Bezirksgericht Bremgarten
Internetbetrug: 46 Geschädigte soll der Beschuldigte um ihr Geld gebracht haben

Ein arbeitsloser 23-Jähriger finanzierte seine Drogen- und Spielsucht mit Betrügereien im Internet. Er verkaufte Artikel, die er gar nicht besass. Auf eine Lieferung warteten die Käufer vergebens.

Pascal Bruhin
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Der Beschuldigte hat «Kunden» im Internet abgezockt. (Symbolbild)

Der Beschuldigte hat «Kunden» im Internet abgezockt. (Symbolbild)

Fotalia

Lang war die Liste der Straf- und Zivilkläger im Prozess am Bezirksgericht Bremgarten diese Woche. 46 Opfer soll der 23-jährige Beschuldigte um ihr Geld gebracht haben.

Schwarze Jeans, schwarze Sneaker, grauer Pulli und adrette Brille. Er wirkte wie der Traum einer jeden Schwiegermutter vor Gericht. Doch der Eindruck, dass der Beschuldigte kein Wässerchen trüben könne, täuscht.

Gewerbsmässigen Betrug, unbefugtes Eindringen in ein Datenverarbeitungssystem sowie die Fälschung von Ausweisen warf dem Angeklagten die Oberstaatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vor. Sie forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten.

Er verkaufte im Internet Gegenstände, die er gar nicht besass

Von März 2019 bis Februar 2020 soll der Beschuldigte 46 Betrüge mit einem Gesamtdeliktsbetrag von 6340 Franken begangen haben. Dabei soll er auf diversen Verkaufsplattformen im Internet unter Verwendung verschiedener Namen Gegenstände wie etwa ein iPhone 8 oder Autobahnvignetten zum Verkauf angeboten haben.

Den Interessenten machte er vor, den Artikel nach Überweisung des Kaufbetrags per Vorkasse liefern zu wollen. In Tat und Wahrheit besass der Beschuldigte jedoch keinen der angebotenen Artikel. Auf eine Lieferung warteten die geprellten Kunden entsprechend vergebens.

45 der 46 Betrüge gab der Beschuldigte bereits in seiner Ersteinvernahme durch die Polizei zu. Einen bestritt er auch vor Gericht vehement. Mit dem betrogenen Geld soll der Arbeitslose laut Anklageschrift seinen Lebensunterhalt sowie seine Spielsucht finanziert haben.

Doch das ist nicht alles, wie sich in der Befragung durch Gerichtspräsident Lukas Trost herausstellte. «Es ist ein Teufelskreis», meinte der Beschuldigte. Und erklärte weiter:

«Immer wenn ich Drogen nehme, will ich spielen. Und darum habe ich Schulden.»

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, fing er mit den Betrügereien an

Amphetamine begleiten den jungen Mann offenbar schon seit geraumer Zeit. Falsche Freunde hätten den gelernten Fachmann für Betriebsunterhalt in die Drogenszene und letztlich in die Spielsucht geführt. Der Beschuldigte hat zwei Vorstrafen, sass 2019 schon einmal für sieben Monate im Bezirksgefängnis Lenzburg.

Kaum entlassen, fing er Anfang 2020 mit seinen Internet-Betrügereien an. «Strafen gibt es in der Hoffnung, dass diese helfen, danach legal unterwegs zu sein», meinte Gerichtspräsident Trost zum Beschuldigten. «An Ihnen ist das offenbar komplett spurlos vorbeigegangen. Nach den sieben Monaten Ruhe tschädderete es dann erst richtig.»

Auch dafür machte der Beschuldigte seine Drogensucht verantwortlich: «Ich habe ab Tag eins in Freiheit wieder Drogen konsumiert.»

«Meine Motivation, mein Leben zu ändern, war noch nie so gross»

Mittlerweile will der Beschuldigte weg von den Drogen und der Spielsucht sein. Seit einem Monat. «Es ist jetzt eine andere Lage. Meine Motivation, mein Leben zu ändern, war noch nie so gross.» Er habe den Kontakt zu seinen falschen Freunden abgebrochen, seinen Wohnort gewechselt und wolle sich nach der Coronapandemie einer Suchttherapie unterziehen.

«Geben Sie ihm die Chance, sich in Freiheit bewähren zu können», meinte Strafverteidiger Alexander Prechtl denn auch in seinem Plädoyer. Er beantragte dem Gericht eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten für die 45 gestandenen Betrüge.

Vom einen bestrittenen Betrug sei sein Mandant mangels Beweisen freizusprechen. Sämtliche berechtigte Schadenersatzforderungen der Zivilkläger würde sein Mandant anerkennen. Der Beschuldigte selbst zeigte sich in seinem letzten Wort reuig:

«Ich bereue die Taten sehr. Es wird nicht mehr vorkommen. Sobald ich in der finanziellen Lage bin, bin ich gerne bereit, das Geld zurückzubezahlen.»

Strafe fällt drei Monate höher aus, wird aber bedingt ausgesprochen

«Es gäbe gute Gründe zu sagen, sie hatten genug Chancen», meinte Gerichtspräsident Trost dann in seiner Urteilsbegründung. «Aber ich will die Hoffnung in Sie nicht aufgeben.»

Er verurteilte den Beschuldigten zwar zu einer höheren Freiheitsstrafe von elf Monaten, sprach diese aber bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren aus. Zusätzlich auferlegte er dem Beschuldigten eine Busse von 1500 Franken.

Mit diesem Urteil sei der Beschuldigte glimpflich davongekommen. Gerichtspräsident Trost mahnte aber gleichzeitig mit Blick auf die beiden Vorstrafen:

«Es ist Ihre dritte Chance. Und ich glaube nicht, dass Sie eine vierte bekommen werden.»

Weitere Strafverfahren gegen den Beschuldigten wegen Betrugs und Geldwäscherei sind in den Kantonen Zürich und Waadt hängig.