffees die Mails checken, auf dem Weg zur Arbeit schnell über WhatsApp Freunde kontaktieren, sich vom Navigator den Weg zeigen lassen, gamen.

Fachleute gehen davon aus, dass zum Beispiel in Deutschland mehr als eine halbe Million Bürger internetsüchtig sind. In der Schweiz sollen es rund 70 000 Menschen sein.

Der durchschnittliche Nutzer verbringt täglich 50 Minuten bei Facebook, zehn Minuten mehr als noch 2014. Für Youtube wendet er täglich 17 Minuten auf. Der durchschnittliche Schweizer liest heute mehr als 30 Mails pro Tag. Woher diese Informationen stammen? Aus verschiedenen, seriösen Quellen und Studien – Google liefert sie alle in Bruchteilen einer Sekunde.

«Offline» leben ist schwierig und im beruflichen Umfeld praktisch undenkbar geworden.

Internetsucht äussert sich unter anderem darin, dass surfen, chatten oder gamen immer mehr Raum einnehmen und andere Lebensbereiche in den Hintergrund treten. Schule oder berufliche Probleme, Konflikte mit Angehörigen, Vernachlässigung sozialer Kontakte oder Schlafstörungen sind die Folgen. (es)

Ich wähle aus Bequemlichkeitsgründen – die Sonne wärmt schon tüchtig – den Weg über die Strasse, die als Zufahrt zu den Deponien Feld und Weid-Banacker in der Gemeinde Beinwil dient. Der Lastwagenfahrer schaltet sein schwer beladenes Gefährt vor einer Kuppe einen Gang zurück. Wenige Minuten später spüre ich in den eigenen Beinen, weshalb er es tut. Oder weshalb ich es jetzt auch tue. Auf diesem Weg gelange ich gleichsam ins pralle Leben zurück.

Lastwagen um Lastwagen fährt in die Aushubdeponie, wo der Trax das Erdreich gleichmässig verteilt. Am Strassenrand arbeiten schwere Maschinen an der Verlegung der Kantonsstrasse, der Verkehr nimmt zu, der Pöstler biegt rasant ins Kirchfeld ab, aus einem vorbeifahrenden Auto tönt laute Popmusik.

Zu dieser Geschäftigkeit, die auf mich jetzt fast ein wenig absurd wirkt, fehlt nur noch das Klingeln des Handys – aber das liegt glücklicherweise abgeschaltet zu Hause. Internet, Facebook oder Fernsehen sind schon in so weite Ferne gerückt, dass ich nicht einmal einen einzigen Gedanke daran verschwende.

Die letzte Suppe am Waldrand

Ich freue mich, nach Hause zu kommen. Ich könnte es in einer knappen Stunde schaffen. Aber es eilt seit gestern nichts mehr. Diese innere Ruhe, hoffe ich, lässt sich in den normalen Alltag hinein retten. Ich koche unterwegs nochmals eine Suppe am Waldrand und lasse die vier Tage im Geist vorbeiziehen.

Der erste Tag scheint mir weit, weit entfernt zu sein. Ich bin froh, dass ich die intensiven Gefühle am zweiten Tag zugelassen und ausgehalten und dem Gedanken, vielleicht frühzeitig aufzugeben, widerstanden habe.

Das Überleben ist möglich

Der dritte Tag bleibt mit seiner Nachdenklichkeit und dem wunderschönen Panorama in Sins in Erinnerung. Der vierte jetzt schenkt mir ebendiese tiefe Ruhe, die mich überrascht und beglückt. «Survival», das Überleben in der Natur im Oberfreiamt, ist also möglich, Digital Detox, der Entzug von Internet, Handy und Co., geht reibungslos vonstatten.

Aber da bleibt noch mehr. Gekostet hat mich dieser innere Frieden, abgesehen von der Ausrüstung, die ich schon hatte, und dem mitgenommenen Essen, keinen einzigen Rappen. Das Feuer geht aus, ich schlürfe die Suppe und blinzle in die Sonne. «Doch», denke ich mir, «das hat sich gelohnt».