Baden

Gymi-Schüler entwickeln App, die Autofahrer vor Sekundenschlaf warnt – nur Apple ist noch nicht überzeugt

Felix Hegg, Bruno Eigenmann, Gian Dogwiler (von links) vor der Badener Kantonsschule. Die App im kleinen Bild.

Felix Hegg, Bruno Eigenmann, Gian Dogwiler (von links) vor der Badener Kantonsschule. Die App im kleinen Bild.

Drei Badener Kantischüler wollen mit ihrer App Leben retten – während Google sie erlaubt, verweigert Apple die Aufnahme.

Wer an Ursachen von Autounfällen denkt, hat Fahren unter Alkoholeinfluss, Raser oder riskante Überholmanöver im Kopf. Weitaus häufiger ist dennoch: Müdigkeit. Sekundenschlaf, also spontanes und kurzfristiges Einschlafen, ist für jeden vierten tödlichen Unfall verantwortlich. Die App «Awaker» soll helfen, diese Unfälle zu vermeiden. Sie weckt den Fahrer mit einem Alarmton, sobald er wegdöst – und wurde von drei Badener Kanti-Schülern entwickelt. Gian Dogwiler aus Bergdietikon, Bruno Eigenmann aus Baden und Felix Hegg aus Remetschwil wollen mit ihrer App Leben retten.

Das Thema Sekundenschlaf beschäftigt die drei 18-Jährigen, die ­zusammen die Kantonsschule Baden besuchen. Eigenmanns Grossvater überlebte einen Unfall wegen Sekundenschlaf quasi unverletzt – das Auto aber: Totalschaden. Und auch Heggs Mutter kämpft immer wieder gegen Müdigkeit am Steuer an, bisher glücklicherweise unfallfrei. «Man meint, dass man dagegen ankämpfen kann. Aber das Einzige, was wirklich hilft, ist Schlaf», so Hegg. Dieser ist aber nicht immer unmittelbar möglich. Dogwiler erinnert sich an eine Fahrt ins Tessin: Plötzlich im Gotthardtunnel, 60 Kilometer Strecke geradeaus bei gleichbleibender Geschwindigkeit und monotoner Strecke – das Gehirn schaltet in den Entspannungsmodus. «Wenn man merkt, dass man müde wird, ist es oft schon zu spät. Und im Gotthard kann man schlecht mal anhalten und ein Nickerchen machen», sagt Dogwiler und lacht.

Auch Fernfahrern und Berufspendlern bleibt oft keine Möglichkeit für einen spontanen Power Nap. Genau für solche Situationen ist die App gedacht: Lange Fahrten, oft auch zu nachtschlafender Zeit. Das Smartphone wird dazu in einer Halterung im Auto entweder an der Lüftung oder der Windschutzscheibe befestigt, damit die Frontkamera möglichst während der ganzen Fahrt die Augen des Fahrers erfassen kann. Sobald sich die Lider schliessen, ertönt der Alarm. Dieser wird auch in ungefährlichen Situationen aktiv: Wenn man nach unten guckt zum Beispiel. «Beim Einparken kann das schon stören, da man sich oft umguckt. Deshalb haben wir die Funktion eingebaut, dass man den Alarm ab Tempo 30 deaktivieren kann», so Eigenmann.

Animiert die App zu gefährlichen Aktivitäten?

«Awaker» war ursprünglich nur ein Schulprojekt, entwickelte sich aber schnell zum Plan, wirklich eine markttaugliche App zu schaffen. Die Idee kam Felix Hegg vor anderthalb Jahren auf einer Forschungsexpedition ins kalifornische Silicon Valley. Dogwiler und Eigenmann liessen sich von dem «Start-up-Lifestyle» mitreissen, den Hegg in die Schweiz mitbrachte. Auch sie sind ­fasziniert von innovativen technischen Lösungen. Alle drei nennen Tesla-­Gründer Elon Musk als Vorbild, wollen später Start-ups gründen, an der ETH studieren und träumen von Raumfahrttechnologie.

Aber erst einmal: Leben retten. «Nur einmal muss die App im richtigen Moment piepsen, einen Fahrer vor dem Sekundenschlaf bewahren, und ein tödlicher Unfall könnte verhindert werden», sagt Dogwiler und seine Mitstreiter strahlen. Dieser Humanismus motivierte die Schüler, selbst wenn sie monatelang vor ungelösten Problemen standen. Einen Alarm durch das Schliessen der Augen zu aktivieren, klingt erst einmal einfach. Damit die App aber funktioniert, braucht es enorm viel Rechenleistung.

Das Engagement geht weiter

Hegg trainierte ein künstliches neuronales Netzwerk, also ansatzweise ein digitales Gehirn, mit einer halben Millionen Datensätzen. So lernte das System zu erkennen, wann Augen sich schliessen – auch unter schwierigen Bedingungen wie hinter Brillengläsern und bei Nacht. «Niemand von uns hätte gedacht, dass das so schwierig wird», sagt Eigenmann. Er musste gar erst das Programmieren von der Pike auf lernen.

Nach dem bestandenen Projekt tüfteln sie weiter an «Awaker» und gründen die Firma Interacode. Das Ziel: Die App marktreif zu machen. Seit Juni ist sie im Google Play Store erhältlich und hat mehr als 100 Downloads. Im Apple Store fehlt sie bisher aber – Apple will die App nicht veröffentlichen. Es heisst, sie könne ihre Nutzer zu gefährlichen Aktivitäten animieren. Besteht diese Gefahr? Hegg vergleicht es mit dem ­Sicherheitsgurt, der auch zu riskanterem Fahren verleiten könnte.

«In einer perfekten Welt bräuchte es so eine App gar nicht. Aber Sekundenschlaf wäre nicht die häufigste Ursache von tödlichen Autounfällen, wenn Leute nicht müde fahren würden. Wir bieten mit der App zusätzliche Sicherheit, weisen aber auch mehrfach darauf hin, dass man nicht müde Auto fahren soll.» Die Veröffentlichung könnte sich noch hinziehen, die «Awaker»-Jungs haben auch mit den intransparenten Bedingungen von Apple zu kämpfen. Dann aber soll das Marketing richtig losgehen. Dafür erstellen sie im Rahmen ihrer Maturarbeit gerade einen Businessplan. Mit Werbung würden die Download-Zahlen steigen und das Produkt sichtbarer. Das Herunterladen ist kostenlos, jeder soll die App gratis testen können. Die regelmässige Nutzung soll dann zwei bis drei Franken im Monat kosten.

Meistgesehen

Artboard 1