Arni
Angst vor tödlichem Unfall: Schüler dürfen nicht mehr Papier sammeln

Weil sich die Schule von Arni vor einem Unfall beim Papiersammeln fürchtet, hat sie dieses Engagement beendet. Und auch, weil sie ihren Lehrkräften das rechtliche Risiko nicht zumuten möchte.

Fabio Vonarburg
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Kinder beim Papiersammeln: In Arni gehört die Tradition der Vergangenheit an. (Archiv)

Kinder beim Papiersammeln: In Arni gehört die Tradition der Vergangenheit an. (Archiv)

Pascal Meier

Pädagogisch wertvoll, sagen die einen, viel zu gefährlich, meinen die andern. Rund um das Sammeln von Altpapier hat sich in den letzten Jahren eine Kontroverse entwickelt. Spätestens seit dem tödlichen Unfall eines 13-jährigen Luzerners vor acht Jahren, fragen sich immer mehr Schulen: Behalten wir unsere Schüler im sicheren Klassenzimmer, als sie weiterhin mit dem Leiterwägeli durchs Dorf ziehen zu lassen?

Die Schule Arni hat sich für den sicheren Weg entschieden. Seit diesem Schuljahr wird das Altpapier im Dorf durch die Firma Hürlimann Transport AG abgeholt und nicht mehr durch die Schüler. «Wir hatten zwei Möglichkeiten», sagt Stefan Schmid, Präsident der Schulpflege Arni, «weitermachen, wie bisher und hoffen, dass auch in Zukunft nichts passiert oder wir führen die Papiersammlung nicht mehr durch».

Bisher gab es in Arni nur einen Zwischenfall. Ein Bub fiel von einem Container, blieb aber unverletzt. Nebst der Befürchtung, dass der nächste Unfall nicht so glimpflich ausgeht, möchte die Schule auch ihre Lehrer schützen – vor dem rechtlichen Nachspiel. «Die Papiersammlung war eine gute Sache und auch nicht bestritten», sagt Schmid. Aber als Arbeitgeber müssen wir letztlich sagen, dass wir das rechtliche Risiko unseren Lehrkräften nicht zumuten möchten.» Der Schulpflegepräsident beobachtet einen Wertewandel in der Gesellschaft: «Wenn etwas passiert, braucht es heutzutage immer einen Schuldigen.»

Jurist warnt vor Konsequenzen

Ein Artikel in der Zeitschrift des Schweizerischen Lehrerverbandes widmete sich vor einiger Zeit den juristischen Konsequenzen, die ein Unfall nach sich ziehen könnte. Jurist Peter Hofmann warnte darin nicht nur die Lehrer, sondern auch die verantwortlichen Schulen und Gemeinden: «Oft scheint diesen Behörden nicht bewusst zu sein, dass ihnen seitens der Gerichte und Versicherungen bei einem Unfall Eventualvorsatz vorgeworfen werden könnte.» Sprich der Vorwurf, den Unfall bewusst in Kauf genommen zu haben.

«Wir haben heute die Mentalität, alles abzusichern bis zum Abwinken», sagt Heinz Pfister. Der Gemeindeammann von Arni bedauert den Entscheid der Schule. Er gewichtet den pädagogischen Wert höher als das Risiko. «Die heutigen Kinder werden in Watte gepackt, bis sie in die Schule kommen», sagt er. «Zumindest hier sollten sie den richtigen Umgang mit Gefahren lernen.» Die Papiersammlung ist aus seiner Sicht eine gute Gelegenheit dazu.

Wichtig ist die gute Planung

Im Freiamt halten noch einige Schulen am Papiersammeln fest. In Waltenschwil beispielsweise werden die Papierbündel drei Mal im Jahr durch die vierte und fünfte Primarklasse abgeholt (siehe Kasten). Unverantwortlich? Nicht bei angemessener Planung und bei einer korrekten Durchführung, meint die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Würden diese Voraussetzungen eingehalten, unterstütze die bfu grundsätzlich Schulbehörden und Jugendorganisationen. Denn: «Papiersammlungen tragen zur Bewegungsförderung der Kinder und Jugendlichen bei. Zudem erhalten diese Einblick ins Papier-Recycling.»

In Arni ist die Tradition zu Ende. Letze Woche wurde das Altpapier erstmals nicht durch Schüler abgeholt. Die Gemeinde versuchte, die Aufgabe an einen Verein weiterzugeben. Dieser hätte den erwirtschafteten Betrag behalten können. Auf Interesse stiess Pfister aber nirgends, obwohl er auch Vereine ausserhalb von Arni anfragte. «Scheinbar hat niemand Lust, etwas dazuzuverdienen.» Um Geld zu sparen, ging es der Gemeinde dabei nicht, betont Pfister. Alles in allem komme man jetzt sogar günstiger. «Wenn niemand will, lassen wir das Altpapier halt von einem professionellen Unternehmen entsorgen.»

Schule Waltenschwil: Immer weniger Papierbündel am Strassenrand

Papiersammeln ist auch an der Schule in Waltenschwil bestritten. Doch nicht aus Sicherheits- und Haftungsgründen, wie in Arni, sondern schlicht aus Papiermangel. «Es hat immer weniger Papierbündel am Strassenrand, da kann man sich fragen, ob es noch Sinn macht», sagt Edith Frey, Schulleiterin Waltenschwil. Die Schule nahm bereits Kürzungen vor: von vier auf drei Container, von vier auf drei Sammeltermine im Jahr. «Trotzdem werden die Container nicht voll.» Grund: Die Dorfbewohner entsorgen das Papier lieber selber, als es zu lagern, bis die Schüler vorbei-kommen. «Das verstehe ich auch», sagt Edith Frey. Es sorge aber für enttäuschte Gesichter bei den Kindern. «Die Schüler sammeln gerne Papier. Es ist für sie dann frustrierend, wenn es dann nur wenig hat.» Das verdiente Geld nutzt die Schule für die Umwelttage, bei denen die Kinder den richtigen Umgang mit dem Abfall lernen. Der Wegfall des Papiersammeln wäre aus pädagogischer Sicht zu verschmerzen, sagt die Schulleiterin. «Wichtig sind die Umwelttage und die würden wir sowieso weiterführen.» (fvo)