Windisch
Dieser 87-jährige Schlosser hat mit seinem Bild das Ende des Lebenswegs stets vor Augen

In seiner neuen Alterswohnung hat der ehemalige Brugger Stadtführer Hans Käch ein Bild fertiggestellt, das jahrelang einfach herumstand. Jetzt erzählt er, was das mit der Coronakrise zu tun hat, warum er als Fünftklässler viel Glück hatte und was ihm im letzten Lebensabschnitt noch wichtig ist.

Claudia Meier
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Hans Käch präsentiert das von ihm fertiggestellte Bild, das er «Corona» getauft hat.

Hans Käch präsentiert das von ihm fertiggestellte Bild, das er «Corona» getauft hat.

Bild: Claudia Meier
(30. April 2021)

Corona hat der Welt in den vergangenen Monaten seinen Stempel aufgedrückt. Alle waren in irgendeiner Form mit dem Virus selbst oder mit den Massnahmen rund um die weltweit grassierende Pandemie konfrontiert. So auch Hans Käch-Schmid. Im ersten Lockdown, am 23. April 2020, feierten er und seine Ehefrau Martha die Diamantene Hochzeit. Doch an ein Fest, um den 60. Hochzeitstag würdig zu feiern, war nicht zu denken. Ein solches wurde im Sommer im kleinsten Rahmen nachgeholt.

Jetzt sitzt der 87-jährige Hans Käch am Tisch in seiner Alterswohnung in der Residenz zur Linde. Der Umzug mit seiner Ehefrau vom langjährigen Zuhause in der Wohnbaugenossenschaft für Bundesangestellte in Brugg nach Windisch hat beim gelernten Schlosser, der mehr als 40 Jahre im Zeughaus arbeitete, Spuren hinterlassen. Sein Leben ist in knapp einem Dutzend Ordnern feinsäuberlich zusammengefasst mit Anekdoten, Zeichnungen, Fotos, Zeitungsartikeln und Inhaltsverzeichnissen. Platz für die Fortsetzung ist in bereitgestellten Ordnern vorhanden.

Da Martha Käch nach einer Knieoperation im Pflegeheim Sanavita ein Zimmer bezogen hat, bleibt dem Hobbyhistoriker nun viel Zeit, um über die Vergangenheit nachzudenken und wieder zu malen – so wie früher. Dabei hatte er sich sehr darauf gefreut, in Windisch auch neue Kontakte zu knüpfen, was zu seinem Bedauern durch die Coronapandemie praktisch verunmöglicht wurde.

Nur mit Glück wird der Mensch nicht abgestempelt

Kein Wunder hat Hans Käch ein Bild, das er im vergangenen Herbst mit Acrylfarbe fertiggestellt hat, «Corona» getauft. Das Bild zeigt einen angefressenen Schuh, eine Taube, eine Sackgasse, Treppen, Schachfelder, Landschaft mit einer grünen Palme und eben einem Stempel.

Das Werk von Hans Käch mit Stempel, Taube, Monument, Palme, der Blick zurück vom Ende der Sackgasse her und ein angefressener Schuh.

Das Werk von Hans Käch mit Stempel, Taube, Monument, Palme, der Blick zurück vom Ende der Sackgasse her und ein angefressener Schuh.

Bild: Claudia Meier
(30. April 2021)

Genau genommen handelt es sich dabei um eine über 35-jährige Vorlage von Hans Kächs älterem Sohn. Dieser hatte das Bild am Ende seiner Gymnasiumszeit, 1983, gemalt. Er solle das Bild zersägen und wegwerfen, sagte der Sohn seinem Vater, als der Umzug nach Windisch anstand. Für Hans Käch kam das nicht in Frage. Er stellte das Bild in den neuen Keller.

Und als es mit der zweiten Coronawelle losging, schaute sich Hans Käch das Bild genauer an und beschloss, es zu vervollständigen mit Farbe, Landschaft und verschiedenen Details. Hans Käch zeigt auf die Figur am Ende der Strasse und erklärt:

«Ich habe den Menschen nur ganz klein auf unserem Weg durchs Leben dargestellt.»

