Windisch
Jesus ist in dieser Aufführung eine Frau

Die Kirchenchöre der reformierten und katholischen Kirche Windisch präsentieren die «Toggenburger Passion» von Komponist Peter Roth zum vierten Mal. Für Dirigentin Veronika Kühnis ist es nach 25 Jahren im Amt der letzte grosse Auftritt.

Ursula Burgherr
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Einblick in die Proben der beiden Windischer Kirchenchöre
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Viel Herzblut: Veronika Kühnis leitet die beiden Windischer Kirchenchöre seit 25 Jahren.
Konzentriert proben die Mitglieder der Windischer Kirchenchöre die "Toggenburger Passion".
Bereits zum vierten Mal führen die beiden Kirchenchöre die "Toggenburger Passion" auf.
Mitglieder des katholischen und reformierten Kirchenchors Windisch feilen an ihrer diesjährigen Karfreitags-Performance der "Toggenburger Passion".
Die "Toggenburger Passion" wird am Palmsonntag in Dottikon und am Karfreitag in Windisch aufgeführt.

Einblick in die Proben der beiden Windischer Kirchenchöre

Ursula Burgherr

«Ewäg mit däm» und «As Chrüz mit däm» singen die Mitglieder des katholischen und reformierten Kirchenchors Windisch und lassen ihre Stimmen so energisch durch den Saal im katholischen Pfarreizentrum schallen, dass es einen fast friert. «Nochmals von vorne», bittet Dirigentin Veronika Kühnis. Sie gestikuliert temperamentvoll und feilt mit Intensität und Hingabe an der Präzision der Vorträge. Die rund 55 Sängerinnen und Sänger sind hoch konzentriert.

Bereits zum vierten Mal bringen die beiden Chöre mit dem Orchesterverein Dottikon die für viele Ohren ungewohnte «Toggenburger Passion» von Peter Roth zu Gehör. Die bisherigen Auftritte waren ein Riesenerfolg. Die Erwartungen sind entsprechend hochgesteckt. Den Part von Jesus, in der «Toggenburger Passion» extra für eine Frau geschrieben, übernimmt bei den diesjährigen Auftritten vom 20. und 25. März 2016 in der katholischen Kirche Dottikon und in der reformierten Kirche Windisch Sopranistin Judith Imhof. Bassbariton Pascal Ganz ist vor allem als Pilatus zu hören. Eingängige klassische Melodien werden in der «Toggenburger Passion» mit Hackbrettklängen bereichert.

Für die Leute vom Land
Roth wollte das biblische Geschehen für die Leute vom Land in Musik umsetzen. Zwar raffiniert, aber doch ganz ohne grosses Brimborium. «Gerade weil das Werk so einfach und direkt ist, trifft es mitten ins Herz», meint Kühnis. Hühnerhaut erzeugen die Choräle, Rezitative und Arien auch wegen der auf Leinwand ausgestrahlten Malereien von Willy Fries. Der 1980 verstorbene Künstler verband in seinem Bilderzyklus das Leiden Christi mit den Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg und stellte die Passionsgeschichte mitten in die Landschaft des Toggenburgs.

Eine weitere Besonderheit des Meisterwerks: Es endet nicht – wie andere Passionsoratorien – mit der Kreuzigung von Christus, sondern mit seiner Auferstehung: «Händ doch kei Angscht, er isch uferschtande», wird am Schluss jubiliert, und diese Fröhlichkeit überträgt sich auch aufs Publikum.

«Das Leben wird endlich»
Letztes Jahr beging der katholische Kirchenchor sein 50-Jahre-Jubiläum, nächstes Jahr kann der reformierte Kirchenchor unter Christof Metz seinen 90. Geburtstag feiern. In welcher Form, ist zurzeit noch nicht bekannt. Eines aber ist sicher: Veronika Kühnis gibt nach 25 Jahren per Ende Juni 2016 ihren Dirigentenstab ab. Die Aufführung der «Toggenburger Passion» wird ihr letzter grosser, öffentlicher Auftritt sein. «Wenn man in die Jahre kommt, wird das Leben plötzlich endlich. Ich bin 66 und will etwas kürzertreten, beispielsweise mal ein ruhiges Weihnachts- und Osterfest ohne Engagements geniessen», sagt die Kirchenmusikerin und fügt hinzu: «Zudem möchte ich den Chor in neue Hände übergeben, solange er noch gut im Schuss ist wie jetzt.»

Nun wird eine 48-Prozent-Stelle für einen neuen Dirigenten des katholischen Kirchenchors Windisch ausgeschrieben. «Ich hoffe auf eine gute, junge Kraft, die frischen Schwung bringt», lacht Kühnis. Gleichzeitig gesteht sie, dass ihr der Abschied schon etwas schwerfällt. Sie drückt es in den Worten des französischen Poeten Edmond Haraucourt aus: «Partir c’est mourir un peu». Für den Chor sei ihre Kündigung im ersten Moment ein Schock gewesen. «Man hat sich über ein Vierteljahrhundert schon sehr aneinander gewöhnt und Streit gabs kein einziges Mal», erwähnt Kühnis, die der katholischen Kirche Windisch als Organistin weiterhin erhalten bleiben wird.

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