«Schwarzer Donnerstag»

So schrieb das «Badener Tagblatt» 1929 über die Wirtschaftskrise

«Am Giftbaum der Börse wächst kein Zweig in den Himmel» – so märchenhaft hat das Badener Tagblatt die Weltwirtschaftskrise vor 85 Jahren umschrieben. Wir sind ins Archiv gestiegen.

Der 24. Oktober 1929 ist als schwarzer Tag in die Geschichte eingegangen. Mit dem Börsencrash «Schwarzen Donnerstag» beginnt in den USA die grosse Depression, die Weltwirtschaftskrise nimmt ihren Lauf.

Das Badener Tagblatt – Vorgänger der «Aargauer Zeitung» – berichtete ausführlich über die «Katastrophalität» der Krise und erklärte anschaulich, was denn die Gründe für deren Ausbruch sein könnten. Die Berichterstattung begann am 29. Oktober mit harscher Kritik am US-amerikanischen Wirtschaftssystem und sollte sich Tage später noch ausweiten. Denn über die Dimensionen war man sich nicht von Anfang an bewusst.

Der 24. Oktober 1929: Eine Menschenmenge steht vor der Wall Street-Börse in New York: Innerhalb weniger Tage verloren Millionen Amerikaner ihr Vermögen, die Panik griff weltweit auf die Börsenplätze über.

Der 24. Oktober 1929: Eine Menschenmenge steht vor der Wall Street-Börse in New York: Innerhalb weniger Tage verloren Millionen Amerikaner ihr Vermögen, die Panik griff weltweit auf die Börsenplätze über.

Anfänglicher Optimismus

So wurde das Platzen der amerikanischen Spekulationsblase vom «Schwarzen Donnerstag» erst sogar positiv aufgefasst: Die europäischen Anleger erhofften sich, dass der Kapitalfluss wieder weg von der momentan unsicheren Wall Street hin nach Europa mündet.

Dieser Optimismus spiegelte sich auch in den europäischen Börsenkursen wider: «Es mag dies als eine Folge des kühleren und berechnenderen Wesenszuges der Europäer angesehen werden, die es nicht lieben, sich fieberhaften Träumen auszusetzen, wie es die Amerikaner so gerne tun.» Die darauffolgende Woche zeigte jedoch: Die Krise macht vor Europa nicht halt.

Mit dem «Schwarzen Dienstag» erreichte der Crash den zweiten traurigen Höhepunkt. Alle amerikanischen Anleger versuchten gleichzeitig, ihre Aktien – egal zu welchem Preis – zu verkaufen. Die Folge war ein totaler Kurseinbruch sämtlicher Titel.

TV-Doku zum Börsencrash 1929 an der Wall-Street in New York.

TV-Doku zum Börsencrash 1929 an der Wall-Street in New York

Spekulations-Blüten und Opferlämmer

Erst am 4. November widmete das Badener Tagblatt rund ein Drittel der Frontseite der Börsenkrise in New York, um eine ausführliche Analyse der Gründe und Begebenheiten der vergangenen Tage zu illustrieren.

Notabene bestand die Frontseite im Gegensatz zu heute nur aus Fliesstext, die ganze Zeitung enthielt lediglich sechs Seiten. Doch die Qualität der Berichterstattung ist für die damalige Zeit beeindruckend.

Die zum Teil märchenhaft anmutende Erzählweise rundete die ganze Geschichte elegant ab, wie folgendes Beispiel zeigt: «Am Baume der Börse schiessen dann die Blüten der Spekulation wie Wunder heraus, bis dann die Hohen-Priester im Tempel des Mammons die Opferlämmer weissbluten lassen, wie es am 24. Oktober der Fall war.»

Schuldzuweisungen

Die nachfolgenden Analysen schoben die Schuld für den Ausbruch insbesondere auf die amerikanischen Spekulationsmethoden und den steigenden Geldbedarf, während sich die Europäer noch immer einigermassen in Sicherheit fühlten: «Nun sind wieder einmal die Europäer die Gescheiteren gewesen, die die für so segensreich gepriesene Institution nicht nachgeäfft und dadurch den Mittelstand nicht den dunklen Plänen der raffinierten Finanzmagnaten ausgeliefert haben.»

Doch wie man heute weiss, sollte Europa nicht verschont bleiben. Nach dem rigorosen Wirtschaftswachstum in den goldenen 20ern musste es einmal so weit kommen. Oder wie es das Tagblatt damals ausdrückte: «Auch am Giftbaum der Börse wächst kein Zweig in den Himmel.»

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