Kunst Aargau
Auf zu neuen Planeten: Junge Kunstschaffende landen mit der Ausstellung «Raumfahrt» im Museum Langmatt

Drei junge Künstlerinnen und Künstler zeigen in Baden fantastische Zukunftsszenarien. Aus Utopie wird dabei rasch Dystopie.

Anna Raymann
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Gefäss von Maya Hottarek.

Gefäss von Maya Hottarek.

Severin Bigler / ©

Durch den frühlingshaften Garten führt der Weg zur Ausstellung «Raumfahrt V». Rückseits der prächtigen Villa liegt im Schatten einer Fichte der Eingang zu der kleinen «Kunsthalle» des Museums Langmatt. In den letzten Jahren wurde der Keller zu Ausstellungsräumen um- und ausgebaut. Gibt in den oberen Geschossen herrschaftliches Interieur den Takt vor, geht es unten rauer zu. Den Raum bespielen nun einmal im Jahr junge Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellungsreihe «Raumfahrt». In der Serie wolle man ein «anderes Langmatt» zeigen, sagt Kuratorin Daniele Minneboo.

In der fünften Mission dieser «Raumfahrt» legen Matheline Marmy (1993), Timo Paris (1994) und Maya Hottarek (1990) diffuse Welten aus: Es gluckert, es wabert, fasziniert und stösst ab. Man wähnt sich in der Zeit nach vorn versetzt. Ist auf der Erde das Öl zu Ende gegangen? Unser Planet zu heiss geworden? Hat die Natur den Menschen in seine Schranken verwiesen?

Cyborgs tanzen durch den Keller

Die Visionen der jungen Künstlerinnen und Künstler schlagen keine eindeutige Richtung ein. Ein Wimpernschlag und aus Schönem wird Schauer. «Jede Utopie, aber auch jede Dystopie beginnt im Heute. Wir haben es selbst in der Hand, unsere Zukunft zu formulieren», sagt Timo Paris. Der Künstler aus Basel kommt aus der Bewegung, dem Breakdance.

«Wir haben es selbst in der Hand, unsere Zukunft zu formulieren»
Die Skulptur von Timo Paris friert die Bewegung ein.

Die Skulptur von Timo Paris friert die Bewegung ein.

Severin Bigler / ©

Im Tanz wie in der Kunst steht bei Paris der Körper im Zentrum. In Langmatt winden gipsweisse Arme und Beine um Geländer und Winkel. Die Gliedmassen verbindet ein Tuch, sodass das zusammengekniffene Auge eine Bewegung wie im Zeitraffer wähnt. Doch wie morbid: Im Bewegungsrausch verschwinden die Köpfe. «Mich reizt es, durch die Kunst körperliche Grenzen auszudehnen, ihn quasi künstlerisch zu erweitern», sagt Paris. Und so lässt er in seiner zweiten Arbeit, ein fotografisches Mobile, seinem Körper zusätzliche Gliedmassen wachsen – ein tänzerischer Cyborg im Sinne der Selbstoptimierung.

Wo die Künstlerin zur Alchemistin wird

In der Welt von Matheline Marmy hingegen scheint es keine Menschen mehr zu geben. Die Genfer Künstlerin setzt einen vier Meter langen gepanzerten Gliederfüssler in Langmatt ab. Die Konstruktion spiegelt metallisch. Marmy, gelernte Fotografin, wird in ihrem Atelier zur Alchemistin: Das Kupfer lässt sie oxidieren, sie arbeitet mit Chemikalien und züchtet Bakterienstämme. In kleinen Glaskästen lässt sie diese in der Ausstellung weiter wachsen. Unbändig färben sie nach und nach ihre Umgebung rötlich. Gärt in den Kästen ein Gift, gar ein Virus oder doch ein Heilmittel? Ob Dystopie oder Utopie soll der Betrachter selbst entscheiden, findet die Künstlerin.

Die Arbeit von Matheline Marmy oxidiert in der Ausstellung weiter.

Die Arbeit von Matheline Marmy oxidiert in der Ausstellung weiter.

Severin Bigler / ©

Coronabedingt fiel die Zusammenarbeit unter den beteiligten Künstlerinnen weniger nah aus als in anderen Jahren. «Trotzdem harmoniert es in der Ausstellung», sagt Maya Hottarek, «die Arbeiten von Matheline Marmy und mir ergänzen sich auf spannende Weise.»

Die Zukunft liegt in der Notlandung

Der letzte Raum zeigt, was geschieht, wenn man Marmys Bakterien entfesseln würde. Man läuft um hängende, leuchtende, qualmende Gefässe und wird dabei im Wechsel zur Riesin in einer kruden Galaxie oder zum Zwerg auf Augenhöhe mit den Mikroben. Die mystische Erfahrung ist gewollt: «Die Grenzen zwischen den kühlen Wissenschaften und esoterischen Ansätzen sollten weniger streng gezogen werden. Beide Felder blicken aus anderen Perspektiven auf ähnliche Themen, man könnte voneinander profitieren», sagt Maya Hottarek. Die Erde heisst bei der Bieler Künstlerin Gaia, und ist eher Organismus denn Planet. Damit das nicht nur Theorie bleibt, arbeitet Hottarek mit möglichst nachhaltigen Materialien.

«Die Grenzen zwischen den kühlen Wissenschaften und esoterischen Ansätzen sollten weniger streng gezogen werden.»
In der Grotte von Maya Hottarek.

In der Grotte von Maya Hottarek.

Severin Bigler / ©

Wenn Künstlerinnen und Künstler ihrer Zeit voraus sind, was kommt dann auf uns zu? Die fünfte «Raumfahrt» regt an: eine Zukunft, in der wir Ambivalenzen aushalten müssen. Hottarek vergleicht die Situation (nach Mediensoziologe Bruno Latour) mit einer Flugzeugnotlandung auf halber Strecke. Inmitten der Turbulenzen ist neuer Grund zu entdecken. Eine solche Notlandung habe sie sogar bereits selbst erlebt. «Das Chaos einer Notlandung kann für künstlerische Arbeiten sehr produktiv sein. Für alles andere wird es anstrengend.»

Raumfahrt V: 25.4.–31.10. Museum Langmatt, Baden.