Baden
Videokunst mit Zilla Leutenegger in Baden: Dazwischen ist es am schönsten

Die neue Ausstellung im Kunstraum Baden zeigt Videokunst. Bild für Bild liest sich das wie eine Liebeserklärung an entrückte Unorte.

Anna Raymann
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Jannik Giger wirft in «Blind Audition» einen fast voyeuristischen Blick hinter die Kulissen.

Jannik Giger wirft in «Blind Audition» einen fast voyeuristischen Blick hinter die Kulissen.

Filmstill: Jannik Giger

Der Kunstraum Baden wird dieser Tage zum Videopalast. Kein Cineplex mit 3D-Brille und Popcorn, aber nicht weniger fesselnd. Kuratorin Claudia Spinelli baut den langgezogenen Ausstellungsraum für jede Schau neu um, für diese – es ist die erste im Jahr – macht sie aus ihm ein dichtes Gefüge für Videokunst. Schon lange habe sie dies vorgehabt: «Es freut mich, habe ich nun die richtige Konstellation gefunden», so Spinelli.

Und die Zusammenstellung überzeugt: Da ist Zilla Leutenegger, die letzten Sommer in einer leichtfüssigen Einzelschau das monumentale Bündner Kunstmuseum bespielte. Da sind die präzisen Observierungen einer Noha Mokhta oder Mireille Gros und die rauschhafte Komposition von Jannik Giger. Auf die Idee für die Ausstellung ist Spinelli aber durch eine Arbeit von Lea Fröhlicher gekommen. Im letzten Raum platziert, läuft nun die ganze Schau auf sie hinaus.

Zilla Leutenegger telefoniert von Baden nach Rapperswil

Das weisse Rauschen, mit dem der Rundgang aufmacht, stellt sich rasch als flirrendes Schneegestöber heraus. Im Treiben steht unbeirrt und ins Telefongespräch versunken eine junge Frau. Es ist «Zilla» – Alter Ego der Zürcher Künstlerin. Jedoch gehören zu einem Telefonat stets zwei. Und so hat auch die «Zilla» in Baden ein Gegenstück: Die Fernverbindung führt ins Kunstzeughaus in Rapperswil. Was die beiden wohl zu besprechen haben? Die Kopfhörer verraten es nur teilweise. Denn die Tonspur stammt aus dem japanischen Anime «Ghost in the Shell», in dem zwei Roboter, ihrer Softwareprogrammierung zum Trotz, einander verfallen.

«Zilla» telefoniert in «Momoru» nach Rapperswil.

«Zilla» telefoniert in «Momoru» nach Rapperswil.

Filmstill: Zilla Leutenegger

So fremd die Sprache klingt, so intuitiv trägt die Atmosphäre. Der Klang verbindet – nicht nur im einzelnen Werk, sondern auch die verschiedenen Arbeiten in der Ausstellung. Mal erzählerisch, wie bei Leutenegger, mal unterstreichend oder kokettierend: in jedem Stück ist der Klang zentral.

Hinter der Bühne ist vor dem Publikum

Gar eine Hauptrolle spielt der Ton bei Jannik Giger. Der Komponist aus Basel schafft den Spagat zwischen zeitgenössischer Musik und bildender Kunst, schreibt so etwa Klänge fürs Bild oder schneidet Szenen auf den Takt. In Baden öffnet er ein Guckloch hinter die Bühne. Er belauscht ein Casting, «Blind Audition» so der Titel. Im Close-up öffnen sich Lippen, Augen verengen sich, das Brustbein hebt sich. Aus der Atmung komponiert Giger den Soundtrack für den lauernd voyeuristischen Blick, den er vorführt.

Wie auf einer Bühne, aber keiner sieht hin in Mireille Gros' «more than I can say»

Wie auf einer Bühne, aber keiner sieht hin in Mireille Gros' «more than I can say»

Filmstill: Mireille Gros

Auf der anderen Seite hingegen haben zwei Tänzerinnen ihre Bühne selbst gewählt. Auf dem Vorplatz eines Chinesischen Supermarkts schaffen sie sich in ihren vorsichtigen Drehungen ihren eigenen Kosmos. Mireille Gros hat sie auf einer Reise gefilmt. Ihre Kamera scheint ob der abwesenden Blicke der Passanten die einzige Beobachterin zu sein.

Zwischenräume und Unorte mit Charme

Immer wieder taucht sie in der Ausstellung auf, die Bühne und viel mehr noch das Posieren auf ihr für ein mal sichtbares, mal unsichtbares Publikum. Eindrücklich präzise schildert dies die junge Genfer Künstlerin Noha Mokhtar. Sie re-inszeniert Social-Media-Clips mit ihren Posen, Urlaubsmomenten, und Tanzeinlagen. In der sanften Körnung bekommt die Social-Media-Ästhetik einen nostalgischen Anstrich, der ihr steht: Hier wird nichts verfremdet oder aufgehübscht, sondern zärtlich dokumentiert.

Für «My Life My Life My Life in the Sunshine» filmt Noha Mokhtar Social-Media-Clips neu ab.

Für «My Life My Life My Life in the Sunshine» filmt Noha Mokhtar Social-Media-Clips neu ab.

Filmstill: Noha Mokhtar

Zuletzt wird aus dem Hinterzimmer in Baden das Hinterzimmer eines Theaters in Bergkarabach. Lea Fröhlicher hat dort ihre Kamera aufgestellt. Nur der Ton kommentiert das Geschehen, verrät, dass zwischen abgeplatztem Putz und rostenden Leitungen kaum mehr gespielt wird: the show is over – die Geschichte aber ist noch nicht vorbei.

In der Aneinanderreihung liefern die Künstlerinnen und Künstler eine Anleitung fürs Schauen. Sie lenken den Blick dorthin, wo nichts ist, wo erst noch etwas werden muss. Sie alle durchdringen architektonische und soziale Zwischenräume. Es sind subtile Liebeserklärungen an den Charme von Unorten, wie sie beim Gang aus dem Kunstraum hinaus vielleicht auch die Stadt zu bieten hat.

Hinweis
Off Stage: 2.4 bis 5.6. Vernissage am 1.4. ab 19 Uhr im Kunstraum Baden. Meet the Artists am 10.4. ab 16 Uhr

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