Auf dem Lebensweg möchte der Mensch vor allem die Schönheit der Welt erfahren. Aber schön könne es nur sein, wenn uns die Friedenstaube beschütze und wir Ferienfreude erleben. Der «Chäfer», das Coronavirus, nage bereits an unserem Schuh und warte auf uns. Nur mit Glück werde man noch nicht abgestempelt. Da Hans Käch am Schluss seiner Malarbeit die schwarze Farbe fehlte, schnitt er das fettgedruckte Wort «Corona» einfach aus einer Zeitung aus und klebte es auf das Bild.

Als Fünftklässler verlor er beinahe den rechten Fuss

Viel Glück hatte Hans Käch schon als Fünftklässler im Frühling 1945, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Bei der Arbeit auf dem Bauernhof seines Vaters in Nebikon – die Mutter war eine Woche nach der Geburt von Hans gestorben – verletzte er sich am rechten Fuss mit einem Rechen. Zwölf Wochen lag der Schüler im Spital Sursee und es schien, als sei der Fuss aufgrund der schlimmen Knochenmarkinfektion nicht mehr zu retten.

Dank der Vermittlung eines amerikanischen Majors kam als letzter Versuch die damals noch nicht verbreitete Penicillin-Spritze zum Einsatz. Damit ging es rasant aufwärts und der Schüler konnte das Spital zwei Wochen später bereits verlassen. Hans Käch sagt:

«Für mich ist klar, dass man etwas wagen muss, um eine ausweglos scheinende Situation zu verbessern.»

Deshalb habe er Anfang dieses Jahres auch nicht gezögert, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Auch seine Frau Martha ist gegen Covid-19 geimpft.

Der frühere Brugger Stadtführer und ehrenamtliche Hauswart des Salzhauses fühlt sich in der neuen Wohnung mit Balkon wohl. Grosse Schlüssel und kunstvolle Uhren – Marke Eigenbau – zeugen von seinem handwerklichen Geschick. Während seiner Schlosserlehre besuchte Hans Käch einen halben Tag pro Woche die Kunstgewerbeschule.

Zur Malerei und zum Uhrensammeln kam der sympathische Geschichtenerzähler, als er ein Jahr als Betriebsmechaniker in der Klinik Hirslanden in Zürich arbeitete und mit einem Künstler befreundet war. «Die Arbeit in der Stadt gefiel mir zwar nicht, aber Künstler Röbi animierte mich, mit den Farben zu experimentieren, was mir viel Freude bereitete», erzählt er.

Er sehnt sich nach unbeschwerten Ausflügen

Derzeit fertigt Hans Käch Collagen an, in dem er Fotos oder Postkarten als Ausgangspunkte für seine Arbeiten nimmt und diese mit Pinsel und Farben ergänzt. Seine Fotos sind in 67 Alben und auf drei iPads abgelegt. So kann Hans Käch in seine eigene Welt eintauchen und darauf hoffen, dass das Coronavirus bald auch wieder unbeschwerte Ausflüge erlaubt.

Mit den beiden Söhnen, den vier Enkelkindern sowie seiner Schwester, die im Kloster lebt, und den sieben Stiefgeschwistern pflegt er gute Kontakte. Und mit seiner drei Jahre jüngeren Ehefrau Martha, die er in Uesslingen TG kennengelernt hatte und mit der er schon so lange glücklich verheiratet ist, möchte Hans Käch den letzten Lebensabschnitt noch etwas geniessen.

Auf dem Rollator hat er für den Besuch im Pflegeheim nebenan die Zeitungslektüre für das Paar bereitgelegt. Hans Käch ist sich bewusst und manchmal stimmt es ihn auch traurig, dass irgendwann das Ende des Lebenswegs erreicht ist. So wie er es auf dem Bild «Corona» in der farbigen Landschaft festgehalten hat.

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