Beschneidung

Eltern suchen per Telefon eine Ärztin für die Beschneidung der Tochter

Protest gegen Mädchen-Beschneidung (Archiv)

Protest gegen Mädchen-Beschneidung (Symbolbild)

Protest gegen Mädchen-Beschneidung (Archiv)

Das Lenzburger Bezirksgericht verurteilte heute ein Ehepaar zu bedingten Geldstrafen. Ein Iraker hatte eine Ärztin angerufen und sie gefragt, ob sie seine Stieftochter beschneiden würde. Seine Frau hatte später behauptet, sie habe den Anruf getätigt.

Im Juni 2007 erhielt eine islamische Ärztin auf ihr Privathandy einen Anruf eines ihr unbekannten Mannes. Dieser fragte sie ohne seinen Namen zu nennen, ob sie Ärztin sei. Als sie bejahte, fragte der Mann, der Hochdeutsch mit ausländischem Akzent sprach, ob sie eine Beschneidung an seiner 11-jährigen Stieftochter vornehmen würde. Die Ärztin verneinte und legte schockiert auf.

So lautet die Anklageschrift, die einen 36-jährigen Iraker und seine Frau schwer belastet. Denn die Ehefrau wurde angeklagt, sie hätte die Justiz in die Irre führen wollen, da sie angab, sie hätte die Ärztin selber angerufen. Gestern standen der Iraker und seine 53-jährige Ehefrau vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Generelle Informationen gesucht

Vor dem Bezirksgericht dementierte das Ehepaar, das seit sechs Jahren verheiratet ist, es hätte jemals die Absicht gehabt, die Tochter beschneiden zu lassen. Die Mutter sagte aus, sie hätte die Ärztin zwar angerufen, aber nur weil sie sich ganz generell über die Möglichkeiten von Beschneidungen bei Mädchen informieren wollte.

Die aus Deutschland stammende Frau war vor über 20 Jahren zum islamischen Glauben konvertiert und unterrichtete ehrenamtlich ihre eigenen Kinder und einige andere in der Religionsstunde zum Thema Islam. Zudem machte die gläubige Muslima geltend, sie habe zu jener Zeit unter einer viruellen Lebererkrankung gelitten und habe eine Chemotherapie über sich ergehen lassen müssen.

Diese hätte mithilfe der eingenommenen Medikamente für eine tiefere Stimme gesorgt. «Da ich von Natur aus bereits eine tiefe Stimme besitze, wurde sie dann als eine männliche Stimme empfunden», so die Mutter vor Gericht.

Der Vater war nicht da

Der Stiefvater wollte an besagtem Abend gar nicht zu Hause gewesen sein. Er habe zwei der Kinder nach Zürich ins Karatetraining gefahren und habe da bis zum Ende gewartet, sagte er aus. Das unertützten vor Gericht zwei Karatelehrer. Sie hatten zwei Monate nach besagtem Datum eine Bestätigung unterschrieben, die aussagte, dass der Iraker mit seinen Kindern da war.

Das konnte das Gericht aber nicht überzeugen, da pro Training zum Teil bis zu 40 Kinder plus einige Eltern anwesend seien, wie die Karatelehrer selber bezeugten. Insgesamt traten vor dem Bezirksgericht acht Zeugen auf, wovon sechs die Angeklagten entlasteten.

Drei Jahre bis zum Strafbefehl

Die Aussagen der Ärztin und ihres Mannes, der während des Telefonats neben ihr gesessen hatte, war für das Gerichtsgremium glaubhafter. Die Ärztin hatte nach dem Gespräch die Polizei verständigt. Über Umwege kam der leibliche Vater des 11-jährigen Mädchens zu den gleichen Informationen und machte eine Anzeige.

Nachdem es über drei Jahre dauerte, bis die Angeklagten Ende 2010 den Strafbefehl zugestellt bekamen, legten sie Einspruch ein, sodass es gestern zur Verhandlung kam.

Das Bezirksgericht war sich jedoch nicht zu hundert Prozent einig und konnte keinen einstimmigen Entscheid fällen. Nichtsdestotrotz verurteilten sie den Stiefvater zu einer bedingten Geldstrafe von 13 500 und einer Busse von 400 Franken. Die Mutter muss 200 Franken Busse bezahlen und bekam eine bedingte Geldstrafe von 400 Franken auferlegt. Die Probezeit beträgt zwei Jahre.

Das Gericht kam zum Schluss, dass die Ärztin und ihr Mann als Zeugen keinen Grund gehabt hätten, eine Falschaussage zu machen. Zudem habe die Ärztin nochmals bestätigt, dass die Stimme am Telefon von einem Mann mit türkischem Akzent kam. Der Verteidiger, der laut eigener Aussage schockiert und entsetzt war, kündigte noch im Gerichtssaal Berufung an.

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