Windisch
Die Kirchenpflege löst das Turmkugel-Rätsel auf

Die Tradition, die Kugel des Kirchturmspitzes mit Dokumenten zu füllen, ist verbreitet. Was wohl in jenem von Windisch zum Vorschein gekommen ist? Und nach dem Öffnen stellt sich nun die Frage: Welche Dokumente aus unserer Zeit sollen da rein?

Manuel Hediger
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Barbara Stüssi, Präsidentin der reformierten Kirchenpflege Windisch, öffnet gemeinsam mit Andreas Lampart die kupferne Kugel.

Barbara Stüssi, Präsidentin der reformierten Kirchenpflege Windisch, öffnet gemeinsam mit Andreas Lampart die kupferne Kugel.

Manuel Hediger

Kaum ein Ort ist für die Aufbewahrung historisch bedeutsamer Gegenstände besser geeignet als die Spitze eines Kirchturms. Die Tradition, ihn bei jeder Schliessung mit Dokumenten zu füllen, ist verbreitet. Nachdem diese Woche der Kirchturm der reformierten Kirche Windisch eingerüstet, der Bär weggeflogen (die az berichtete) und das Turmuhrzifferblatt zur Sanierung entfernt wurde, stand im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst mit der Turmkugelöffnung das vierte wichtige Ereignis im Zusammenhang mit der Turmsanierung auf dem Programm: Was wollten Sympathisanten der Kirchgemeinde vor 67 Jahren ihren Nachkommen an Historischem auf den Weg geben? Das Rätsel wurde von der Kirchenpflege-Präsidentin Barbara Stüssi-Lauterburg unter Mithilfe von Andreas Lampart von der Muff Kirchturmtechnik AG gelöst.

Rationierungsmarken gefunden

Nachdem die Turmspitze in seine Einzelteile zerlegt wurde, zog Stüssi-Lauterburg zwei zugeschweisste zylinderförmige Behälter sowie Überreste von längst vermoderten und unlesbaren Dokumenten aus der kupfernen Kugel. Die Behälter waren randvoll gefüllt mit Dokumenten, die in den letzten drei Kirchturmreparaturen 1890, 1920 und 1949 eingefüllt wurden.

Darunter zu finden sind Jahresberichte von Institutionen, Statuten von Vereinen, Berichte zu den Restaurationsprojekten des Kirchturms, gut erhaltene Fotos von der letzten Einrüstung, Teile von Tageszeitungen sowie damals geltende Kantons- und Bundesverfassungen. Rationierungsmarken für Milch, Hafer und Gerstenprodukte erinnern an die prekäre Versorgungslage zu Kriegszeiten. Resultate von Grossratswahlen aus den 40er Jahren verraten, dass Sozialisten damals die Oberhand hatten.

Wie der Bär geht nun auch die Kupferkugel auf Reisen: Sie wird nun von der Firma Muff in Triengen neu vergoldet und mit neuem Glanz entzücken.

Was soll jetzt in die Kugel?

Um der Nachwelt einen noch denkwürdigeren Moment zu ermöglichen, ist jetzt die Kirchgemeinde auf die Kreativität der zahlreichen Besucher angewiesen. Auf einer Flipchart wurden Ideen gesammelt. Die einen möchten Briefmarken oder Banknoten verewigen, andere schlagen Konfirmandenklassenfotos oder Luftbilder der Gemeinde vor. Auch beliebt sind Prognosen, wie man sich denn die Welt in ein paar Jahrzehnten vorstellt. Man kann gespannt sein, was bis Ende der Sanierungsarbeiten im August tatsächlich den Weg in die Turmkugel findet. Klar ist: Der Platz ist begrenzt.