Wettingen
Seit 36 Jahren Coiffeuse im gleichen Lokal: «Ich frage mich, ob ich noch etwas anderes gut kann»

Kaum aus der Lehre steigt Yvonne Räber ins Coiffeurgeschäft des Vaters ein. Dieses Jahr feiert sie bereits ihr 25-Jahr-Jubiläum als Geschäftsführerin. Nun überlegt sich die 57-Jährige, beruflich einen Neustart zu wagen.

Rahel Künzler
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Als 22-Jährige ist Yvonne Räber ins Geschäft des Vaters eingestiegen. Bis heute bedient sie einige seiner ehemaligen Stammkunden.

Als 22-Jährige ist Yvonne Räber ins Geschäft des Vaters eingestiegen. Bis heute bedient sie einige seiner ehemaligen Stammkunden.

Sandra Ardizzone

Von aussen ist der wohl älteste Coiffeursalon Wettingens kaum als solcher zu erkennen. Das Ladenlokal im Erdgeschoss des mattgelben Wohnblocks an der Schartenstrasse 20 hat keine Schaufenster; nur ein schlichtes Leuchtschild mit der Aufschrift «Coiffeur» hängt an der Fassade.

Auch der Standort abseits der viel befahrenen Landstrasse scheint alles andere als lukrativ. Und doch feiert der Coiffeur Räber dieses Jahr sein 62-jähriges Bestehen. Für Inhaberin Yvonne Räber ist es gleichzeitig das 25. Jahr als Geschäftsführerin. «Kaum jemand würde hier heute noch einen Coiffeur aufmachen», sagt sie. In ein anderes Lokal zu ziehen, kam für die 57-Jährige aber nie in Frage.

Neben dem Coiffeursalon aufgewachsen

1960 hatte ihr Vater Walter Räber das Coiffeurgeschäft übernommen – damals als eines von vieren in Wettingen. Yvonne Räber verbrachte hier den grössten Teil ihres Lebens. Fürs Treffen mit dieser Zeitung hat sie einen Ordner bereitgelegt, in dem sämtliche Zeitungsartikel übers Familiengeschäft gesammelt sind. Sie sagt:

«Meines Wissens steht hier das älteste Coiffeurlokal Wettingens, das noch in Familienhand ist.»

Beinahe habe der Vater das Geschäft 1976 aufgeben müssen, weil das ehemalige Geschäftshaus abgebrochen und durch einen Wohnblock ersetzt wurde, erzählt Räber. Die Lösung: Er kaufte den Parterrestock, richtete dort Coiffeurlokal und Wohnung zugleich ein. «Ein Schaufenster brauche ich nicht, ich bin genug bekannt», habe er gesagt.

Perfektion vom Vater gelernt

Yvonne Räber, die als Zwölfjährige in die Wohnung hinter dem neuen Coiffeursalon einzog, beobachtete den Betrieb durchs Terrassenfenster. Der Vater habe viel und hart gearbeitet, erinnert sie sich. Samstags habe er um sechs Uhr morgens geöffnet. Die Wettinger seien in Reih und Glied auf dem Bänkli im Geschäft gesessen und haben den neuesten Dorfklatsch ausgetauscht.

Noch heute liessen sich einige der Kunden des Vaters bei ihr die Haare schneiden, so Räber. Sie ist überzeugt, dass ihre perfektionistische Arbeitsweise viel dazu beigetragen hat. «Die Leute müssen von deinem Haarschnitt erzählen.» Dieser Satz ihres Vaters, der 2019 verstorben ist, liegt Räber noch immer in den Ohren.

Als 22-Jährige das Geschäft geführt

1986 – ein Jahr nach der Lehre als Coiffeuse – stieg Yvonne Räber ins Familiengeschäft ein. Eigentlich wollte sie zuerst noch ins Ausland. Am liebsten hätte sie auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Doch als der Vater krankheitsbedingt ausfällt, ist klar, dass die 22-jährige Tochter einspringen muss.

Von einem Tag auf den anderen ist Räber Geschäftsführerin ad interim. Am Anfang habe sie sich viele Sprüche der Stammkundschaft des Vaters anhören müssen, erzählt sie. «Kann die das?», habe es immer wieder geheissen. Sie habe versucht, sich davon nicht beirren zu lassen – auch wenn das nicht immer leicht war.

Sonntage mit Frisurentraining verbracht

Yvonne Räber-Freis Bruder Thomas bei den Schweizer Meisterschaften 1990. Mit der Frisur gewinnt die Wettingerin den vierten Platz.

Yvonne Räber-Freis Bruder Thomas bei den Schweizer Meisterschaften 1990. Mit der Frisur gewinnt die Wettingerin den vierten Platz.

Yvonn Räber-Frei

Als der Vater ins Geschäft zurückkehrt und sich wieder um die Herrenschnitte kümmert, baut sich Räber eine Damenkundschaft auf. Die Sonntage verbringt sie mit Frisierwettbewerben für Herrenschnitte oder dem Training dafür. Sie räumt etliche Preise ab.

Als Teil der Schweizer Coiffeurnationalmannschaft nimmt sie 1987 sogar an der Weltmeisterschaft teil. Waschen, schneiden, färben, föhnen, Augenbrauen zupfen, Bartpflege: Schon nur die Vorbereitung für so einen Wettbewerb habe mehrere Stunden gekostet.

«Am schwierigsten war es, Männer zu finden, die das alles über sich ergehen liessen», sagt Räber. Etliche Male habe ihr Bruder Thomas Räber hinhalten müssen. Auf der Suche nach neuen Haarmodels habe sie jeweils am Samstagabend vor dem Kino Elite gewartet und junge Männer abgepasst. Einer davon: ihr späterer Ehemann Bernhard Frei.

Zwischen Verantwortungsbewusstsein und Neugier

Von 1986 bis heute, also 36 Jahre, arbeitet sie nun im Wettinger Coiffeurgeschäft. Ohne Unterbruch. Während ihrer beiden Schwangerschaften habe sie das Arbeitspensum kurzfristig reduziert und eine Aushilfe angestellt, so die 57-Jährige. «Ganz weg sein könnte ich nie.»

Inzwischen schlummert in Räber seit längerem der Wunsch, sich beruflich umzuorientieren. Eine konkrete Idee für einen neuen Job hat sie nicht. Vielmehr reizt sie der Gedanke, vor der Pension noch etwas Neues auszuprobieren. «Manchmal denke ich mir: Jetzt bist du schon so lange in diesem Geschäft», so Räber.

«Ich weiss, dass ich als Coiffeuse viel Talent habe, und doch frage ich mich, ob ich noch etwas anderes gut kann.»

Gleichzeitig fühle sie sich aber auch verantwortlich gegenüber der langjährigen Kundschaft. Klar ist, dass weder die Tochter noch der Sohn als Nachfolge in Frage kommen. «Das stört mich gar nicht. Ich habe nie probiert, meine Kinder in diese Richtung zu lenken», betont die 57-Jährige.

Wenn aber plötzlich eine junge Berufskollegin in der Tür stehe und das Geschäft übernehmen möchte, würde sie das Angebot vielleicht sogar annehmen.

Seit 62 Jahren führt die Familie Räber das Coiffeurlokal an der Schartenstrasse in Wettingen.

Seit 62 Jahren führt die Familie Räber das Coiffeurlokal an der Schartenstrasse in Wettingen.

Rahel Künzler

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