Pizza-Tour
Ist die Südtirolfrage gelöst?

In meiner Jugendzeit – das ist lange her – sprengten die Autonomisten im Südtirol noch Strommasten. Seither scheint es um die Südtirolfrage ruhig geworden zu sein. Wir versuchten der Frage bei unserer Fahrt der Etsch entlang nachzugehen. Schwierig.

Martin Gysi
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ArchitekturTrento

ArchitekturTrento

Martin Gysi

Letzten Herbst sah ich an einem Laternenpfahl in Salzburg einen Kleber mit der Aufschrift „Südtirol ist nicht Italien". Hoppla, hab ich gedacht, ist das Südtirolproblem noch immer nicht «gegessen»? Ich habe mir vorgenommen, der Sache bei unserer Fahrt durch das Alto Adige auf den Grund zu gehen. Offensichtlich spricht man der Etsch entlang nicht gern über dieses Thema. Zudem fuhren wir offenbar zu schnell, um eine einigermassen repräsentative Umfrage machen zu können, denn mittlerweile sind wir bereits in Trento, und damit auf der italienischen Seite der Sprachgrenze.

Süditalien an Amerika verkaufen?

Gewisse Dinge spürt man. Auch wenn sie nicht ausgesprochen werden. Vor kurzem machte offenbar ein Abgeordneter der Lega Nord den seltsamen Vorschlag, Süditalien den Amerikanern zu verkaufen. Europaweit wohl eine Meldung für die Spalte «Neues aus Absurdistan». In der Regionalzeitung «Dolomiten» schaffte es die Meldung auf die Frontseite. Offenbar kennt man des Volkes Seele auf jener Redaktion.

Oder ist das doch nur eine Überinterpretation? Ein junger Kellner in Burgstall (zwischen Meran und Bozen) erklärte uns, dass er in die Schweiz emigrieren und dort Arbeit suchen wolle, da die Menschen dort viel netter seien! Wirklich? «Ja, hier misstraut man sich gegenseitig ständig, das mag ich nicht mehr.» Ich hake nach. Gibt es denn immer noch Ressentiments zwischen der deutsch- und der italienischsprachigen Bevölkerung? Ohne dass ich ihn auf den Salzburgkleber angesprochen hätte, zitiert er ihn und ergänzt ihn gleichzeitig: «Südtirol ist nicht Italien, aber es gehört zu Italien!» Mehr gibt's dazu wohl nicht zu sagen.

Die Architektur erzählt
Gewisse Entwicklungen kann die Architektur offenbar eher besser erzählen, als der menschliche Zeitgenosse. Wenn man die Fahrt von Meran über Bozen nach Trento aus diesem Blickwinkel betrachtet, bleibt der Kulturwandel nicht verborgen: Von der Engadin-Tirol-geprägten Stein-Holz-Architektur des oberen Etschtals über den Meraner Belle Epoque-Bäderstil bis zur durchaus attraktiven Mischung aus alpin geprägten Holzbauelementen und verspielter Verona-Kunstschmiede-Balkonkultur in Trento.

Der Weg dazwischen - heute von Bozen nach Trento - war nur zum Teil «velofahrerherzerfrischend»: Kühl (14 bis 17 Grad), streckenweise langweilig, und dazu ab Mittag mit böiger Velofahrerplage gesegnet: Gegenwind. Aber Trento erweist sich als absolut attraktiver Etappenhalt: 68 km, 115 Hm.

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